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Über viele zugelassene Chemikalien weiss man wenig. Stellen sie sich als schädlich heraus, schaffen es Industrievertreter immer wieder, die Politik von ihrer Alternativlosigkeit zu überzeugen. © Depositphotos

Giftstoffe: Wie die Mythen der Industrie immer wieder verfangen

Daniela Gschweng /  Das PFAS-Debakel folgt einem bekannten Muster. Die Industrie setzt sich seit Jahrzehnten mit den gleichen Argumenten durch.

PFAS gelten vielen als beispiellos – tausende extrem langlebige Chemikalien verschmutzen Böden, Gewässer und finden sich im Blut fast aller Menschen. Das gab es noch nie. Reinhold Rühl und Clemens Magerkurth bestreiten diesen Eindruck. PFAS seien lediglich das jüngste Beispiel für einen Mechanismus, der sich bei gefährlichen Chemikalien seit Jahrzehnten wiederholt, schreiben sie in ihrem Buch «PFAS und andere Problemstoffe».

Die Autoren wissen, wovon sie sprechen. Beide sind Chemiker und arbeiten seit vielen Jahren in Deutschland und auf EU-Ebene im Arbeitsschutz. Beide haben zahllose Diskussionen über Gefahrstoffe begleitet. Neben einem umfassenden Überblick über die bekanntesten PFAS beschreiben sie, wie Chemikalien in Deutschland und der EU zugelassen, geprüft und genutzt werden und welche Fehler dabei immer wieder geschehen.

Immer wieder dieselben Argumente

Rühl und Magerkurth schildern kenntnisreich die immer gleichen Debatten. Sie beginnen, sobald eine Chemikalie unter Druck gerät und reguliert werden soll. Ein stereotypisches, vertrautes Ritual mit dem Ziel, eine Chemikalie möglichst lange vermarkten zu können:

Die Industrie erkläre, Ersatzstoffe existierten nicht. Ein Verbot der betreffenden Substanz gefährde Arbeitsplätze. Unternehmen müssten ins Ausland abwandern. Innovation werde verhindert. Für strengere Regeln fehle die wissenschaftliche Grundlage. Und schliesslich: Freiwillige Vereinbarungen seien wirksamer als Verbote.

Seit Jahrzehnten würden diese Argumente vorgebracht – und fast nie hätten sie sich bewahrheitet. Hersteller seien weder massenhaft insolvent gegangen noch Produktionsstandorte verschwunden. Stattdessen seien fast immer Ersatzstoffe entwickelt worden.

Rühl und Magerkurth räumen dabei mit mehreren Mythen zur Chemikalienregulierung und -verwendung in der EU auf. PFAS sind dabei nur das jüngste Beispiel:

Mythos 1: Chemikalien, die in Europa zugelassen werden und auf den Markt kommen seien sicher und unschädlich, weil sie eingehend getestet worden seien.

Das trifft nur für einen Teil der auf dem Markt verkauften Stoffe zu. In der Realität fehlen für viele Stoffe wesentliche Daten, um ihre Gefährlichkeit abschätzen zu können.

Einer der Gründe ist die sogenannte Tonnageschwelle. Ein Hersteller oder Importeur muss nur dann umfangreiche toxikologische Gutachten zur Unbedenklichkeit einer Chemikalie vorlegen, wenn er eine bestimmte Menge einer Substanz importiert oder herstellt. Die Anforderungen sind gestaffelt: Bei jeweils einer Tonne, 10 Tonnen, 100 Tonnen, 1000 Tonnen einer Substanz greifen höhere Anforderungen. Entscheidend ist die Menge eines einzelnen Herstellers oder Importeurs – nicht die Gesamtmenge einer Chemikalie, die auf dem europäischen Markt im Umlauf ist.

Besonders unvorteilhaft ist diese Regel bei Chemikalien, die in sehr kleinen Mengen wirksam sind oder sich auf zahlreiche Importeure verteilen. Eine Staffelung aber bringt Importeuren und Herstellern Vorteile. Toxikologische Gutachten sind zeitaufwendig und teuer. PFAS-Polymere sind von der Registrierung ganz ausgenommen. Dass deshalb von «völlig harmlosen» PFAS-Polymeren gesprochen wird, halten die Autoren für kaum nachvollziehbar.

So kommt es dazu, dass über viele Chemikalien und ihre Gefährlichkeit nur wenig bekannt ist. Auf PFAS trifft das besonders zu, da es sich um eine grosse und vielfältige Substanzklasse handelt. Nur wenige PFAS seien bislang eingehend untersucht, beschreiben Rühl und Magerkurth.

Der Mythos der eingehenden Prüfung werde von der Politik aufgenommen: Von 10’000 PFAS seien 2000 «völlig unschädlich» behauptete Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen noch 2025. Tatsächlich jedoch gebe es nur wenige Daten. Und die, die es gebe, seien nicht eben beruhigend.

Mythos 2: Wenn eine Substanz doch als gefährlich erkannt wird, werde sie sofort aus dem Verkehr gezogen.

Die Realität: Wirtschaftlich erfolgreiche Chemikalien würden so lange gewinnbringend vermarktet, wie es irgend möglich sei, das zeige jede Erfahrung. Selbst dann, wenn man auf sie verzichten kann und Ersatzstoffe bereits entwickelt sind. Es dauere oft Jahrzehnte, bis ein umwelt- oder gesundheitsschädlicher Stoff nicht mehr verkauft werde. Das schade der Gesundheit, der Umwelt und behindere Innovation.

Die Autoren führen zahlreiche bekannte und weniger bekannte Beispiele auf, vom späten Asbest-Verbot über den Ausstieg aus den ozonschädlichen FCKW bis hin zum Umgang mit Dauerwellenflüssigkeit im Coiffeurhandwerk. Die Argumente: Es gebe auf absehbare Zeit keinen Ersatz, die Umstellung koste Millionen, ein Phase-Out gefährde viele Arbeitsplätze und den Standort ohnehin. In der Regel sei nichts davon geschehen.

In der Realität reicht es oft aus, zu behaupten, eine Substanz sei nicht ersetzbar. Ein bezeichnendes Beispiel: Der angeblich kaum mögliche Umstieg auf FCKW-freie Kühlmittel ging am Ende sehr schnell. Auslöser für den schnellen Wechsel war ein kleines Unternehmen namens Foron aus Ostdeutschland, das 1993 plötzlich erschwingliche und FCKW-freie Kühlschränke auf den Markt brachte.

Keine Sprunginnovation, sondern, nachdem Greenpeace deren Produktion finanziert hatte. Ein DDR-Nachteil erwies sich dabei als Vorteil: An die westdeutschen Kältemittel war man oft nicht herangekommen, auf Alternativen umzustellen, war einfach. Andere Hersteller benötigten lediglich ein halbes Jahr, um gleichzuziehen. Mit Ersatzstoffen, die längst in der Schublade lagen. Gegenkampagnen gegen den Foron-Kühlschrank «Greenfreeze» verpufften. Foron ging dennoch pleite, denn das Konzept war nicht geschützt.

Mythos 3: Sollte es in Einzelfällen doch nicht möglich sein, eine Chemikalie ganz vom Markt zu nehmen, wird mit der grösstmöglichen Vorsicht verfahren. Ein absolutes Minimum der Substanz bleibt unter strengen Grenzwerten im Umlauf. Es wird eingehend geprüft, ob diese Chemikalie wirklich alternativlos ist.

In der Realität dauert es oft Jahre, bis eine gefährliche Chemikalie verboten wird. Und noch länger, bis sie nicht mehr in Umlauf ist. Es gibt meist lange Übergangsfristen.

Mythos 4: Weitgehende Verbote seien schädlich. Freiwillige Selbstverpflichtungen seien der sanftere und bessere Weg für alle Beteiligten.

Auch das sei eine wiederkehrende und in der Regel irreführende Diskussion, schreiben die beiden Chemiker. Wenn Ignorieren, Abstreiten und Lobbyarbeit nichts mehr nützten und eine Substanz als schädlich erkannt sei, biete die Industrie oft freiwillige Vereinbarungen an und fordere eine umfassende Risikobewertung. Weder freiwillige Vereinbarungen noch eine formale Risikobewertung hätten sich je als Lösung von Problemen erwiesen. Das Ziel sei einzig, Verbote zu verhindern oder hinauszuzögern.

Mythos 5: Bekannte Verschmutzungen mit gefährlichen Chemikalien werden umgehend aus der Umwelt entfernt. Die Verursacher kommen für die entstandenen Gesundheits- und Umweltschäden auf.

«Dem ist nicht so», so der kurze und trockene Kommentar von Rühl und Magerkurth. Dem natürlich eine längere Erklärung folgt. Das Verursacherprinzip, das in der EU und der OECD fest verankert sei, greife häufig nicht. Gerade bei Schäden durch Stoffe werde der Verwender alleingelassen. Es gebe immer wieder Ansätze, das Verursacherprinzip durchzusetzen. Aber eben: Ansätze.

Man kann dafür einige Gründe anführen. Eine vollständige Umweltsanierung oder Entschädigung ist gar nicht möglich, nicht praktikabel, der Schaden schwer erfassbar oder selbst für ein grosses Unternehmen finanziell nicht tragbar. Die Allgemeinheit trägt die Kosten.

Eine der Folgen: Die Kosten für Schäden an Mensch und Umwelt, die ein Produkt verursacht, werden auf die Allgemeinheit abgewälzt und am Markt nicht umgelegt. Das trifft nicht nur für PFAS zu, die um einige Grössenordnungen teurer sein müssten. Nicht einmal nur für Chemikalien – bei Lebensmitteln gibt es ähnliche Probleme.

Warum glauben Politiker diese Geschichten immer wieder?

Die eigentliche Kritik richtet sich deshalb weniger an die Chemieindustrie als an die Politik. Die Autoren fragen, warum politische Entscheidungsträger den Erzählungen der Hersteller nach jahrzehntelangen Erfahrungen noch immer Glauben schenken. Die Geschichte der Chemikalienregulierung liefere inzwischen genügend Beispiele dafür, dass die von der Industrie beschworenen Nachteile meist ausblieben.

Gleichzeitig entstünden Fehlanreize. So lange Unternehmen die Kosten späterer Umwelt- und Gesundheitsschäden nicht selbst tragen müssten, lohne es sich wirtschaftlich, profitable Stoffe möglichst lange zu vermarkten. Gewinne würden privatisiert, die Folgekosten sozialisiert. Das Verursacherprinzip greife nur unzureichend.

PFAS zeigen die Schwächen des Systems auf

An PFAS werden diese Probleme besonders deutlich. Die Stoffgruppe umfasst nach derzeitiger Schätzung etwa 15’000 Verbindungen, von denen viele kaum untersucht sind. Dennoch werde häufig behauptet, der überwiegende Teil der PFAS sei harmlos. Die Autoren halten diese Aussage für widersprüchlich: Wie könne man Tausende Stoffe für ungefährlich erklären, wenn für viele kaum toxikologische Daten vorlägen?

Ebenso kritisch sehen sie die Forderung, jede einzelne PFAS-Verbindung separat zu bewerten. Eine solche Einzelfallprüfung könne Jahrzehnte dauern und mache eine wirksame Regulierung praktisch unmöglich. Dazu gebe es die Tendenz, bei einem drohenden Verbot auf andere, ähnliche Substanzen auszuweichen, die sich später als genauso schädlich herausstellten. Ein Phänomen, das als «bedauernswerter Ersatz» (regrettable Substitution) bekannt ist.

Für die Autoren spricht deshalb vieles für eine PFAS-Gruppenregulierung. Sie verweisen darauf, dass gefährliche Eigenschaften oft erst nach langer Zeit nachgewiesen werden können. Wer für jede Verbindung vollständige Beweise verlange, verhindere wirksamen Gesundheitsschutz. PFAS seien auch nicht die erste Chemikaliengruppe, bei der sich die Gruppenfrage stelle, ein anderes Beispiel seien krebserregende Oxime, die in Lacken und Dichtstoffen eingesetzt wurden.

Ohne Daten kein Problem?

Besonders pointiert beschreiben sie einen Mechanismus, den sie mit dem Satz «No data, no problem» zusammenfassen. Fehlende Daten bedeuteten keineswegs fehlende Risiken. Häufig würden Untersuchungen schlicht nicht durchgeführt oder dauerten sehr lange. Die Stoffe würden währenddessen weiter verwendet.

Hinzu komme ein grundsätzliches Problem der Toxikologie. Tierversuche untersuchten oft hohe Dosen über vergleichsweise kurze Zeiträume. Menschen seien dagegen über Jahrzehnte niedrigen Konzentrationen ausgesetzt. Die Ergebnisse liessen sich deshalb nur begrenzt übertragen. Nach Meinung von Fachleuten könnte der lange Zeitraum eine der wesentlichen Ursachen für die Schädlichkeit langkettiger PFAS sein.

PFAS sind nicht das eigentliche Thema

Das Buch erklärt nicht nur PFAS, sondern macht verständlich, warum sich problematische Chemikalien immer wieder durchsetzen, warum dieselben Mechanismen und Probleme im Zusammenhang mit Chemikalien immer wieder auftauchen, warum es immer wieder dieselben Konflikte darum gibt und warum Regulierungen ewig dauern.

Die Autoren führen zahlreiche historische Beispiele auf, vom giftigen und verbotenen PCB, über die Chemie-Katastrophen von Bhopal und Schweizerhalle bis zum Umgang mit dem Seveso-Unglück, das sich kürzlich zum 50. Mal jährte (das Basler Medium «Onlinereports» hat dazu eine mehrteilige Serie veröffentlicht).

Fazit: Chemie kann das besser

Der Ausblick der Autoren ist dennoch positiv. Sie glauben an ihre Fachgebiete: die Regulierung, den Schutz der Bevölkerung und die Chemie. Deren Zweck sei es, das Leben besser zu machen, nicht schlechter. Innovation sei eines der Kernanliegen der Chemie, resümieren sie. Zu behaupten, ein Stoff sei nicht ersetzbar, sei so gesehen eine Beleidigung des Fachgebiets und aller, die darin arbeiteten.

Rühl und Magerkurth trauen Chemikerinnen und Chemikern deutlich mehr Innovationskraft zu als vielen Lobbyisten – und offensichtlich auch mehr als manchen Politikerinnen und Politikern, die seit Jahrzehnten denselben Warnungen glauben.

PFAS und andere Problemstoffe Gefährlich – Teuer – Überflüssig

Reinhold Rühl, Clemens Magerkurth

Erich Schmidt Verlag 18. Mai 2026

ISBN 978-3-503-24251-1

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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2 Meinungen

  • am 20.07.2026 um 11:38 Uhr
    Permalink

    Es fehlt die Beweisumkehr. Und die Einnahmenumkehr. Beweisumkehr: Wer etwas verkaufen will muss beweisen, dass es unschädlich ist und erst dann darf er es verkaufen. Einnahmenumkehr: Wer eine Ausnahmebewilligung erhält muss bis zum ‚Unschädlichkeitsbeweis‘ 99% der Einnahmen dem Staatlichen Fonds ‚Schadensminderung‘ abliefern. Sobald das Schadenspotential eingegrenzt werden kann, kann der Prozentsatz von 99% gesenkt werden. Die Einnahmen im Fonds müssen langfristig die Kosten decken. Boni, Gewinnausschüttungen etc. sollten in dieser Zeit der ‚Ungewissheit‘ verboten sein. Die Freiheit zu ’schädigen‘ und dabei Geld zu verdienen muss eingeschränkt werden oder die Menschheit vernichtet sich.

  • am 20.07.2026 um 13:03 Uhr
    Permalink

    Danke für diesen informativen Beitrag.
    Jetzt weiss ich wenigstens, warum ich bei meinen Recherchen, ob Amonsalpeter PFAS enthält, nicht an ein Ziel gekommen bin.
    Werden wir je erfahren, welche Produkte in unserem Alltag betroffen sind? Welche gefährlich sind? Ich meine diejenigen, welche wir in kleinen Mengen über lange Zeit ohne Nutzen benützen…
    Ich bin da nicht so positiv eingestellt, wie die beiden Autoren.

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