Taliban rücken in Afghanistan vor

Die Taliban erobern immer mehr Gebiete in Afghanistan. © SRF

«Herr Präsident, Sie wissen, was auf die Bevölkerung zukommt»

Jürg Müller-Muralt /  Ein erfahrener früherer Mitarbeiter des US-Aussenministeriums macht dem US-Präsidenten schwerste Vorwürfe wegen Afghanistan.

«Wir machen jetzt kein Nation Building mehr. Wir killen nur noch Terroristen», sagte der frühere US-Präsident Donald Trump. Doch einen endgültigen Truppenabzug aus Afghanistan zögerte er hinaus – und hatte damit wohl recht. Denn was sein Nachfolger Joe Biden jetzt veranstaltet, erweist sich immer deutlicher als Debakel. Einmal mehr bewahrheitet sich, was schon Niccolò Machiavelli sagte: «Man kann einen Krieg beginnen, aber niemals beenden, wann man will.»

Hart erkämpfte Errungenschaften in Gefahr

«Die USA haben die Militärintervention in Afghanistan ungeschickt begonnen und noch viel ungeschickter beendet», schreibt Andrea Spalinger im Juli 2021 in einer NZZ-Analyse. Mit dem bedingungslosen Truppenabzug aus Afghanistan setzen die USA und ihre Nato-Partner die hart erkämpften Errungenschaften der letzten zwanzig Jahre aufs Spiel. Natürlich: Vieles, sehr vieles ist schiefgelaufen, die staatlichen Strukturen und Institutionen sind schwach geblieben, Korruption grassiert. Aber es hat auch eine positive Entwicklung eingesetzt: So ist in den letzten beiden Jahrzehnten eine Zivilgesellschaft herangewachsen. «Unzählige Strassen, Brücken, Spitäler und Universitäten wurden gebaut. Millionen von Knaben und Mädchen gehen zur Schule, wer durchs Land reist, begegnet mutigen und selbstbewussten Geschäftsfrauen, Anwältinnen und Ärztinnen. Zumindest in den Städten haben die jungen Afghanen heute ganz andere Perspektiven als einst ihre Eltern. Und sie sind besser informiert. Viele haben heute ein Mobiltelefon, und es gibt eine Auswahl an qualitativ guten Fernseh- und Radiosendern», wie Andrea Spalinger schreibt.

Entrüsteter Brief an den Präsidenten

Und jetzt? Die meisten ausländischen Truppen haben das Land mittlerweile verlassen. Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums sind bereits 95 Prozent der amerikanischen Streitkräfte abgezogen worden. Die islamistischen Taliban-Kämpfer rücken immer weiter vor. Für Kenneth Pitterle, einen pensionierten Mitarbeiter des US-Aussenministeriums, ist das alles zu viel. In einem persönlichen Brief an Präsident Joe Biden zeigt er sich entrüstet über «Ihre Entscheidung, Afghanistan den Taliban zu überlassen». Pitterle weiss, wovon er spricht. Vier Jahre lang, von 2006 bis 2010, war er in Afghanistan stationiert und bekleidete verschiedene, nicht-militärische Funktionen: Er war politischer Berater des Befehlshabers der US-Streitkräfte in Afghanistan (General David Rodriguez), Leiter des Teams für den Wiederaufbau der Provinzen in der US-Botschaft in Kabul, Berater des Nato-Vertreters im Hauptquartier der ISAF (Internationale Sicherheits- und Wiederaufbaumission), Leiter der Abteilung für die Regierungsführung der Provinzen in der politischen Abteilung der US-Botschaft, sowie US-Vertreter des von Litauen geleiteten Teams für den Wiederaufbau der Provinz Ghor.

«Empört über Ihre Entscheidung»

«In all diesen Funktionen habe ich mit eigenen Augen gesehen, welche Anstrengungen die gesamte internationale Gemeinschaft und ihre afghanischen Partner unternommen haben, um den afghanischen Staat von Grund auf wiederaufzubauen. Und jetzt sehe ich, dass all unsere Bemühungen vergeblich waren», schreibt Pitterle. Bereits 76 Jahre seien die USA in Deutschland präsent, seit den frühen Fünfzigerjahren in Südkorea und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch in Japan. Aber offenbar zähle das Engagement für das afghanische Volk nun nichts mehr. «Ich bin, offen gesagt, empört über Ihre Entscheidung, Afghanistan den Wölfen zu überlassen. Haben Sie jemals Kabul besucht und sich mit jungen Afghaninnen und Afghanen unterhalten, die intensiv nach einer Chance für ein Leben im 20. oder gar im 21. Jahrhundert suchen?» fragt Pitterle den US-Präsidenten.

Biden «schlimmer als Neville Chamberlain»

Zum Schluss vergleicht Kenneth Pitterle Joe Biden mit Neville Chamberlain. Der britische Premierminister betrieb gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland eine Appeasement-Politik (Beschwichtigungspolitik) und war massgeblich am Münchner Abkommen von 1938 beteiligt, das Hitler faktisch die Tschechoslowakei zum Frass vorwarf. Statt den Frieden zu retten, wie Chamberlain meinte («Peace for our time»), hat man es nach Einschätzung vieler Historiker verpasst, Hitler noch rechtzeitig zu stoppen. Pitterle wirft Biden gar vor, «schlimmer als Neville Chamberlain» zu sein. Denn Letzterer habe ja 1938 nicht im Detail wissen können, welches Ausmass die kommenden Katastrophen noch erreichen würden. «Sie hingegen wissen bereits ganz genau, was auf die grosse Mehrheit der afghanischen Bevölkerung zukommen wird.»

Doktorarbeit zur Neuen Rechten in der Schweiz

Das sind ungewohnt undiplomatische Worte aus der Feder eines ehemaligen Diplomaten. Vor allem, wenn man weiss, dass Pitterle kein Heisssporn ist, sondern ein ruhiger, überlegt handelnder und analytisch denkender Zeitgenosse. Er hat an der Georgetown University in Washington Internationale Beziehungen studiert und an der University of Pennsylvania eine 1980 publizierte Doktorarbeit zu einem schweizerischen Thema verfasst: «The Limits of Interdependence: The Development of the Swiss New Right as an Oppositional Force to Switzerland’s Regional and Global Interdependence» («Die Grenzen der Interdependenz: Die Entwicklung der Neuen Rechten in der Schweiz als oppositionelle Kraft zur regionalen und globalen Verflechtung der Schweiz»).

Kenneth Pitterle hatte keine hochrangigen Funktionen im Aussenministerium inne. Aber er kam in diversen Weltgegenden in verantwortungsvollen Funktionen zum Einsatz. So war er unter anderem als «Political Officer» in der US-Vertretung in Berlin (West) tätig; er war im Weiteren Leiter der politischen Abteilung des US-Generalkonsulats in Frankfurt am Main, des grössten amerikanischen Konsulats der Welt, und Leiter der politischen Abteilung der US-Botschaft in Burma/Myanmar. Im Aussenministerium in Washington war er unter anderem Referent für Berlin (West) und das Vereinigte Königreich.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor kennt Kenneth Pitterle seit Jahren persönlich.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

afghanistan

Der Nato-Krieg in Afghanistan

Seit 2001 führt die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

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11 Meinungen

  • am 12.08.2021 um 12:25 Uhr
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    Herr Biden wurde von AmerikanerInnen gewählt u. will von diesen wiedergewählt werden – nicht von Afghaninnen/Afghanen.

    1
  • am 12.08.2021 um 12:28 Uhr
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    Nun sind die US-Demokraten schuld für das Chaos das die Republikaner, seit Reagan, in Afghanistan angerichtet haben. Durch die Gründung der Taliban (Studenten) und deren Ausrüstung mit Stinger Boden-Luft-Raketen wurden die Sowjets besiegt. Der Anbau von Heroin ging um 90% zurück – bis Cheney und Bush jr. meinten die 9/11 Terroristen kämen von dort; statt von ihren Freunden aus Saudiarabien. Mit den US-Kriegs-Kosten von 125 Milliarden pro Jahr hätte man 20 Jahre «Obama Care» und die Infrastruktur der USA finanzieren können. Von den Aufwendungen z.B. der Bundesrepublik Deutschland nicht zu reden, nachdem Frau Merkel den Rat von Peter Scholl-Latour †, in den Wind geschlagen hatte. Als US-Satellitenstaat natürlich nachvollziehbar. Schröder war mutiger beim Lügenkrieg nicht mitzumachen…

    1
  • am 12.08.2021 um 13:10 Uhr
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    Irgendwie fehlen mir bei diesem Artikrl die Drahtzieher und Finanzierer der Taliban. Die wertewestlich gesteuerten pakistanische Geheimdienste sprechen

    Vermutlich könnte man da viel für die afghanischen Menschen erreichen, wenn man den wollte

    0
  • am 12.08.2021 um 13:12 Uhr
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    Mir ist sehr wohl bewusst was er damit sagen will, aber Afganistan mit Korea, Japan oder gar Deutschland zu vergleichen?!
    Und natürlich noch der obligatorische Vergleich zu Nazideutschland.

    0
  • am 12.08.2021 um 15:29 Uhr
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    Kein Staat und kein Bündnis ist legitimiert, andere Staaten oder Bündnisse anzugreifen. Auch nicht präventiv. Auch nicht, wenn in dem angegriffenen Staat Kinder am Spiess gebraten und verzehrt werden. Es gibt keine Legitimation für Angriffskriege.
    Afghanistan zu verlassen, war die einzige Option der NATO- Aggressoren, auch dann, wenn Afghanistan nun für einige Zeit radikalislamisch wird und Kinder am Spiess brät. Europa hat sich nach dem 30-Jährigen Krieg sehr schnell selbst geheilt, Afghanistan, Irak, der ganze Nahe Osten und Libyen werden das auch tun, wenn man sie in Ruhe lässt. Es gibt keine guten Kriege, alles ist besser als Krieg, auch Kinder am Spiess braten.

    4
    • am 13.08.2021 um 14:50 Uhr
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      Nun wir leben zum Glück in einem freien Land und man darf denken und sagen was man will, aber man sollte schon auch noch etwas nachdenken bevor man einen Beitrag absendet, nach dem letzten Komma haben sie sich gewaltig demaskiert und deklassiert. Ich bin entsetzt solches hier zu lesen aus der Feder eines Bewohners, der in Saus und Braus in der wohlgehüteten Schweiz leben darf.

      0
  • am 13.08.2021 um 08:12 Uhr
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    Nach der Lektüre macht man sich mehr Gedanken über Herrn Pitterle als über Afghanistan (über das nun wirklich längst schon alles gesagt wurde, was man sagen kann – abgesehen von Auskünften über die Finanzierung der personell gut bestückten und adäquat bewaffneten Taliban durch die Jahre und Jahrzehnte). Die Karriere von Herrn Pitterle war: Studium, Promovierung, lebenslange Beamtenstelle, Rente. Eine lineare, ungestörte, sichere Laufbahn. Dies hat einen Einfluss auf das moralische Setup der betreffenden Person. Aus seiner Position ist es klar, dass das «gute» Afghanistan von den USA eine zeitlich unbeschränkte Perspektivengarantie erhalten soll. Geld ist ja vorhanden – und was sagte Draghi in Europa: Whatever it takes. Da darf man ruhig auch noch ein paar zusätzliche GIs im Hindukusch ins Gras beissen lassen, nicht wahr?

    1
  • am 13.08.2021 um 16:25 Uhr
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    Wer meint die Taliban seien Barbaren, der irrt.
    Sie entstammen der sunnitischen Hochschulen Peschawars (Pakistan) und haben ihren Hauptsitz in der Stadt Deoband, Indien. Der Deobandis Ansichten sind sehr wohl radikal, so gelten teilweise bereits Schiiten als Ungläubige, und sie hängen der krankhaften Vorstellung an man müsse die Weltherrschaft der Juden verhindern.
    Deobandis unterhalten auch ein Netzwerk an sunnitischen Religionsschulen (die Madrasas), die vordergründig von Pakistan unterstützt werden. Dahinter stecken aber – wie auch sonst bei den Deobandis – die Saudis. Mangels eigener Wirtschaftsleistung finanzieren sich die Deobandis (nebst «Sponsoren») auch via unschöne Gewerbe, inklusive Frauenhandel. Der «Markt» hierfür ist wieder: Pakistan.
    Die Schlagzeilen über Massaker der Taliban mögen stimmen. Allerdings haben nicht die Taliban damit angefangen. Es war Kriegsfürst Massoud der 3000 Taliban hat niederstrecken lassen – seither brennt es.

    Man rede also bitteschön mit den Saudis und den Pakistani. Und richte sich nach Heiko Maas, Deutscher Aussenminister, der kürzlich durchaus gute Gründe fand, weshalb sich die Taliban an der Regierung Afghanistans beteiligen sollten: «Weil sonst klemmen wir das Geld ab».
    Militärische Interventionen des Westens führen offenbar zu Nichts. In den 20 Jahren die «wir» dort waren haben «wir» Afghanischen Nachwuchs versaut, diese Leute demnächst bei uns um Asyl bitten werden:
    Arroganter Westen, wieder mal alles falsch gemacht.

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    • am 22.08.2021 um 16:57 Uhr
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      Who is Heiko Maas bitte schön. Wem hat der nicht schon alles «Massnahmen» angedroht, erst kürzlich zB Putin und wurde in den vergangenen Jahren auch nur eine der vielen Drohungen und Warnungen seitens dieses gebügelten Advokaten umgesetzt?
      Das scheint mir im Allgemeinen die Kernkompetenz europäischer PolitikerInnen zu sein. Medienwirksam im Windschatten der USA grosse Töne spucken und sich als moralische Instanzen aufblasen um dann im negativen Bedarfsfall auch gleich wieder elegant die ganze Verantwortung an diese abzuschieben.

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  • am 13.08.2021 um 21:33 Uhr
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    Jeder der dem krieg das wort redet, mit oder ohne doktortitel, sollte als fussaoldat an dem krieg teilnehmen muessen, ohne aussicht auf befoerderung und von anfang bis ende an dem feldzug in dieser funktion beteiligt bleiben. Vielleicht, nur vielleicht, schaffen die menschen dann endlich den krieg ab. Waere das mal geschafft, dann koennte man viele schoene dinge machen. Andere in den krieg schicken ist einfach schaebig. Selbstvdann wenn diese anderen nur als drohnenpiloten leute toeten muessen, die ihnen nie ein leid zugefuegt haben.

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