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Roche-Konzernchef Severin Schwan: «Wirksamkeit von Tamiflu ist belegt» © srf

Tagesschau gibt Roche einseitige Plattform für PR

upg /  Wenn es sich um einen mächtigen Konzern handelt, setzt die Tagesschau SRF ihre eigenen Regeln der Ausgewogenheit ausser Kraft.

«Es gibt eine ganze Reihe von Studien, welche die Wirksamkeit von Tamiflu belegen», durfte Konzernchef Severin Roche in der Tagesschau-Hauptausgabe vom 15. April verkünden. Vielleicht meinte er die Tatsache, dass Tamiflu bei Erwachsenen die Grippe-Symptome unbestrittenermassen im Durchschnitt von 7 Tagen auf 6,3 Tagen verkürzt. Das hat die Tagesschau aber nicht präzisiert.
Vielleicht meinte Severin Schwan mit «Wirksamkeit» einfach die vielen Milliarden, die das Grippemittel dem Konzern einbrachte. Schliesslich sprach Schwan anlässlich einer Presseveranstaltung über die neusten Geschäftszahlen.
Roche hat seine Glaubwürdigkeit in Sachen Tamiflu verloren
Doch vielleicht ging es doch um die 10-prozentige Verkürzung der Grippezeit. Denn Schwan durfte auch noch inbrünstig versichern, dass Roche «voll und ganz hinter der Qualität der Daten» stehe. Gemeint waren die Studiendaten zu Tamiflu, welche das unabhängige Forscherteam der Cochrane Institution im «British Medical Journal» BMJ kritisch unter die Lupe genommen hat, nachdem die Forscher zuerst vier Jahre lang dafür kämpfen mussten, dass Roche ihnen diese Daten überhaupt zur Verfügung stellte. «Es reicht doch schon die Tatsache, dass Roche die Daten so lange nicht offengelegt hat, als Beleg, dass das Zeug nichts bringt», schrieb die Süddeutsche Zeitung. Aus wissenschaftlicher Sicht seien die Zweifel von Anfang an sehr gross gewesen. In den vom BMJ aus grossem Ärger im Internet veröffentlichten vierjährigen Korrespondenzen mit Roche geht eindeutig hervor, dass die Haltung von Roche alles andere als glaubwürdig ist.
Tagesschau knickst vor Konzern ein
Am 10. April hatte die Hauptausgabe der Tagesschau den im BMJ veröffentlichten Befund der Cochrane-Forscher korrekt und klar in einer Minute und 10 Sekunden zusammengefasst. Nach dem Fairness-Prinzip, die Kritisierten zu Wort kommen zu lassen, konnten Roche-Mann Barry Clinch, das Bundesamt für Gesundheit und die Swissmedic ihrerseits in insgesamt 1 Minute und 30 Sekunden ihre Meinungen dazu abgeben. So weit so gut.
Am 15. April jedoch gewährte die Hauptausgabe der Tagesschau wie eingangs erwähnt Roche erneut und diesmal exklusiv Gelegenheit, für Tamiflu Werbung zu machen. Als Vorwand diente der Tagesschau, dass der Roche-Chef «erstmals» persönlich zu Tamiflu Stellung nehme. Er sagte allerdings nichts Neues, was seine Roche-Leute nicht schon Tage vorher verbreitet hatten.
Besonders unprofessionell war zweierlei: Erstens stellte die Tagesschau-Redaktorin Severin Schwan keine einzige Gegenfrage, kein kritisches Interview also. Schwan durfte einfach seine PR-Behauptungen von «Wirksamkeit» und «Qualität der Daten» verbreiten. Damit desavouierte der Konzernchef die Cochrane-Forscher und das «British Medical Journal». Doch den so von «höchster Stelle» Kritisierten gab die Tagesschau keine Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen.
Merke: Die Regeln der Fairness und Ausgewogenheit beachtet die Tagesschau in erster Linie, wenn Mächtige kritisiert werden. Mächtige jedoch dürfen Glaubwürdigkeit und Integrität von andern unwidersprochen in Zweifel ziehen.

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3 Meinungen

  • am 17.04.2014 um 18:30 Uhr
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    Da sind wir doch mal mit Ueli Maurer einig: eine schwache journalistische Leistung!

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  • am 18.04.2014 um 01:23 Uhr
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    Eine interessante Entwicklung ist, dass wegen Tamiflu-Druck und neuer EU Transparenzrichtlinie GlaxoSmithKline/Roche/Novartis/Sanofi/ViiV/Boehringer Ingelheim nun ausnahmslos alle Studien seit 98 unabhängigen Forschern zur Verfügung stellen. Dies ist einerseits im Interesse der Arzneimittelsicherheit, andererseits aber auch ein geschickter Schachzug, die Haftpflicht auf die Registrierungsbehörden auszuweiten. Denn letzten Endes haben die Behörden die Daten zur Wirksamkeit/Sicherheit akzeptiert. So wird es schwer, nachzuweisen, dass nur der Hersteller seine Sorgfaltspflicht verletzt hat. Dasselbe Spiel treibt man ja mit den Ärzten. Man ködert sie über finanzielle Fehlanreize deren Medikament zu verordnen. Letzten Endes aber haftet nur der Arzt, wenn er seine Sorgfaltspflicht verletzt hat. Ansonsten muss man neue Hinweise ernst nehmen und abklären. Faktum ist, dass zum Zeitpunkt der Registrierung aber nur wenige, optimierte Daten zum Beleg der Wirksamkeit vorliegen. Die Sicherheit wird eigentlich erst im Verlaufe der breiten Praxiserfahrung besser evaluiert. Deshalb braucht es nach Markteinführung unabhängige Versorgungsforschung, sonst bleibt man immer in Abhängigkeit der Pharma, welche Abklärungen so verzögern, bis der Patentschutz abgelaufen oder bereits der nächste Blockbuster auf dem Markt ist. Gemäss Reformvorschlag in Schweiz. Ärztezeitung Nr. 37/2009:1436-9.
    Im Prinzip stimmts leider, Swissmedic hat Wirksamkeit belegt! Ist es aber zweckmässig d.h. brauchts Tamiflu?!

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  • am 18.04.2014 um 01:53 Uhr
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    Damit folgt nun der zweite Streich der Pharma nach der Abfederung der Haftpflicht: dank Abklärung des Zusatznutzens, resp. der Zweckmässigkeit oder medizinischer Notwendigkeit erneut durch die Pharma nach Markteinführung des Medikamentes lässt sich bei positivem Beleg ein noch höherer Preis aushandeln! Also Höchstpreise und Innovationszuschläge auf Basis der Registrierungsstudien und dann noch zusätzlich Preiserhöhungen, wenn der Hersteller Indikations- und Behandlungsqualität weiterhin verbessert. Die Pharma weiss eben immer einen Weg, um …. und BR Berset und Parlament unterstützen wohl diese wirtschaftlich gesehen zukünftige äusserst pharmafreundliche Lösung auf Kosten der Prämienzahler der OKP. So gesehen muss man sich über einseitige Berichterstattung nicht wundern. Das ist ein seit längerem abgekartetes Spiel, bei welchem die Pharma und die Haftpflichtversicherer als Gewinner hervorgehen.

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