2021 am oberen Zürichsee

Im August 2021 starben im oberen Becken des Zürichsees acht Hunde, weil sie «Blaualgen» geschluckt hatten. © SRF/Schweiz aktuell

«Blaualgen»-Alarm: Das warme Wasser ist nicht allein schuld

upg. /  Behörden und Medien begründen das Verbreiten der Bakterien mit dem zu warmen Wasser. Sie verschweigen die Mitverantwortlichen.

Die Tessiner Behörden riefen die Bevölkerung am Freitag auf, im Lago Maggiore nur in klarem Wasser zu schwimmen und den Kontakt mit sichtbaren «Blaualgen»-Ansammlungen zu meiden. Kleinkindern und Menschen mit empfindlicher Haut raten sie vom Baden ab. Auch Hunde und andere Haustiere sollen dem verseuchten Wasser fernbleiben. 

«Blaualgen» sind keine Algen, sondern Ansammlungen von Bakterien. Gegenwärtig haben sie sich bei Muralto verbreitet. Als Grund dafür zitiert das Fernsehen SRF lediglich die Eawag, wonach diese Cyanobakterien «von länger anhaltenden sommerlichen Bedingungen profitieren, die ihr Wachstum begünstigen». Zudem verhindere der ruhige Stand des Wassers, dass die Bakterien absinken. 

Im Sommer 2021 hatte es auch am Zürichsee und am Bodensee Warnungen wegen «Blaualgen» gegeben. Auch damals machte «Schweiz aktuell» – wie andere Medien – für die Verbreitung der giftigen Bakterien ebenfalls nur das besonders warme Wasser verantwortlich.

Doch warmes Wasser allein genügt nicht, damit sich diese Bakterienteppiche verbreiten können. Denn diese brauchen zum Wachsen auch Phosphor und Stickstoffe wie Nitrat, die in Schweizer Seen natürlicherweise nicht in genügenden Mengen vorkommen. Vielmehr stammen diese Nährstoffe aus überdüngten Böden der Landwirtschaft (Gülle und Mist), aus Abwässern und aus Abschwemmungen durch Regen und Schneeschmelze aus dem Einzugsgebiet.

Die Fachzeitschrift «Oekotest» stellt denn auch fest: «Entscheidend sind vor allem die Nährstoffbelastung, die Wassertemperatur und die Tiefe des Gewässers.» Bei Temperaturen ab 20 Grad beginnen «Blaualgen», sich deutlich zu vermehren. Besonders stark wachsen sie bei 25 bis 30 Grad, also genau dann, wenn Sommerhitze und Windstille zusammentreffen.

Die Temperaturen gibt die Natur vor. Doch für die Nährstoffe sind die Menschen verantwortlich. Bereits seit vielen Jahren kennt die Nährstoffbilanz der Schweizer Landwirtschaft einen fast konstanten Überschuss an Stickstoff und Phosphor. Für das Jahr 2020 wurden die gesamten Stickstoff-Einträge in Schweizer Gewässer auf rund 70’000 Tonnen geschätzt. Davon entfielen etwa 32’500 Tonnen oder fast die Hälfte direkt auf landwirtschaftliche Bewirtschaftung

Blaualgen Eawag
Bildung von Cyanobakterienblüten und Risiken für Kontakt mit Menschen und Tieren an der Wasseroberfläche.
Von links nach rechts: Ein grosser Teil der vorherigen Population bleibt bestehen. Unter günstigen Bedingungen kann sich eine neue Population aufbauen und wachsen. Einige Cyanobakterien besitzen Gasbläschen (weisse Kreise im Innern des Cyanobakteriums), womit sie ihre vertikale Bewegung in der Wassersäule steuern. Aufgrund des Wassertemperaturprofils, der Strömungen und der Windverhältnisse kann die Blüte die Oberfläche und sogar das Ufer erreichen. Einige dieser Blüten können Giftstoffe freisetzen und zu erhöhten Risiken für Schwimmer, kleine Kinder und Hunde führen.

«Blaualgen» können Haut und Schleimhäute reizen und beim Verschlucken zu akuten Magen-Darm-Beschwerden führen. Die Bakterien können auch Bindehautentzündungen auslösen und die Leber schädigen. Deshalb sollte man Seewasser mit den Bakterien möglichst nicht schlucken.

Eine Gefahr besteht insbesondere für Kleinkinder und Hunde, wenn sie verseuchtes Wasser schlucken oder sich länger in solchem Wasser aufhalten, das hohe Konzentrationen an Cyanobakterien enthält.


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