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Flaschensammler in Berlin am 14. August 2011 © cc-by-sa Sascha Kohlmann, Flickr

Eine Viertelmilliarde Menschen drohen in Armut abzurutschen

Daniela Gschweng /  Die globale Ungleichheit ist so gross wie lange nicht, sagt Oxfam. Nur wenige werden reicher, während eine Krise der anderen folgt.

Die weniger Wohlhabenden haben weltweit zwei schwierige bis existenzbedrohende Jahre hinter sich, während die Superreichen auf zwei aussergewöhnlich gute Jahre zurückblicken können. Die Ungleichheit in der Welt sei in Folge der Covid-19-Pandemie drastisch angestiegen, und zwar in jeder Hinsicht, gab Oxfam Ende Mai in dem Bericht «Profiting from Pain» bekannt.

Der Report erschien nicht zufällig kurz vor dem WEF in Davos. «Die Zahlen sind auf so erschütternde Weise entlarvend, dass mittlerweile selbst von konservativen Stimmen Zweifel am endlosen ‹Weiter so› zu hören sind», schreibt die Entwicklungsorganisation in ihrem Newsletter, in dem sie die wichtigsten Zahlen auflistet.

Bereits im Januar hatte Oxfam in einem Report die wachsende Ungleichheit thematisiert und vor «ökonomischer Gewalt» gewarnt. Die Diagnose bleibt die gleiche: Die soziale Ungleichheit hat weltweit insgesamt stark zugenommen. Die steigenden Preise, die unter anderem in Grossbritannien kürzlich für Demonstrationen sorgten, sind dabei noch gar nicht erfasst. Inflation sowie steigende Energie- und Lebensmittelpreise als Folge des Überfalls Russlands auf die Ukraine setzen vor allem Arme und Ausgegrenzte weltweit weiter unter Druck. In einer Übersicht zeigt der «Guardian» auf, was das von Belgien bis in die USA konkret bedeutet.

Vermögensungleichheit ist drastisch gestiegen

Die Pandemie-Jahre haben am Stichtag im März 2022 in zwei Jahren 573 neue Milliardärinnen und Milliardäre hervorgebracht, zählte «Oxfam» nach Daten von «Forbes». Das Gesamtvermögen aller Milliardär*innen sei während der zwei Jahre der Pandemie um 42 Prozent (3,8 Billionen Dollar) gestiegen – so viel wie in den 23 Jahren davor.  

Einkommensungleichheit steigt

99 Prozent der Menschheit mussten dagegen durch die Pandemie Einkommensverluste hinnehmen, listet Oxfam mit Bezug auf die im Januar veröffentlichten Zahlen auf. Der Abstand zwischen den grössten und den kleinsten Einkommen ist so erneut gestiegen.

Seit Beginn der Pandemie sind so viele Menschen neu von extremer Armut betroffen wie seit 20 Jahren nicht. Die Kombination aus Covid-19, steigender Ungleichheit und steigenden Preisen drohe 2022 eine Viertelmilliarde Menschen in extreme Armut zu stürzen.

Backlash bei der Geschlechtergleichheit – Frauen haben seltener Arbeit und verdienen weniger

Frauen sind von den Krisen der Gegenwart stärker betroffen als Männer, in Folge haben sie weniger Chancen und sind weniger gleichberechtigt. Während der Pandemie haben mehr Frauen als Männer den Arbeitsplatz verloren. Zum einen, weil sie zusätzliche Care-Aufgaben abdecken mussten, zum anderen, weil Branchen mit hohem Frauenanteil wie Tourismus und Service besonders betroffen waren.

Während sich die Beschäftigungsquoten für Männer erholt haben, waren im vergangenen Jahr 13 Millionen weniger Frauen berufstätig als 2019. Der Gender-Pay-Gap hat sich ebenfalls vergrössert. Bis Frauen endlich gleiche Löhne wie Männer bekommen werden, wird es nach Prognoserechnungen noch 136 Jahre dauern. Vor der Pandemie waren es «nur» 100 Jahre.

Am meisten leiden ohnehin diskriminierte Gruppen

Die Lebensmittelpreise sind im vergangenen Jahr so stark gestiegen wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen der Vereinten Nationen 1990. Menschen mit migrantischen Wurzeln und andere marginalisierte Gruppen traf nicht nur die Pandemie besonders hart, sie leiden auch überproportional darunter, dass Lebensmittel teurer werden. Seien es indigene Menschen in Brasilien, Latinos und Schwarze in den USA, Dalit in Indien oder Menschen mit Wurzeln in Bangladesch, die in Grossbritannien leben.

Gewinne bei den Lebensmittel- und Agrarkonzernen

Milliardäre, die ihr Geld im Nahrungsmittel- oder Agrarbereich verdienen, konnten ihr Vermögen hingegen deutlich steigern. Als Beispiel führt Oxfam den Lebensmittel-Konzern Cargill an. Dieser ist zu 87 Prozent im Besitz einer der weltweit reichsten Familien. Das Vermögen aller Mitglieder summiert sich laut «Forbes» auf rund 43 Milliarden Dollar, 14,4 Milliarden mehr als noch 2020. Ein weiters Beispiel ist die Walton-Familie, der die Hälfte des Detailhändlers Walmart gehört.

Im Gesundheitssystem besteht die Ungleichheit fort

Gut verdient hat auch, wer im Tech-Sektor oder im Pharmabereich investiert hat. Profitiert haben zum Beispiel Pfizer, Microsoft, Apple und Tesla. Ungleichheit herrscht hingegen noch immer bei der Covid-Impfstoffverteilung.

Auf der anderen Seite sind nur 18 Prozent der Menschen in Ländern mit geringem Einkommen bisher mindestens einmal gegen das Corona-Virus geimpft (Stand 22. Juni). In ärmeren Ländern sind auch die meisten Menschen an Corona gestorben. Täglich sterben dort noch immer 15’000 Menschen, weil sie keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung haben.

Logistik machte Kasse

Neben den üblichen Gewinnern wie Tech und Big Oil machte auch der Transportsektor Kasse. Oxfam führt das Beispiel der Reederei Hapag-Lloyd auf, die während der Pandemie die Preise um 1000 Prozent (kein Tippfehler) erhöhte und 2021 Rekordgewinne einfuhr. Dabei bezahlte sie laut der deutschen «Tagesschau» kaum Steuern.

Die Ungleichheit zwischen den reichen und den armen Ländern nimmt ebenfalls zu. Die Auslandverschuldung vieler Länder dürfte weiter steigen. 54 einkommensschwächeren Ländern droht die Zahlungsunfähigkeit, warnte die Weltbank – und das am wahrscheinlichen Anfang einer globalen Ernährungskrise und bei steigenden Zinsen.

«Tax the Rich» – Oxfam fordert Krisen- und Vermögenssteuer

Die zunehmende Ungleichheit in allen Bereichen gefährdet nicht nur die Demokratien weltweit, sondern, das geht aus den Zahlen von Oxfam hervor, das Leben vieler Menschen. Eine Abgabe auf die Covid-19-Gewinne sei überfällig, folgert die Organisation.

Mit den Gewinnen der zehn reichsten Männer allein könne man genügend Impfstoff für die ganze Welt herstellen, Gewalt gegen Frauen in über 80 Ländern bekämpfen und Lücken bei Bildung, öffentlicher Gesundheit und sozialem Schutz schliessen. Oxfam drückt es ein wenig anders aus und nennt es «eine einmalige Sondersteuer von 99 Prozent».

Eine progressive Vermögenssteuer für die Reichsten der Welt, ausgehend von zwei Prozent für ab fünf Millionen Dollar Privatvermögen bis fünf Prozent für Vermögen ab einer Milliarde, könnte 2,3 Milliarden Menschen aus der Armut holen, schlägt Oxfam vor.

Referenz ist ein Vorschlag der «patriotischen Milliardäre» (patriotic billionaires). Diese haben eine Liste der Superreichen von Argentinien bis Zimbabwe und ihrer Wohlstandsgewinne während der Pandemie gemacht und überschlagen, wie viel eine Vermögenssteuer einbringen würde.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

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2 Meinungen

  • am 25.06.2022 um 09:31 Uhr
    Permalink

    «Inflation sowie steigende Energie- und Lebensmittelpreise als Folge des Überfalls Russlands auf die Ukraine setzen vor allem Arme und Ausgegrenzte weltweit weiter unter Druck.» Zum hundertsten Male: Nicht der Überfall Russlands auf die Ukraine ist die Ursache, sondern der hirnrissige Wirtschaftskrieg, den der sog. «Werte-Westen» gegen Russland angezettelt hat.
    Es ist traurig, dass im heissen Krieg, von russischer Seite «militärische Sonder- (oder Spezial-) Operation» genannt, jeden Tag Menschen sterben, aber die Anzahl der Toten, die durch den Wirtschaftskrieg – euphemistisch auch ‹Sanktionen› genannt – hervorgerufen werden, wird wesentlich höher sein. Das bestätigt ja auch Oxfam.

    0
  • am 27.06.2022 um 08:25 Uhr
    Permalink

    @ Kiefer, Sie haben absolut recht.
    Das nennt sich «kognitive Dissonanz».

    0

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