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Elektrizitätswerk der Stadt Bern: Vom billigen Atomstrom profitieren die Grossverbraucher. Aber zahlen sollen alle. © EWB

Naturstrombezüger sollen für den AKW-Ausfall bezahlen

Marco Diener /  Die kleinen Kunden des Berner EWB beziehen nur Naturstrom. Aber für den Ausfall von Gösgen werden wohl auch sie büssen müssen.

Nun darf der Betrieb des Atomkraftwerks Gösgen wieder hochgefahren werden. Aber die Kosten für den zehnmonatigen Ausfall sind immens. Es dürften nach neusten Berechnungen deutlich über 500 Millionen Franken sein. Wer bezahlt dafür? Es sind die Aktionäre.

Einer dieser Aktionäre ist das Elektrizitätswerk der Stadt Bern (EWB). Es hält einen Anteil von 7,5 Prozent an Gösgen. In diesem Umfang muss es sich auch an den Kosten für den Ausfall beteiligen. Letztes Jahr blieben 28 Millionen Franken am EWB hängen. Dieses Jahr dürften weitere 12 Millionen hinzukommen.

Mit Atomstrom nichts zu tun

Das EWB beabsichtigt nun, auch die kleinen Kunden zur Kasse zu bitten, wie «Berner Zeitung» und «Bund» berichten. Das ist paradox. Denn die kleinen Kunden haben mit Atomstrom nichts zu tun. Strombezüger mit einem Verbrauch von weniger als 100’000 Kilowattstunden pro Jahr können nämlich beim EWB nur aus drei Produkten wählen:

  • Ökostrom: aus zertifizierter Wasserkraft und Solarenergie
  • Naturstrom: aus Wasserkraft, Solarenergie und Biomasse
  • Basisstrom: aus einheimischer Wasserkraft

Nur Kunden mit einem Jahresverbrauch von über 100’000 Kilowattstunden können auch Graustrom beziehen. Graustrom ist laut EWB «das günstige Produkt für Kunden, für die primär der Preis relevant ist». Konkret: Strom aus Atomkraftwerken, aus Erdgaskraftwerken und aus Kehrichtverbrennungsanlagen.

Mit anderen Worten: Kleine Kunden müssen sauberen Strom beziehen. Aber jetzt – da es in Gösgen Probleme gibt – sollen sie auch für den Atomstrom bezahlen.

Die «Durchschnittspreismethode»

Laut «Berner Zeitung» und «Bund» erklärt das EWB, dass es nach der «Durchschnittspreismethode» rechne – also die «gesamte Kraftwerksproduktion» berücksichtige. Das heisst: Auch die Tarife der atomkraftfreien Stromprodukte sollen mit den Kosten von Gösgen belastet werden. Das entspreche den Vorgaben der Aufsichtskommission Elcom.

Zürich macht es anders

Nur: Andere Elektrizitätswerke rechnen anders. Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) wird die Kosten für den Ausfall von Gösgen nicht auf die kleinen Kunden überwälzen. Der Grund: «Seit dem Jahr 2018 werden die grundversorgten Kundinnen und Kunden ausschliesslich mit erneuerbarer Energie beliefert. Massgeblich für den Tarif sind dabei die Gestehungskosten dieser Kraftwerke.»

Auf Nachfrage von «Berner Zeitung» und «Bund» räumte das EWB denn auch ein, dass es verschiedene Methoden zur Tarifberechnung gebe. Warum das EWB anders rechnet als das EWZ – darauf gab es keine Antwort.

Antworten gibt es möglicherweise dereinst im Stadtparlament. Denn bereits ist ein Vorstoss dazu eingereicht worden. Die Forderung: Es dürfte «nicht zu einer Subventionierung von Graustrom-Grossverbrauchern durch Privathaushalte und Gewerbe» kommen.

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3 Meinungen

  • am 25.03.2026 um 11:24 Uhr
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    Unsere Elektrizitätswerke machen es sich immer ganz einfach. Immer soll der private Endverbraucher für Mehrkosten oder Verluste aufkommen. Frechheit. Die Ausfallkosten soll die KKW Gösgen AG mit vorgetragenen Gewinnen der Vergangenheit verrechnen. Solche gibt es ganz sicher. Wenn das nicht reicht, soll die KKW Gösgen AG den Graustrom teurer verkaufen und so die Kosten decken. Dann werden die Mehrkosten nur auf die Graustrombezüger überwälzt, was auch korrekt und fair wäre. Es ist schon interessant zu sehen, dass die Stromproduzenten null Risiko übernehmen wollen. Allfällige a.o. Kosten werden sofort weitergegeben an die privaten Endverbraucher. Subventionen, die via Steuergelder finanziert werden, nehmen die Stromproduzenten jedoch bereitwillig an.

  • am 25.03.2026 um 14:02 Uhr
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    Danke! Sehr aufmerksam. Diese Ungenauigkeiten finden meistens zuungunsten der kleinen Produzenten und Konsumenten statt. Mit dem Effekt, dass die Mächtigen noch mächtiger werden.

  • am 26.03.2026 um 11:23 Uhr
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    Natürlich müssen die bezahlen: Die Fussgänger und Fahrradfahrer müssen mit ihren Steuern auch die Förderung der E-Mobilität bezahlen. Die Gier der Staatsdiener ist unermesslich.

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