Kommentar
Störsender ohne Störung
Es kann vorkommen im Leben, dass man merkt, dass man plötzlich auf der anderen Seite einer Barrikade steht. Die Debatte um die Halbierungs-Initiative ist so ein Moment. Offiziell geht es um Geld, um 335 Franken pro Jahr, um 200 Franken, um Effizienz und um Markt. Aber es geht auch um etwas anderes, um die Frage nämlich, wer heute das System ist, und wer dagegen.
Früher waren Alternative Medien fast selbstverständlich links konnotiert. Projekte wie «Democracy Now!», 1996 gegründet und im Umfeld der globalisierungskritischen Bewegung gross geworden, sendeten aus einer Art Gegenwelt. Die Welt rund um die Anti-WTO-Proteste von Seattle 1999, die Welt vor 9/11, war eine Epoche, in der Medienkritik automatisch auch Kapitalismuskritik war.
Als Störung links stand
Diese Gegenwelt existierte nicht nur ausserhalb der Institutionen. DRS 3 spielte die Musik, die anders klang als. DRS 3 war Teil der SRG, also gebührenfinanziert, aber nannte sich selbst «Störsender», und irgendwie funktionierte das, denn Disruption war kein Investmentbegriff, sondern eine Art ästhetisches Versprechen.

DRS 3 – noch bevor der Störsender in ein Hitradio überführt wurde – fühlte sich an wie ein Ort, wo in Ruinen Blumen blühten. Man war Teil der Institution und gleichzeitig ihr Gegenmodell. Plattenläden waren Vorposten einer anderen Wirklichkeit, und das Internet war Verheissung.
Andy Müller-Maguhn vom Chaos-Computer-Club träumte vom Netz als Infrastruktur des Weltfriedens. Man glaubte, Information solle frei sein, und Freiheit bedeute Fortschritt. Heute wirkt es, als wäre vor allem frei, was viral geht. Das Netz brachte keine Weltgesellschaft hervor, sondern eine Aufspaltung in tausend Öffentlichkeiten. Es demokratisierte vor allem auch Obsessionen.
Der Widerspruch verschiebt sich
Die Formate der Gegenöffentlichkeit, das lange Gespräch, die demonstrative Skepsis gegenüber den Medien, die Inszenierung des Aussenseitertums, verschwanden nicht. Aber sie wechselten die politische Trägerschaft. Rechts verstand es, sie zu professionalisieren und in ein Geschäftsmodell zu überführen. In einer Welt, in der das Fortschrittliche zur Norm geworden schien, suchte der Widerspruch ein neues Zuhause. Die eigentliche Verschiebung bestand darin, dass das Selbstverständnis der Gegenöffentlichkeit nach rechts wanderte.
Währenddessen begannen die einstigen Rebellen, Institutionen zu verwalten. Die «WoZ», einst Symbol einer publizistischen Gegenkultur, verteidigt heute die SRG im Ton staatspolitischer Verantwortung.
Rechte Unternehmer und Politiker wie Tito Tettamanti und Christoph Blocher wiederum haben früh verstanden, dass Medien Macht sind und investierten entsprechend. Dass die SRG mindestens halbiert gehört, war für sie gar nicht so sehr eine Rechenaufgabe als vielmehr eine ordnungspolitische Überzeugung. Es ging nie nur um Programme oder Gebühren, sondern um Einfluss und Struktur.
«Halbieren», das klingt ja nach Buchhaltung. Und nach Rationalisierung, und vielleicht sogar nach Modernisierung und mit Sicherheit nach betriebswirtschaftlicher Vernunft. Aber «Halbieren» verändert mehr als eine Bilanz. In einem System wie der SRG, viersprachig, föderal austariert und auf Quersubventionierung angewiesen, passiert eine Halbierung nicht linear. Stattdessen wird die gesamte Architektur verändert und das Gleichgewicht zwischen Sprachregionen verschoben. Die SRG wäre gezwungen, Bereiche aufzugeben, die sich nicht rechnen, aber politisch gewollt sind.
Die Bastion und ihre Grenze
Die Schweizer Debatte ist das Echo eines Musters. Über Jahrzehnte wurde, vor allem von liberaler Seite, unter dem Banner von Markt und Effizienz staatliche Infrastruktur ausgedünnt, demokratische Verfahren wurden als träge verspottet, die Öffentlichkeit wurde privatisiert. Und nun aber, da die Abrissbirne in Gestalt von Donald Trump grinsend auf der Weltbühne steht, beschwören auch solche, die zuvor am Rückbau beteiligt waren, den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Frage ist nur, ob sich eine Öffentlichkeit noch verteidigen lässt, die man jahrzehntelang ökonomisiert hat?
An dieser Stelle zeigt sich die zweite Verschiebung. Auch linke Milieus, die Institutionen einst skeptisch gegenüberstanden oder sie als Teil hegemonialer Strukturen kritisierten, verteidigen nun den öffentlichen Rundfunk als Bastion gegen Fake News. Man verweist auf BBC, SRG, ARD, ZDF, ORF als Bollwerke der Vernunft in einem Meer aus Wahnsinn, gegen den Irrsinn der deregulierten Plattformen. Doch diese Rede von der Bastion hat eine Kehrseite. Denn eine Bastion schützt nicht nur, sie grenzt auch ab und definiert, wer drinnen ist und wer draussen.
Nimmt man etwa Georg Restle, Moderator des Politmagazins «Monitor» bei der öffentlich-rechtlichen ARD, so verkörpert er eine klare linke Haltung innerhalb dieses Korridors. Ein rechtes Pendant mit vergleichbarer Zuspitzung wäre in derselben Institution nicht vorstellbar. Das Problem ist nicht, dass es Restle gibt, sondern dass Symmetrie entweder nicht gewollt oder nicht denkbar erscheint. Die Rechte sieht darin den Beweis für ideologische Schlagseite. Die Linke sieht die Verteidigung demokratischer Standards. Beide sagen, es gehe um die Freiheit.
Marktförmige Disruption
Und damit sind wir wieder beim Kern der Schräglage und wie sich die Situation grundsätzlich verändert hat: Disruption ist heute rechts codiert. Der Angriff auf Institutionen kommt nicht mehr von links. Systemkritik ist nicht nur Geschäftsmodell geworden, sondern Teil eines Selbstverständnisses, das sich mit enormer ökonomischer Macht verbindet, in einer digitalen Infrastruktur, die von wenigen globalen Plattformunternehmen kontrolliert wird und deren Logik der Aufmerksamkeitsökonomie das Gemeinsame eher fragmentiert als festigt.
Früher wusste man, wo der Störsender stand. Heute ist das nicht mehr so klar. Sie kommt nicht mehr aus einer Redaktion, sondern aus einer Infrastruktur. Sie ist eingebaut in Geschäftsmodelle, in Algorithmen, in Aufmerksamkeitsmärkte.
Langsamkeit als Widerstand
Wer die SRG heute verteidigt, tut dies, weil sie institutionelle Stabilität repräsentiert, eine letzte Zone kalkulierter Langsamkeit in einer Ökonomie der permanenten Reizung. Und gegen eine Welt, wo es keine Vielfalt mehr gibt, sondern Tiktok-Beschleunigung und Alice-Weidel-Clips-Dauerfeuer, während Journalistinnen bei der Regionalen Arbeitsvermittlung Schlange stehen in einer rechtsautoritären Fake-News-Welt, in der niemand unter sechzig noch weiss, was «Sternstunde Philosophie» war, aber alle Reels von Joe Rogan und «Tele Thomas Matter» zitieren können, unsere Aufmerksamkeitsspanne auf zehn Sekunden geschrumpft ist und «Nebelspalter»-Chefredaktor Markus Somm täglich die «Tagesschau» moderiert und «10 vor 10» und das «Wort zum Sommtag».
Die Frage ist weniger, ob dieses Szenario eintritt, sondern eher, warum es heute plausibel klingt. Und so geschieht in dieser surreal wirkenden Make-America-Great-Again-Welt das Paradox. Jene, die einst Institutionen als Teil des Systems kritisierten, bewahren sie heute, und zwar aus Misstrauen gegenüber dem Markt, denn die Revolution ist marktförmig geworden.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Danke für diese gute Analyse, mit der ich über weite Strecken einverstanden bin. Auch in der Beobachtung, wie links und rechts die Seiten gewechselt haben. Als kritischer Zeitgenosse findet man sich bei gewissen Themen in der Nähe rechter Parteien, mit denen man in den Grundzügen nicht übereinstimmt. In Deutschland gibt es das Bündnis Sahra Wagenknecht, das am ehesten eine kritische Haltung gegenüber dem Staat mit den Anliegen früherer Linksparteien ziemlich überzeugend zu verbinden vermag. In der Schweiz fehlt ein solches Sammelbecken.
Einzig die Schlussfolgerung von Daniel Ryser überzeugt mich nicht ganz. Dass man aus einer Haltung des Misstrauens gegenüber dem Markt nun der SRG den Rücken stärken könnte, leuchtet mir nicht ein. Zu sehr sehe ich die SRG selbst mit den Marktstrukturen, die ja auch Machtstrukturen spiegeln, verwoben, als dass hier noch unabhängige Berichterstattung garantiert wäre. Auch was die politische Ausrichtung betrifft.
Der erste «kritische» Artikel zum Thema auf IS. Bisher kamen ausschließlich Gegner der Initiative zu Wort, eine offene Debatte vermisse ich auf dieser Plattform.Der Autor versucht die Verschiebung der Medien aufzuzeigen, die sie in den letzten Jahrzehnten durchmachte und lässt seine Haltung nicht gross durchschimmern, eine Wohltat in der heutigen Medienlandschaft. Wahrscheinlich hat er es auch nicht mehr nötig sich, den mehrheitlich linken Journalisten, anzubiedern, der Zug ist abgefahren.
Dazu gäbe es noch zu sagen, dass den Gegner der Initiative ein deutlich höheres Budget zur Verfügung steht, was auch zur angedeuteten Verschiebung passt.Linke sind in Wirtschaft und Institutionen angekommen und haben die Deutungshoheit über viele gesellschaftliche Themen.Doch leidet leider die Vielfalt.Gut zu sehen, eine große Rede,wie diejenige von Harald Martenstein kürzlich, erklärt eigentlich nur,wie Demokratie eigentlich gehen sollte und ist trotzdem zu viel Realität für viele bekennend Linke.
Sehr gut gedacht und geschrieben. Vor 30 Jahren war ich WoZ Abonnent; heute halte ich das Blatt kaum noch aus, obwohl ich meine Meinungen kaum geändert habe. Dafür fühle ich mich auf youtube-Kanälen wohl, wo lange Gespräche geführt werden, die von der WoZ-Redaktion wohl als rechtsextremistisch angesehen werden. Da hat sich einiges verschoben. Auch DRS3 ist ein gutes Beispiel; damit bin ich aufgewachsen. Ich stimme ja, weil die Zensurmentalität weg muss. Wir sind zur Freiheit bestimmt und müssen lernen damit umzugehen.
Also wer die Linkslastigkeit von SRF in seinen vielbeachteten Comedy-Sendungen nicht zu erkennen vermag, hat ein Wahrnehmungsproblem. In diese Sendegefässen wird seit Jahren, dauernd und einseitig SVP-Bashing betrieben.
ARENA mit Schlagseite: SVP kann immer wieder in die „Schäm di“-Ecke gestellt werden.
Wenn die ARENA EIN Thema zur Diskussion stellt, müssen Befürworter:innen und Gegner:innen gleich gut vertreten sein. Das war am 10.11.23 bei der Diskussion über das Verhältnis der Schweiz zur EU einmal mehr NICHT der Fall. Es wurden alle vier Bundesratsparteien eingeladen. Damit konnte die SVP mit ihrem Vertreter NR Thomas Aeschi isoliert als ewige Kritikasterin einer grossen Mainstream-Meinung der Parteien an den Pranger gestellt werden. 3:1 für die EU-Euphoriker:innen! SRF, lern endlich mal was dazu!
Ja, linke Milieus verteidigen den öffentlichen Rundfunk als “Bastion gegen Fake News”. Aber die Fake News werden gern einseitig auf den deregulierten Plattformen gesucht und gefunden. Die folgenschwersten Fake News sind aber diejenigen, die die grossen Medien selber mitverbreiten. Leider sehe ich hier bei SRF keine wesentlich höhere Qualität. Es geht dabei nicht um Links oder Rechts, sondern vor allem um Distanz zu US-abhängigen Quellen. Um Themen und Sichtweisen, die unbesehen übernommen werden. SRF prägt damit die Meinungen in der Schweiz im Sinn der USA. Auch bei Themen, bei denen die Interessen der Schweiz und der USA sehr verschieden sind. Etwa beim Ursprung des Corona-Virus, wo die Schweiz kein Interesse an Voreingenommenheit hatte, oder bei Sichtweisen zur Ukraine. Mangelnde Distanz zu US-Quellen macht die Schweiz und Europa abhängig und unsouverän. Hier sollte SRF sorgfältiger werden, um die Schweiz nicht zu spalten, sondern eine breit anerkannte Bastion zu sein.