Olkiluoto 3

Der Reaktor Olkiluoto 3 in Finnland kostete rund 15 Milliarden Euro, etwa fünfmal soviel wie veranschlagt. © «SRF»

«80 Prozent der neuen Kernkraftwerke sind in Atomwaffenstaaten»

Wolfgang Storz /  Neue AKW sollen sicher, billig, klein und «smart» sein. Der Experte Wolfgang Renneberg widerspricht.

Red. Das Interview des früheren Chefredaktors der Frankfurter Rundschau mit dem Experten für Reaktorsicherheit Wolfgang Renneberg erschien in etwas erweiterter Form im Blog «Bruchstücke». In einem ersten Teil befasste er sich mit den Alterungsrisiken der Schweizer Kernkraftwerke.

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Wolfgang Storz: Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) erlebt die Atomenergie weltweit ein Comeback. Mehr als 40 Länder verfolgten konkrete Pläne und wollen die weltweite Kernkraftkapazität bis 2050 verdreifachen. Auch in der Schweiz gibt es Bestrebungen, neue Atomkraftwerke zu bauen. Wie kommt es zu einer solchen Renaissance?

Wolfgang Renneberg: Die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache als die IAE. Der Kernenergie-Boom, soweit davon überhaupt gesprochen werden kann, ist vorbei. Es gehen im Trend mehr Anlagen vom Netz als neue Anlagen in Betrieb. Der Anteil der Kernenergie am globalen Strommix sinkt kontinuierlich: von etwa 17,5 Prozent im Jahr 1996 auf heute nur noch etwa 9 Prozent. Auch die Zahl der betriebenen Atomkraftwerke in Europa und Nordamerika sinkt, weil sie gegenüber den erneuerbaren Energien einfach zu teuer sind. Wenn überhaupt, dann wächst die Kernenergie im Wesentlichen in China, Russland und Indien. Es ist auch mehr als zweifelhaft, ob diejenigen Atomkraftwerke, die in Planung sind, und von denen die IAE spricht, überhaupt realisiert werden. Weder das Geld noch die zur Verfügung stehende Infrastruktur noch das technische Knowhow wird ausreichen, um diese Pläne zu verwirklichen.

Welche Länder setzen noch auf Atomenergie?

Etwa 80 Prozent der neuen oder neu geplanten Kernkraftwerke sind in Atomwaffenstaaten. Diese Staaten brauchen ihre zivil genutzten Kernkraftwerke und die dazugehörige Technologie und auch die Fachleute, um ihre militärische Atomwaffenfähigkeit zu behalten. Mit dem Klimaschutz hat das nichts zu tun.

Zur Person

Wolfgang Renneberg
Wolfgang Renneberg

Wolfgang Renneberg ist Hochschullehrer, Physiker, Jurist und einer der angesehensten Experten für Reaktor-Sicherheit. Er leitete von 1998 bis 2009 die Atomaufsicht im deutschen Bundes-Umweltministerium BMU. Danach arbeitete er als Gutachter und Sachverständiger. Von 2012 bis 2015 war er Professor beim österreichischen Institut für Risiko- und Sicherheitswissenschaften in Wien. Heute ist er Vorstandsmitglied im deutschen Ökoinstitut.

Die Rede ist nun viel von neuen Kraftwerks-Generationen, Kleinreaktoren und Fusionsmaschinen. Diese seien viel billiger und auch sicherer. Präsident Macron versprach 2021 die Fertigstellung eines ersten französischen Kleinreaktors (SMR) bis zum Ende des Jahrzehnts. Er nannte es «Réinventer le nucléaire». Was ist an diesen Versprechen dran?

Es ist völlig spekulativ vorherzusagen, wann es mal den Prototyp eines französischen Kleinreaktors geben wird, der ein praktikables Modell für ein künftiges Kernenergieprogramm darstellt. Die staatliche französische Elektrizitätsgesellschaft EDF ist mit über 60 Milliarden Euro hoch verschuldet. Der Grund sind massive Kostenüberschreitungen bei Neubauprojekten wie der von Frankreich entwickelte Europäische Druckwasserreaktor EPR, ein Kernkraftwerk, das eine Kernschmelze überstehen soll. Dazu kamen ungeplante Langzeit-Stillstände der alternden Kraftwerksflotte wegen Korrosionsschäden und die politisch gewollte nicht kostendeckende Preisgestaltung für Atomstrom. Sie haben das Unternehmen an den Rand des finanziellen Kollapses gebracht.

Was hat es mit dem EPR auf sich?

Er wurde für einen Festpreis von 3,2 Milliarden Euro einem finnischen Energieunternehmen angeboten. Der Reaktor Olkiluoto 3 wurde in Finnland in Olkiluoto gebaut. Er kostete etwa das fünffache wie veranschlagt, 15 Milliarden Euro, und seine Bauzeit betrug 18 Jahre, fünfmal so lange wie geplant. Dabei sollte mit dem Bau des EPR demonstriert werden, dass der neue Reaktortyp mehr Sicherheit für einen geringen Preis bietet.

Was bringt die neue Generation der «Small Nuclear Reactors» (SMR)?

Weil eben das alles nicht funktioniert, sich vor allem auch nicht rechnet, wird jetzt die Hoffnung auf eine neue Generation von Kernkraftwerken gesetzt, die klein, smart, ungefährlich und billig sein sollen. Aber auch die Konzepte für diese Kernkraftwerke zeigen, dass die grundlegenden Risiken der Kernenergie nicht gelöst werden. Denn die geplanten «Small Nuclear Reactors» sind zum grossen Teil weder klein noch smart. Entgegen anderen Aussagen machen sie ein Endlager nicht überflüssig. Darüber hinaus benötigten sie eine Infrastruktur zur Wiederaufarbeitung der radioaktiven Stoffe mit ihren eigenen hohen Risiken. Dass die Kernenergie mit neuen Reaktoren im gesamten System des Brennstoffkreislaufs tatsächlich sicherer wäre als bisher, ist nicht nachgewiesen. Eine Aussage darüber, wie teuer neue Reaktortypen werden, ist ebenso rein spekulativ.

Wird es diese SMR denn überhaupt irgendwann einmal geben?

Zurzeit gibt es jedenfalls kein einziges Atomkraftwerk-Konzept, das diese Eigenschaften demonstriert hat, technisch sowie finanziell machbar ist und beantragt werden könnte. Das wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern. Und: Selbst wenn man davon ausginge, diese Reaktoren würden demnächst baureif werden, müssten weltweit viel mehr als 10’000 solcher Reaktoren gebaut werden, damit die Kernenergie einen nennenswerten Anteil an der CO2-Vermeidung hätte. Das ist eine absurde Vorstellung.

Weiterführende Informationen


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Keine
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