Kommentar
Ich wünsche ihm den sofortigen Ruhestand
Eine strapazierfähige Buchschutzfolie hiess in meiner Kindheit «Bärenhaut». Mit so einer Bärenhaut überzogen wir als Kinder die Bücher, die uns besonders wichtig waren. Zu den wichtigsten gehörte für mich ein Buch, das mir der Onkel Mich, mein Taufpate und Lieblingsonkel, zu Weihnachten geschenkt hatte; da war ich elf Jahre alt.

Erst habe ich meinen Namen vorne mit krakeliger Schrift hineingeschrieben, und dann habe ich es nach dem ersten Lesen eingebunden: Die Bärenhaut war da sowohl ein Schutz für das Buch als auch eine Respektbezeugung für dessen Inhalt, der mich unglaublich beeindruckt hat – so sehr, dass ich es damals so oft gelesen habe, wie sonst nur noch die Bände von Karl May und Prinz Eisenherz.
Das Buch, von dem ich schreibe, heisst «Onkel Toms Hütte». Es ist ein literarisches Plädoyer gegen die Sklaverei; Autorin ist Harriet Beecher Stowe. Der Roman wurde erstmals 1852 publiziert und gilt als eines der einflussreichsten Werke der Weltliteratur.
Einzige Gemeinsamkeit – das Geburtsdatum
Das Buch spielt in den US-Südstaaten vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Es ist eine schonungslose und tränenreiche Brandrede und hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die Sklaverei in den USA abgeschafft wurde. Die Autorin ist also eine Schriftstellerin, die die Welt besser gemacht hat. Mit dem heutigen US-Präsidenten Donald Trump teilt sie daher nichts – nur das Geburtsdatum.
Beide sind an einem 14. Juni geboren – Harriet Beecher Stowe im Jahr 1811, Donald Trump im Jahr 1946. Obwohl mehr als ein Jahrhundert und obwohl völlig verschiedene Lebensrealitäten zwischen ihnen liegen, eignen sich diese beiden Amerikaner perfekt, um die verschiedenen Seiten Amerikas zu beschreiben und die konträren Visionen für die Vereinigten Staaten darzustellen.
Zwei Amerikas
Zwei Geburten, zwei Amerikas: Das Amerika der Harriet Beecher Stowe ist eine moralische Republik, das Trump-Amerika eine nationalistische Festung. Am 14. Juni sind also zwei Nationen geboren worden: Am 14. Juni 1811 die Nation einer reformerischen Ethikerin, die für Gerechtigkeit kämpft; am 14. Juni 1946 die Nation eines Immobilienmagnaten, der Politik als Deal und Show betreibt. Und beide Amerikas argumentieren christlich oder nutzen evangelikale Argumente.
Der britische Premierminister Lord Palmerston sah in «Uncle Tom’s Cabin» ein Werk von erheblicher Staatskunst, das die moralische Position der Nordstaaten in der internationalen Öffentlichkeit stärkte und es Grossbritannien erschwerte, offen auf Seiten der Südstaaten zu intervenieren.
Befreiende Kraft
Heute gilt «Onkel Toms Hütte» freilich auch als Text, der negative Stereotype über Schwarze verbreitete; er sei zwar der bis dahin gängigen Darstellung Schwarzer als fauler und triebgesteuerter Menschen entgegengetreten, habe dieses Bild aber durch das vom unterwürfig-duldsamen Schwarzen ersetzt. Darauf stützten sich Petitionen, die die Umbenennung von Ortsbezeichnungen verlangten, die auf «Onkel Toms Hütte» lauten. Damals, im 19. Jahrhundert, hatte das Buch aber erst einmal ungeheure, sklavenbefreiende Kraft.
Harriet Beecher Stowes Amerika ist ein Amerika des moralischen Idealismus und des puritanisch-christlichen Gewissens, das sich für die Rechte der Schwachen und Schwächsten einsetzt. Trumps Amerika dagegen steht für eine Gesellschaft und für eine Politik, in der das Recht des Stärkeren gilt. Symbol für dieses Trump-Amerika sind die Käfig-Kämpfe, die Trump zu seinem achtzigsten Geburtstag als Grossevent auf dem Südrasen des Weissen Hauses aufführen liess. Es handelte sich um die Präsentation von zivilisatorischem Rückschritt.
Als ich mir überlegt habe, was ich Trump zum Geburtstag wünsche, ist mir nur der sofortige Ruhestand eingefallen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Dieser Kommentar des Kolumnisten und Autors Heribert Prantl erschien zuerst als «Prantls Blick» in der Süddeutschen Zeitung.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Klare Zustimmung! In dem Zusammenhang halte ich Umbenennungen, Streichungen oder gar Verbote von Personen, Literatur oder Musik für frevelhaft. Ein Neger, Zigeuner oder Indianer waren für mich (77) nie ein minderwertiger Mensch, geschweige denn habe ich mit diesen Begriffen eine Abwertung verbunden. Wenn heute apodiktisch und ideologisch Verblendete solche «Korrekturen» durchsetzen (können), fehlt ihnen jegliche geschichtliche Bildung. Wenn eine Sängerin im Afrolook Auftrittsverbot erhält, dann dürften auch keine blondierten Schwarze Fußballprofis werden. Die sich anmaßen, uns vorzuschreiben, was wir zu denken haben (bzw. dürfen), bereiten Autokraten wie Trump den Boden.
Harriet Beecher Stowe meinte: «Frauen sind die realen Architekten der Gesellschaft.» Und der grosse Frauenbeschützer im Weissen Haus hat wohl die felsenfeste Überzeugung der wirkliche Beschützer der Frauen zu sein:
Merkur 31.10.2024, 20:07: «Bei einem Auftritt in Green Bay im Bundesstaat Wisconsin erzählte Trump, dass ihm seine Berater gesagt hätten, er solle nicht sagen, dass er Frauen beschützen wolle – es sei „unangebracht“. Trump sagte weiter: „Ich will die Frauen in unserem Land schützen. Nun, ich werde es tun, ob es den Frauen gefällt oder nicht, ich werde sie beschützen.“
Und die First Lady im Weissen Haus meinte: “Sometimes I say I have two boys at home — I have my young son and I have my Donald.” Bing Uebersetzer: „Manchmal sage ich, ich habe zu Hause zwei Jungs – ich habe meinen kleinen Sohn und ich habe meinen Donald.“
Vielleicht sollte die First Lady besser auf ihren Donald aufpassen, dass er keine Dummheiten macht : wenn er beschützt.
Gunther Kropp, Basel
Machen wir doch gleich in us-amerikanischer Dialektik anhand einer einzelnen Person: LBJ. Lyndon B. Johnson hat mehr für Schwarze getan als jemals ein Präsident vor und nach ihm. Gleichzeitig heizte er den Krieg gegen Vietnam an und ist direkt verantwortlich für die Millionen toter Zivilisten. Innenpolitisch setzte er das größte und folgenreichste Sozialprogramm in der Geschichte der Vereinigten Staaten um und hatte im Gegensatz zu JFK Zeit und taktisches Geschick – während «Rolling Thunder» Jahr und Jahr Bomben auf ein südostasiatisches Bauernvolk regnen ließ.