Kommentar

Power-Frauen verraten ihr Männer-Profil

Christian Müller © zvg

Christian Müller /  Die Polit-Propaganda gegen die Konzern-Verantwortungs-Initiative lässt tief blicken. Frauen buhlen um Frauenstimmen für ein Nein.

Mann weiss es und ist überzeugt: Die Gleichberechtigung der Frauen ist auch in der Schweiz noch nicht vollständig erreicht. Auch in die Führungsgremien gehören mehr Frauen. Sie denken meist langfristiger und bringen oft auch soziale Gesichtspunkte in die Diskussionen, die von Männern zwecks Vereinfachung der Entscheidungskriterien gerne verdrängt werden.

Dass die Frauen in der Schweizer Wirtschaft aber bereits recht gut vertreten sind, ist auch kein Geheimnis. In der «Schweiz am Wochenende», also den CH Media-Zeitungen, steht ein ganzseitiges Inserat gegen die Konzern-Verantwortungs-Initiative. Darauf werden die Köpfe von 18 prominenten Wirtschaftsvertretern gezeigt – oder eben genauer: von 10 Wirtschaftsvertretern und 8 Wirtschaftsvertreterinnen. Sie beanspruchen, repräsentativ für die Schweizer Wirtschaft zu sein, denn die Headline der Anzeige heisst ganz einfach: «Die Schweizer Wirtschaft sagt NEIN zur untauglichen Konzern-Verantwortungs-Initiative.» Daraus kann man schliessen: In der Schweizer Wirtschaft haben die Frauen bereits zu 44,5 Prozent das Sagen. So schlecht ist das ja auch wieder nicht.

Ganzseitige Anzeige in der «Schweiz am Wochenende»: 8 von 18 gezeigten Wirtschaftsrepräsentanten sind Frauen, davon vier besonders gross hervorgehoben. (Die kleingedruckte Namenliste darunter ist nicht wiedergegeben, da hier unleserlich.)

Eine zweite Anzeige in den gleichen Zeitungen, eine halbe Zeitungsseite gross, lässt allerdings einige rote Lämpchen aufleuchten. Die Headline: «FRAUEN GEGEN Konzern-Verantwortungs-Initiative KVI: Offener Brief an die Kirchen». Darin fordern 35 «Christliche Frauen aus der ganzen Schweiz» die Kirchen in der Schweiz auf, auf die Befürwortung der Konzern-Verantwortungs-Initiative zu verzichten. Die Ziele der KVI seien zwar gut, schreiben sie, der «darin vorgeschlagene Weg» sei aber «unrealistisch» und laufe den «beabsichtigen Zielen sogar entgegen.» (Ja, auch der Druckfehler «beabsichtigen» statt «beabsichtigten» ist original.) Die 35 Frauen, allesamt National- oder Ständerätinnen der SVP, FDP und CVP, Stadträtinnen, Parteipräsidentinnen oder auch Unternehmerinnen, verteidigen «unsere Wirtschaft», die vor «aufwändigen Verfahren» geschützt werden soll.

Die Headline der (eine halbe Zeitungsseite grossen) Anzeige der «Christlichen Frauen» gegen die KVI in der «Schweiz am Wochenende».

Was kann daraus abgelesen werden?

Warum wenden sich ausgerechnet christliche FRAUEN (gross, wie in der Headline) gegen die KVI? Offensichtlich nehmen sie an, dass ausgerechnet Frauen den Ausschlag für ein Ja bei der Abstimmung geben könnten und dass deshalb ein Aufruf von FRAUEN bei den Frauen für ein NEIN zur KVI mehr Wirkung zeigen könnte. Ihre Vermutung zum Abstimmungsverhalten der Frauen ist begründet. Die erste von SRF veröffentlichte Abstimmungsumfrage zeigte: Frauen unterstützen die KVI mit 72 Prozent, Männer «nur» mit 55 Prozent. Der Grund sei die höhere Gewichtung ökologischer Anliegen bei Frauen, so Martina Mousson vom Umfrageinstitut GFS Bern. Der Luzerner CVP-Ständerätin Andrea Gmür, selber eine KVI-Gegnerin und Mitunterzeichnerin der Anzeige «FRAUEN GEGEN», war es vorbehalten, in der SRF-Tagesschau auch noch die Klischee-gerechte Begründung nachzureichen: Frauen seien halt «emotionaler» und im Moment finde keine Diskussion um Inhalte, sondern nur um Emotionen statt.

Frauen denken, so auch meine eigene Lebenserfahrung, auch mal sozial und ökologisch, nicht immer nur an den Profit. Genau darum gehören sie ja auch vermehrt in die Führungsgremien.

Was aber zeigt die Anzeige der 35 Frauen auch noch? Sie zeigt, dass im Bedarfsfall auch Frauen versuchen können, eine verantwortungsvolle Politik zu verhindern. Sprich: Der administrative Aufwand der Schweizer Wirtschaft ist diesen 35 Power-Frauen gewichtiger als die Verhinderung von Kinderarbeit in afrikanischen Minen und Plantagen.

Der Aufruf der 35 «Christlichen Frauen» an die christlichen Kirchen der Schweiz, ihren biblischen Auftrag für den Schutz der Schöpfung, für Menschenliebe und Frieden für einmal zu vergessen und zur Konzern-Verantwortungs-Initiative doch gefälligst zu schweigen, ist ein Schuss ins eigene Knie: Mit ihrer Angst, Frauen könnten mit einem Ja zur KVI zu menschenfreundlich abstimmen, bestätigen sie zwar, dass Frauen tendenziell sozialer, ökologischer und menschenfreundlicher sind als Männer, aber sie machen gleichzeitig darauf aufmerksam, dass gerade auch Frauen in Karriere-Positionen im Zweifelsfall ebenso hart und hartherzig sein können wie wir Männer – zum Beispiel dem Profit der Firmen zuliebe.

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Zur Stellungnahme der Kirchen siehe auch das SRF-Tagesgespräch mit der neuen Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz Rita Famos: «Wie politisch soll die Kirche sein?»

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Für jene Leserinnen, die auch mal einen kritischen Beitrag einer Frau in einer erklärt linken Zeitschrift zum Thema Frauen in Führungspositionen lesen mögen, hier:

«Feminismus von oben: Und wo bleiben die anderen 99 Prozent?» (von Franziska Heinisch in «Jacobin»)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Zum Autor deutsch und englisch.

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4 Meinungen

  • am 8.11.2020 um 16:50 Uhr
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    Lieber Herr Müller
    nach Lesen Ihres Artikels komme ich (als Mann) zum Schluss, dass Sie diesen Frauen ihre freie Meinung missgönnen. Die Frau mit unabhängiger, eigener Meinung ist, ich zitiere Sie, eine «Power-Frau». Sie, Herr Müller, transportieren selber das von Ihnen kritisierte Frauenbild, dass ja alle Frauen irgendwie der gleichen Meinung und ja keine Power-Frauen sein sollten. Am Schluss ihres Artikels transportieren sie gleich noch ein zweites Klischee: Wer gegen die KVI (besser: UVI) ist, ist für Kinderarbeit auf Plantagen. Zuviel Klischees, Herr Müller!

  • am 8.11.2020 um 17:32 Uhr
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    Zum ganzseitigen Corona-roten Inserat drei Bemerkungen:
    1. «Die Schweizer Wirtschaft» ist falsch: Es gibt ein Pro-Komitee aus der Wirtschaft.
    2. (Legal Counsel Monique von Graffenried-Albrecht links oben) «Die KVI stellt die Konzerne … unter Generalverdacht», bedeutet für mich im Klartext: «Schafft die Gesetze ab! Sie stellen die Schweizer Bevölkerung unter Generalverdacht."
    3. (Frau Thomet, 2. Zeile rechts, findet den oberschwachen Gegenvorschlag besser) Laut Abstimmungsbüchlein kann dagegen das Referendum ergriffen werden.
    Frage: Ist das Inserat nur schludrig gemacht, oder will da jemand bewusst den Abstimmenden Sand in die Augen streuen?

  • am 9.11.2020 um 15:44 Uhr
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    Wer in Geschäften nichts zu verbergen hat, ist für die KVI, auch viele Schweizer Unternehmer und/oder Manager, mehr Frauen als Männer.
    Viele von denen wissen auch, dass an den nötigen aufwändigen Untersuchungen nicht die Initianten Schuld sind, sondern die sich als geistig u. kreativ überlegen empfinden, wenn sie trickreich (direkt-)demokratische Beschlüsse mit ihren Spitzen-Politikern, Spitzen-Anwälten u. Richtern obsolet machen können. Das zur eigenen Vorteilsnahme, für immer noch mehr Macht u. Kapital.

    Schon der Grossmeister des hochprofessionellen kommerziellen u. politischen Marketing u. PR ‹Edward Bernays› hat die «Frauen-Emanzipation» erfolgreich instrumentalisiert und bewirtschaftet.
    Die ‹American Tobacco Company› beauftragte Banrnays, ca. um 1930, den Umsatz ihrer ‹Lucky Strike›-Zigaretten zu steigern. Bis dahin rauchten nur ganz wenige Frauen in den USA. Das Genie Bernays hat Frauen suggeriert, dass eine Frau ihre ‹Freiheit› und ‹Emanzipation› darin zeigt, dass sie auch wie gestandene Männer raucht. Frauen sind auch nur Menschen und haben sich verführen lassen.
    Bernays starke Frau war aber eine Gegnerin der Raucherei, geschlechtsunabhängig. Die hätte sich gleich scheiden lassen, wenn ihr Ehemann nicht auch eine grosse gut bezahlte Kampagne für ‹Frauen gegen Rauchen› gemacht hätte.
    Heute sind aber wirklich ‹freie› u. ‹emanzipierte› Frauen PRO KVI .
    Bleibt die Frage wieviele ?

  • am 24.11.2020 um 17:16 Uhr
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    Schön dass Mann der Artikel schreibt und Männer den Artikel kommentieren. Wo sind hier die Frauen?, denn das aufgegriffene Thema ist tatsächlich interessant. Dass Frau Gmür herablassende Bemerkungen über die «emotionalen Befürworterinnen der KVI» herumposaunt ist für 2020 entsetzlich und unter der Gürtellinie. Zu den Powergegnerinnen der KVI denke ich also, dass sie – alle noch ein paar Jährchen älter als ich – durch die harte «Männerschule» mussten und viele ihrer sozialen, menschlichen und ökologischen Instinkte (welche ich für mich dezidiert beanspruche) unterdrückt haben, auf dem Weg zum Erfolg? Ich frage mich wirklich, wie man den gescheiten KVI-Vorschlag ablehnen kann, ausser man hat Angst vor dem Aufwand, es künftig besser tun zu müssen. Ich hoffe einfach, dass die Frauen und Männer, die mit Herz UND Kopf für die KVI sind, wirklich auch alle das Stimmkuvert abgeben bis zum 29.11. denn es wäre für die Schweiz echt ein tolles Signal, wenn wir diesen winzig (!) kleinen Schritt für den Versuch zu mehr Achtung der Menschen- und Umweltrechte durch unsere Konzerne erreichen würden. PS: Ja, und ich stehe dazu, total emotional zu sein, auch bei meinen politischen Überzeugungen!

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