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Mit CO2-Zertifikaten wachsen unter Umständen nicht nur Bäume sondern auch die Guthaben der Zwischenhändler. © public-domain piqsels

CO2-Zertifikate sind für Zwischenhändler eine Goldgrube

Daniela Gschweng /  CO2-Kompensationszahlungen fliessen zu grossen Teilen in die Taschen von Maklern, statt in Umweltprojekte.

Wer in die Ferien fliegt, bezahlt immer öfter ein paar Franken mehr zur Kompensation des verursachten Klimaschadens. Für den Extra-Franken wird dann irgendwo auf der Welt ein Wald gepflanzt oder ein anderes Klimaprojekt umgesetzt.

Das denken zumindest Konsumentinnen und Konsumenten. Teilweise stimmt es auch. Ein grosser Teil des Geldes fliesst jedoch in andere Kanäle. Ob es dort der Umwelt dient, ist unklar.

Die Gewinnspannen für die Zwischenhändler von CO2-Zertifikaten jedenfalls sind hoch. Das berichten das Greenpeace-Medium «Unearthed», und «Source Material» aus einer Partnerrecherche zu den Zertifikaten. Die beiden Medien nutzten Daten von «Allied Offsets», einem Unternehmen, das Daten zu Carbon Offsets sammelt. Sie fanden fast 250 Projekte, bei denen Zwischenhändler CO2-Zertifikate von Umweltprojekten für den dreifachen Preis an Unternehmen weiterveräussert hatten.

Auch MyClimate profitiert

Das Schweizer ETH-Spin-Off MyClimate beispielsweise habe CO2-Zertifikate eines Projekts in Myanmar für 10,70 Dollar gekauft und für mehr als 30 Dollar wieder verkauft. MyClimate beruft sich auf «Marktschwankungen» und eine Absicherung für ein mögliches Fehlschlagen des Mangroven-Projekts.

Das gemeinnützige Unternehmen investierte 2020 laut «Unearthed» den Grossteil der Unternehmensgewinne in einen Investmentfonds. Dieser wird laut MyClimate für weitere Klimamassnahmen genutzt. Denjenigen, die die Zertifikate kauften, ist dabei grösstenteils nicht klar, dass ihr Geld nicht direkt und vollständig zu den bezeichneten Umweltprojekten geht.

Laut den FAQ auf seiner Webpage «garantiert MyClimate, dass mindestens 80 Prozent der Kompensationsgelder für die Klimaschutzprojekte vor Ort verwendet werden. Die restlichen maximal 20 Prozent benötigte die gemeinnützige Stiftung für die Deckung der Verwaltungs- und stiftungsinternen Kosten».

In einem Projekt kamen nur noch 15 Prozent der Kompensation an

Das französische Unternehmen EcoAct ging noch weiter, was durch geleakte E-Mails belegt ist. EcoAct verkaufte im vergangenen Jahr C02-Zertifikate, die ein Projekt im Amazonas ein Jahr zuvor für 2,75 Dollar abgegeben hatte, für 20 Dollar weiter.

Die Umwelt hat von dem schlussendlich bezahlten CO2-Preis oft wenig, der Finanzmarkt dafür umso mehr. Wo die Gewinne von Maklern landen, ist, anders als bei MyClimate, oft nicht dokumentiert.

Zu den Kunden von EcoAct gehören Konzerne wie easyJet, Air France oder Coca-Cola. EcoAct versichert seinen Kunden, dass «normalerweise 85 bis 95 Prozent» des Kaufpreises an das Umweltprojekt gingen. Eine Sprecherin wies den Vorwurf «grosser und unfairer Gewinne» gegenüber «Unearthed» und «Source Material» zurück.

«Wahrscheinlich ist [diese Gewinnspanne] nicht das, was der Kunde im Sinn hatte», sagt Kelsey Perlman, Wald- und Klimaspezialistin bei der Kampagnengruppe Fern. «Unearthed» listet noch weitere Beispiele auf. 

Es geht zwar ums Klima – aber auch um viel Geld

Wie undurchsichtig und anfällig für Missbrauch der CO2-Markt ist, hat Infosperber bereits am Beispiel Greenwashing beschrieben («Wie sich Unternehmen Klimaneutralität zusammenkaufen»). Der Markt für CO2-Emissionen sei noch grösstenteils wilder Westen, sagt auch ein PR-Spezialist, den «Unearthed» und «Source Material» befragt haben.

Die Recherche beleuchtet ein dringendes Problem im globalen CO2-Handel: Bei der CO2-Kompensation geht es zwar ums Klima aber eben auch immer mehr ums Geld.

Im vergangenen Jahr seien Kompensationsgeschäfte für schätzungsweise eine Milliarde Dollar getätigt worden. Die Rohstoffgiganten Vitol, Glencore und Trafigura hätten 2021 alle eine Abteilung für den Emissionshandel eröffnet, schreibt «Unearthed». Der Markt ist in grossen Teilen intransparent und wenig reguliert.

Wichtiges Instrument zur Bekämpfung der Klimakrise

Politiker und Umweltverbände betrachten Carbon Offsets oder CO2-Zertifikate als einen der wichtigsten Hebel im Kampf gegen die Klimakrise. Irgendwann, so die Idee dahinter, wird es so teuer werden, Kohlendioxid zu emittieren, dass Klimaschutzmassnahmen günstiger kommen.

Das gilt sowohl für die verpflichtenden Zertifikate für Unternehmen, die einer Art «CO2-Strafe» gleichkommen, wenn diese zu viel CO2 produzieren, wie auch für freiwillig gekaufte. Beide sollen den Klimaschutz voranbringen und beide Arten von Zertifikaten werden auf längere Sicht teurer werden.

Was CO2-Makler mit dem Geld machen, das sie von Ihren Kunden bekommen, müssen sie nicht öffentlich machen. Wer eine Fluggesellschaft dafür bezahlt, CO2-Kompensation für den Ferienflug zu leisten, investiert so womöglich in Finanzprodukte, die mit Klimaschutz nicht das Geringste zu tun haben.

Mehr Transparenz ist dringend nötig

Darauf vertrauen, dass Geld für Emissionszertifikate tatsächlich Klimaschutzmassnahmen finanziere, könne man derzeit leider nicht, sagt auch Gilles Dufrasne. Dufrasne ist Fachreferent für internationale Klimapolitik bei der gemeinnützigen Organisation «Carbon Market Watch», die den Kompensationssektor beobachtet.

Der Umweltökonom fordert dringend mehr Transparenz im wachsenden Geschäft. «Wenn der Zwischenhändler um ein Vielfaches mehr bekommt als das Unternehmen, das die Klimawirkung erzeugt, läuft etwas sehr falsch», sagt er.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

3719017725_8c14405266

Die Klimapolitik kritisch hinterfragt

Die Menschen beschleunigen die Erwärmung der Erde. Doch kurzfristige Interessen verhindern griffige Massnahmen.

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6 Meinungen

  • am 19.05.2022 um 11:26 Uhr
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    Wir bringen uns und unsere Lebensgrundlage sowieso über kurz oder lang selber um. Pestizide, Umweltvergiftung und Zerstörung, Ressourcenvernichtung dank Wegwerfgesellschaft, Mikroplastik und Plastik in den Weltmeeren, Bodenerosion, Artenreduktion, unnötiger Mobilitätswahn und Überbevölkerung. Kriege, Gefahr von zivilen und militärischen Nuklearkatastrophen. Auf das CO2 kommts da wirklich auch nicht mehr an.

    3
  • am 19.05.2022 um 11:30 Uhr
    Permalink

    Grüezi Frau Gschwend
    Als ehemaliges Mitglied der Kreativgruppe des WWF Schweiz erkannten wir diese Problem schon vor vielen Jahren. Zahlreiche der Mitglieder der Kreativgruppe kanen aus dem Investment und hatten grosse Erfahrung.
    Der Verkauf von Zertifikaten hat einen grundsätzlichen systemischen Fehler, den man auch mit noch so vielen Kontrollmechanismen und Transparenzmassnahmen nicht beheben kann. Wir müssen den CO2 Ausstoss auf Null senken. Man kann aber nicht Zertifikate verkaufen für etwas, dass gegen Null tendieren muss. Der richtige Ansatz ist die Einführung einer Ressourcen-Lenkungsabgabe, wie dies im Ansatz von Frau Widmer-Schlumpf mit der KELS versucht wurde. Mit Enefco.eu haben wir die ursprüngliche KELS weiter entwickelt und daraus den Verfassungstext formuliert für eine mögliche Nachhaltigkeits-Initiative. Vielleilcht sind Sie bereit eine Diskussion darüber anzustossen. https://enefco.eu/nachhaltigkeits-initiative/

    0
  • am 19.05.2022 um 13:06 Uhr
    Permalink

    Die CO2-Zertifikate ersetzen die Gewinne aus dem Öl Handel, somit ist es zumindest Wirtschaftsneutral.

    4
  • am 20.05.2022 um 11:08 Uhr
    Permalink

    Ein erstaunlich einseitig geschriebener Artikel aber das mag aus Verbrauchersicht alles so erscheinen. Da ich nun mal auf der anderen Seite stehe – also so ein «Zwischenhändler» bin, sehe ich das ganz anders. Es gibt in meiner Branche der CO2-Händler im Offsetbereich ein paar Punkte, die die Mehrheit der Händler auch so sehen wird. Schwarze Schafe mal aussen vor.
    Womit ist dem Klima gedient? Mit nichts tun nichts. Also ist alles Geld was in Klimaprojekte fließt besser wie nichts, auch wenn es nur 15% sind. Mit «Spenden» werden wir den Planeten nicht retten, das dürfte allen klar sein. Also muss man Gesetze zwingend anwenden (z. B. EU Emissionshandel) oder freiwillige Systeme unterstützen (z. B. Carbon Offsets Handel), wobei die sich dann wirtschaftlich tragen müssen. Die allermeisten Verbraucher werden sich nicht vorstellen können, was das an Investitionen bedeutet, wie z. B. Kauf der Projekte, IT-Infrastruktur, Personal, Büro, etc.
    Das volle Risiko von Preisschwankungen, etc. usw…..

    0
  • am 20.05.2022 um 12:53 Uhr
    Permalink

    Guten Tag Herr Kroehnert, es freut mich sehr, dass sich ein Händler meldet. Welche Kosten fallen in Ihrem Unternehmen denn wofür an? (Einige haben Sie ja bereits aufgeführt) Und zu welchen Teilen fliessen diese in den Preis ein, zu dem Sie Zertifikate dann weitergeben?

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