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Symbolische Darstellung von CO2-Äquivalenten bei Protesten in Wien 2018 © cc-by-sa systemchange not climatechange/Flickr

Wie sich Unternehmen Klimaneutralität zusammenkaufen

Daniela Gschweng /  Vom Mineralwasser bis zur Tiefkühlkost, mit ein paar CO2-Zertifikaten ist vieles schnell «klimaneutral».

Die Organisation «Foodwatch» hat in Deutschland gerade Pouletbrüste der Rewe-Kette zur dreistesten Werbelüge des Jahres erklärt. Das Poulet der Rewe-Eigenmarke an sich ist ganz in Ordnung. Nur: «klimaneutral», wie es auf der Verpackung steht, kann es auf keinen Fall sein, das sieht auch der Uninteressierteste ein. Die emissionsfreie Herstellung von Pouletfleisch ist nicht möglich.

Ist sie doch, sagt Rewe. Und zwar mit einem Trick: Das Unternehmen hat sich die Pouletbrust einfach nachhaltig gemacht – durch den Kauf von Klimazertifikaten. Auch andere Unternehmen verwenden diese Methode. Auf Platz zwei der durch Publikumsabstimmung gewählten Schummelprodukte des Jahres steht beispielsweise das Volvic-Mineralwasser von Danone, das als «klimaneutral zertifiziert» verkauft wird. Dabei ist die Abfüllung von Wasser in Plastikflaschen und der Transport per LKW von Frankreich nach Deutschland alles andere als klimafreundlich.

Dem Rewe-Konzern passte es natürlich überhaupt nicht, von Foodwatch öffentlichkeitswirksam mit dem jährlich verliehenen Negativpreis «Goldener Windbeutel» ausgezeichnet zu werden. Er streitet sich deshalb derzeit mit «Foodwatch» über die Gültigkeit und Nachhaltigkeit der Poulet-Kompensations-Zertifikate.

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Das von Foodwatch beanstandete Poulet von Rewe, das den «goldenen Windbeutel» 2021 gewann.

Zertifikatskauf spiegelt Aufwand vor, den es nicht gibt

Der Punkt aber ist ein ganz anderer. Dürfen Unternehmen Produkte, die mit CO2-Zertifikaten kompensiert wurden, als «klimaneutral» bezeichnen? Schliesslich wurden dafür an anderer Stelle Emissionen eingespart. Wäre ein «klimaneutrales» SUV aber nicht genauso irreführend wie halbleere Verpackungen, angebliche Natürlichkeit oder unhaltbare Produktversprechen?

Die deutsche Wettbewerbszentrale hält diese Art Klimaneutralität für zumindest problematisch, hat bereits Werbung beanstandet und mehrere Gerichtsverfahren angestrengt. Ihr Argument: Andere Unternehmen, die mit ihrer Klimafreundlichkeit werben würden, hätten dafür grossen Aufwand betrieben. Ein Unternehmen müsse mindestens angeben, wie die Klimafreundlichkeit erreicht worden sei.

Auf Kosten derer, die wirklich Emissionen reduzieren

Wer ein «klimaneutrales» Produkt kauft, nimmt an, dass sich ein Unternehmen eingesetzt, seine Prozesse durchleuchtet und umstrukturiert hat, um in Zukunft zum Wohle aller klimafreundlicher zu wirtschaften. Stattdessen hat es lediglich Zertifikate gekauft.

Zum Vergleich: Nehmen wir an, ein Schweizer Hühnerhalter pfercht seine Hühner in Ställen zusammen, die gerade noch den Mindestanforderungen genügen, kauft sich aber «Tierwohl-Zertifikate», die von freilaufenden Hühnern auf einer indonesischen Insel abgedeckt werden. Seine Pouletbrust deklariert er dann sowohl als «lokal» wie auch als «aus Freilandhaltung». Abgesehen davon, dass es dieses Modell nicht gibt – würden Sie das akzeptieren?

Am (Klima)ziel vorbei

Die Lage bei den Klimagasen ist, zugegeben, etwas anders. Sie werden lokal ausgestossen und beeinflussen die ganze Welt. Wo sie entstehen, ist deshalb zunächst egal. Da es in Entwicklungsländern weniger kostspielig ist, Emissionen zu vermeiden, ist eine Tonne CO2 dort am günstigsten. Einwohner weniger finanzkräftiger Länder, die zur Klimakrise wenig beitragen und Zertifikate verkaufen können, bekommen so eine Art Klima-Kompensation.

Das Ziel, dass sich gerade Industrien in reichen und innovationsstarken Ländern besonders bemühen, Emissionen zu reduzieren, ist damit nicht erreicht. Wohl aber ein Vorteil für Unternehmen, die es sich leisten können, ihre Produkte «grünzukaufen». Möglich, dass dieser Punkt noch kommen wird, wenn Zertifikate so teuer werden, dass Reduktionsmassnahmen günstiger kommen. Darauf zu warten, verschiebt dringend nötiges Handeln in die Zukunft.

CO2-Zertifkate sind nicht einheitlich

Es gibt verschiedene Formen von CO2-Zertifikaten. Einmal die offiziellen Emissionszertifikate, die an Märkten gehandelt werden. Stösst ein Unternehmen mehr Klimagas aus, als es darf, muss es zur Kompensation Zertifikate zukaufen.

Privat gehandelte Zertifikate gibt es auch. Sie stammen meist aus Klimaschutzprojekten. Kaufen kann man damit pro Zertifikat je eine Tonne CO2 oder von einem äquivalenten Gas, das nicht produziert wird. Zertifikate von Klimaschutzorganisationen wie myclimate, Klimakollekte, Atmosfair und Climate Partner gibt es zu unterschiedlichen Preisen. Eine Tonne CO2-Einsparung kostet teilweise nur wenige Euro, was deutlich zu günstig ist.

Wer möchte, kann durch den Kauf von Zertifikaten zum Beispiel den Fussabdruck eines Langstreckenfluges kompensieren. Dafür werden dann Solarlampen in entlegenen Dörfern installiert oder irgendwo auf der Welt Bäume gepflanzt. Einen ausführlichen Überblick über das Thema gibt es zum Beispiel bei «Quarks», dem Wissensmagazin des WDR. Unternehmen bekommen, weil sie viele Zertifikate kaufen, eine Art Mengenrabatt.

Qualität und Transparenz sind unterschiedlich

Es gibt verschiedene Standards für CO2-Zertifikate. Qualität und Transparenz können bei unterschiedlichen Anbietern sehr verschieden sein, stellte die «Stiftung Warentest» bei der Prüfung mehrerer Anbieter 2018 fest. «Quarks» gibt ausserdem zu bedenken, dass mit dem Kauf von Zertifikaten unter Umständen Geld an Autokraten und Diktaturen fliesst, was die Erwerbenden wohl eher nicht möchten. Auch die doppelte Anrechnung von CO2-Einsparungen im Ursprungs- und Zielland ist ein Problem.

Abgesehen von grundsätzlicher Kritik wie der Gefahr des Greenwashings raten nicht nur «Test» und «Quarks» dazu, beim Zertifikatserwerb genauer hinzuschauen. Anscheinend streiten sich da sogar die Fachpersonen. Rewe verweist beim «klimaneutralen» Poulet auf Climate Partner, von dem die Zertifikate stammen. «Foodwatch» kritisiert, dass es das Einsparungsprojekt in Peru bisher nur auf dem Papier gebe, also keine wirkliche CO2-Reduktion stattgefunden habe. Rewe dementierte in einer Stellungnahme. Am Ende wird wohl vor Gericht entschieden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Die Klimapolitik kritisch hinterfragt

Die Menschen beschleunigen die Erwärmung der Erde. Doch kurzfristige Interessen verhindern griffige Massnahmen.

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2 Meinungen

  • am 20.12.2021 um 13:10 Uhr
    Permalink

    Egal wie man es dreht und wendet, es wird getrickst und beschissen wo es nur geht. Der ganze Handel mit Klima Zertifikaten ist pure Augenwischerei und am Ende bezahlen die Konsumenten und Steuerzahler einige wenige Profiteure, die das Problem nur auf eine andere Ebene verschieben ohne es zu lösen.

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  • am 21.12.2021 um 15:09 Uhr
    Permalink

    Die gesamte Klimapolitik ist bislang nichts weiter als ein Papiertiger. Ich kann kaum konkrete Maßnahmen, die natürlich in erster Linie aus Verboten bestehen müssten, erkennen. Ohne Verbote und persönlichen Verzicht wird sich nichts bewegen, und dazu ist ein Großteil der Menschen nicht bereit. Offensichtlich glauben sie wirklich, dass irgend ein Schalter «umgelegt» wird und das Problem ist gelöst. Und persönlicher Verzicht auf Gewohnheiten oder Konsum geht ja nun gar nicht. Mittlerweile sollte aber auch dem letzten Dödel klar sein, dass ohne tiefgreifende Einschnitte in unsere Lebensweise die Katastrophe nicht zu verhindern sein wird. Nur müssen wir und unsere klugen Politiker langsam mal anfangen, zu handeln. Schon bei Corona wurde im Interesse des Wahlkampfes viel zu lange auf wirkungsvolle, aber unpopuläre Maßnahmen, verzichtet. Das können wir uns beim Klima nicht noch einmal leisten. Jede Verzögerung bedeutet steigenden Aufwand und erhöhte Kosten. Und dass die Unternehmen uns mit ihren falschen (grünen) Versprechungen täglich verarschen, liegt im Wesen des Kapitalismus, in dem alles dem Profit untergeordnet wird, koste es, was es wolle. Die gegenwärtige ach so demokratische Gesellschaftsordnung kann die globalen Probleme nicht lösen, das kann nur eine vorübergehende Ökodiktatur leisten. Irgendwann wird ohnehin der Ausnahmezustand ausgerufen werden, wenn Wasser, Strom, Gas etc. knapp und rationiert werden sowie die Inflation weiter steigt. Dann haben wir die Diktatur.

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