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Gerhard Schröder. Archivbild © chinaimages/depositphotos

Gerhard Schröder: USA haben Ende des Ukraine-Kriegs verhindert

Red. /  Nach Kriegsbeginn reiste Schröder nach Moskau und wollte zwischen Russland und der Ukraine eigenmächtig vermitteln. Jetzt redet er.

Schröder sei nach Kriegsbeginn im Jahr 2022 «aus der Ukraine» gebeten worden, zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln. Auf der einen Seite kontaktierte er Präsident Putin, mit dem er ein vertrauensvolles Verhältnis hatte. Auf der anderen Seite war der Gesprächspartner Rustem Umjerow, der heutige Verteidigungsminister der Ukraine. Er hatte einen guten Draht zu Selensky und ist Angehöriger der Minderheit der Krimtataren. 

Über Details seiner Bemühungen um eine Vermittlung im März 2022 berichtete Schröder am 21. Oktober in einem Interview mit der «Berliner Zeitung».

Schröder sagte, er habe mit Umjerow am 7. und 13. März zwei Gespräche geführt, dann mit Putin ein Vier-Augen-Gespräch und danach noch mit Putins Gesandten. 

Umjerow habe die Gespräche mit Grüssen von Selensky eröffnet und sei im Laufe der Verhandlungen zu Zugeständnissen bereit gewesen. Umjerow habe erklärt, «dass die Ukraine keine Nato-Mitgliedschaft wolle». Und die Ukraine wolle Russisch im Donbas wieder einführen. 

Trotzdem kam es zu keiner Einigung. Schröders «Eindruck»: «Es konnte nichts passieren, denn alles Weitere wurde in Washington entschieden. Das war fatal.» Die Amerikaner würden glauben, man könne «die Russen klein halten».

Schröder fuhr fort: «Die Einzigen, die den Krieg regeln könnten gegenüber der Ukraine, sind die Amerikaner. Bei den Friedensverhandlungen im März 2022 in Istanbul mit dem heutigen ukrainischen Verteidigungsminister Rustem Umjerow haben die Ukrainer keinen Frieden vereinbart, weil sie nicht durften. Sie mussten bei allem, was sie beredeten, zuerst bei den Amerikanern nachfragen.» 

Nach Schröders Ansicht wären die Verhandlungen etwa zu folgendem Ergebnis kommen:

  1. Ein Verzicht der Ukraine auf die Mitgliedschaft in der Nato. Die Ukraine kann die Bedingungen ohnehin nicht erfüllen. 
  2. Das Problem der Sprache. Das ukrainische Parlament hat die Zweisprachigkeit abgeschafft. Das muss geändert werden. 
  3. Der Donbas bleibt Teil der Ukraine. Der Donbas brauche aber eine grössere Autonomie. Ein funktionierendes Modell wäre das von Südtirol. 
  4. Die Ukraine braucht Sicherheitsgarantien. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen plus Deutschland sollte diese Garantien geben. 
  5. Die Krim. Wie lange ist die Krim russisch? Die Krim ist für Russland mehr als nur ein Landstrich, sondern Teil ihrer Geschichte. Man könnte den Krieg beenden, wenn nicht geopolitische Interessen im Spiel wären.

«Die Europäer haben versagt»

Es sei nicht – wie vielfach behauptet – wegen des Massakers von Butscha zum Abbruch der Verhandlungen gekommen. Denn dieses Massaker wurde erst später [am 31. März] bekannt.

Die Europäer hätten versagt. Denn im März 2022 seien die Ukrainer bereit gewesen, über die Krim zu reden. Das habe damals sogar die Bild-Zeitung bestätigt. Unter dem Titel «Endlich Frieden in Sicht» berichtete die Bild-Zeitung am 14. März: «Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky (44) selbst hatte bereits Zugeständnisse für Verhandlungen angedeutet: Er beharre nicht mehr auf dem Nato-Beitritt seines Landes, sagte er dem US-Sender ABC. Und auch zu einem ‹Kompromiss› um die Krim und die abtrünnigen Provinzen im Donbas sei er bereit. ‹In jeder Verhandlung ist mein Ziel, den Krieg mit Russland zu beenden›, so Selensky zu BILD.»

Heute könnten laut Schröder höchstens Frankreich und Deutschland wieder einen Friedensplan anstossen. 

An die Opfer und Leidtragenden denken

Ein andauernder Krieg, der Russland enger an China bindet, sei nicht im Interesse des Westens. Vor allem aber müsse man an die Opfer und Leidtragenden der Kriege denken: «Die Waffenlieferungen sind doch keine Lösung für die Ewigkeit. Doch darüber sprechen will niemand. Alle sitzen in Schützengräben. Wie viele Menschen müssen noch sterben? Es ist ein bisschen wie im Nahen Osten. Wer sind die Leidtragenden auf der einen und auf der anderen Seite? Arme Menschen, die ihre Kinder verlieren.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Ukraine_Sprachen

Die Ukraine zwischen Ost und West: Jetzt von Russland angegriffen

Die Ukraine wird Opfer geopolitischer Interessen. Die Nato wollte näher an Russland. Seit dem 24.2.2022 führt Russland einen Angriffskrieg.

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10 Meinungen

  • am 25.10.2023 um 11:51 Uhr
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    Jetzt hat es also unser früherer Bundeskanzler bestätigt, dass ein Frieden in der Ukraine schon im März 22 möglich gewesen wäre. Wenn dem der amerikanische Präsident zugestimmt hätte.
    Aber ist sich der amerikanische Präsident seiner Verantwortung über diese Entscheidung bewußt?
    Er hätte alle Toten, Verwundeten, das ganze Leid, die ganze Tragödie und Verwüstung seit März letzten Jahres verhindern können, wenn er dem Friedensplan zugestimmt hätte.
    Doch da wäre ja Putin noch nicht genügend geschwächt gewesen und es waren noch nicht genügend Waffen geliefert worden. Ist es das wert, so viele Menschen, ja ein ganze Region in den Abgrund zu reißen?
    Und was war mit den europäischen Ländern? Konnten oder wollten sie ihn nicht umstimmen?

  • am 25.10.2023 um 12:23 Uhr
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    Gerhard Schröder ist viel vertrauenswürdiger als die aktuelle Ampel-Koalition.
    Es wird offensichtlich, dass viele Leitmedien auch hier der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit erzählt haben, uns offensichtlich bewusst falsch leiten und dass US-Regierungskreise nicht Frieden, sondern Krieg wollten, so wie auch aktuell im Israel-Palästina-Konflikt und in Taiwan.
    Und die Schweizer Regierung steht immer enger zu Washington?!

    Auf folgenden Widerspruch möchte ich noch hinweisen: Wie viele Rohstoff-Minen, Transportunternehmen, usw. arbeiten ausschliesslich, um die Rohstoffe für die globale Rüstungsindustrie von jährlich > 2 Billionen $ zu liefern? Der Ausstoss von Treibhausgasen dabei ist astronomisch, vom eigentlichen Krieg und dem späteren Wiederaufbau ganz zu schweigen.

    Wie können die westlichen Regierungen da behaupten, dass sie die Welt vor einem angeblichen Klimakollaps retten wollen?
    Einfach unglaubwürdig!

    Wer den Planeten «retten» will, ist für Frieden. Jetzt, sofort.

    • am 26.10.2023 um 20:57 Uhr
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      Immer dann, wenn jemand ohne Zusammenhang plötzlich und aus dem Nichts noch einen Widerspruch zu entdecken glaubt, und dabei noch eine Zahlenangabe beifügt, die Wichtigkeit und Seriosität insinuieren soll, glaube ich, dass dieser nicht mehr genügend Abstand zum Diskussionsgegenstand hat. Aus welchem Grund auch immer.

  • am 25.10.2023 um 12:49 Uhr
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    Dumm ist nur, dass das niemand beweisen kann und warum sollte die USA das getan haben? Das sie neben China gleich ein weiteres Problem haben? Es ist ja nicht so, dass die USA den europäischen Schauplatz gerne verlassen würden und sich eher China zuwenden möchten..
    Es ist im Interesse der Europäer die Ukraine bis zum Sieg zu unterstützen, weil Putin nur die Sprache des Todes versteht und sich auch nur so beeindrucken lässt.
    „Mit Faschisten verhandelt man nicht», das hat die Geschichte gezeigt@ Slava Ukraine

  • am 25.10.2023 um 17:50 Uhr
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    Was einmal mehr beweist, dass Europa, will es noch irgendeine Rolle spielen, mit den Amerikanern zumindest in außenpolitischer Hinsicht endlich brechen muss. Der Hauptkonflikt heißt USA gegen Russland. Die Ukraine ist lediglich das Bauernopfer, und der Konflikt wird auf dessen Territorium ausgefochten. Am Ende wird in Europa ein ‹Failed State› und verbrannte Erde hinterlassen. Wäre es im vorangegangenen kalten Krieg zum äußersten gekommen, hätte die USA ohne mit der Wimper zu zucken die völlige Zerstörung Europas in Kauf genommen, um ihre Interessen gegenüber der damaligen UDSSR auszufechten. Die Amerikaner haben es bisher immer hervorragend verstanden, ihren Zwist mit dem jeweiligen Gegenüber auszulagern. Das aber will, insbesondere hierzulande, niemand wahrhaben.

    • am 26.10.2023 um 23:24 Uhr
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      Mit den USA zu brechen ist sicherlich keine gute Idee. Die Pax Americana war ja eine gute Idee, solange sie funktioniert hat. Das eigentliche Problem hat Klaus von Donanyi benannt: Europa ist zu sehr von der amerikanischen Innenpolitik abhängig, weil dort alle 2 Jahre gewählt wird. Biden kann jetzt keine Kompromisse mit Russland schließen, weil er dann um seine Wiederwahl fürchten muss. Sollte die Stimmung in den USA umschlagen, könnte Europa allein gegen Russland stehen. Ähnliches gilt, sollte Trump nächstes Jahr wieder ins Amt kommen.
      Die USA können sich das leisten, weil sie 6000 km vom Kriegsgeschehen weg sind. Wir würden an deren Stelle genauso handeln.
      Die Alternative wäre, dass Europa selbst militärisch und politisch so stark wird, dass es die eigene Sicherheit selbst garantieren kann. Davon ist in Deutschland außer warmen Worten leider nicht viel zu sehen und hören. Es geht auf absehbare Zeit nicht ohne die USA, und das haben wir uns selbst zuzuschreiben.

  • am 25.10.2023 um 18:46 Uhr
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    Unsere „Qualitätsmedien“ werden zu verhindern wissen, dass diese Vorgeschichte zum Ukraine-Krieg thematisiert und bekannt wird. So wie sie die Vorgeschichte des Krieges, z.B. die Gesprächsangebote Putins, nie erwähnen. Die vierte Gewalt im Staat, die Presse, hat sich zum Lenker der Staaten gemacht. Die Besitzer der Medien und ihre Verleger haben sich zusammengeschlossen und bestimmen den Tenor der Berichterstattung. Die Journalisten sind frei, sich eine neue Arbeit zu suchen, wenn sie den Vorgaben der Verleger nicht folgen wollen. Die Medien sind heute die erste Gewalt im Staat, sie treiben die Politiker als Ausführungsgehilfen vor sich her.

  • am 25.10.2023 um 20:49 Uhr
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    Danke, dass Sie das noch einmal wiederholen. Wer behauptet, ein Waffenstillstand sei bald nach Ausbruch des Russischen Angriffskrieges möglich gewesen und von den USA, resp. von Boris Johnson, verhindert worden, riskiert ja Ächtung, aller Belege zum Trotz. Eine Sicht auf den Krieg, die offenbar aktiv unterdrückt wird. Das ist erst mal nicht neu oder überraschend. Wichtig wäre zu wissen, wer mit welchen Mitteln hier agiert. Wer unterdrückt diese Meinung wie? Wer genau hat den Waffenstillstand wie verhindert? Wie genau, mit welchen Druckmitteln haben die USA/NATO Selensky erpresst, denn eine Erpressung war es offenbar? Das wäre eine wichtige Information. Denn sie könnte helfen herauszufinden, wie wir die offenbar irre gewordenen Politiker «unserer» Seite stoppen könnten.

  • am 26.10.2023 um 01:18 Uhr
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    Nein, Putin versteht nicht nur die Sprache des Todes. Laut Jacques Baud war Putin mit den Vorschlägen von Selensky einverstanden, der Krieg hätte ein rasches Ende gefunden. Die Interessen der USA? Russland auseinander fallen zu lassen, in mehreren kleinen Regionen aufteilen, Russland in die Knie zwingen und die Macht über Europa verstärken (mit Von der Leyen ist ihnen das gelungen!), Europa von Russland abzukoppeln und mit ihren Gaslieferungen an Europa viel Geld einzunehmen, die Nato wieder beleben und zusammenzuschweissen (auch das ist ihnen leider gelungen). Die USA braucht die Nato für ihre weiteren Kriege, d.h. Europa wird miteingezogen werden in den Nahost Konflikt. Und unsere Regierungen (inkl. Schweiz) scheinen den USA völlig hörig, im Narrativ wie im Handeln.

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