Zwei Schweizer Dorfärzte gegen Elon Musk
Leuk ist eine Stadt. Das sagen sie hier mit einem gewissen Stolz, weil das kleine Dorf im Mittelalter das Stadtrecht bekommen hat und sich seitdem nicht mehr davon trennen will. Stadt also. Mit Rebbergen, ein paar Strassen, einem Gemeindehaus und oben am Hang diese weissen Dinger, die aussehen, als hätten Ausserirdische beschlossen, hier sesshaft zu werden.
Wir fahren hin. Fünf Minuten vielleicht. Ein kleiner weisser Peugeot, der den Berg hochkriecht, als hätte er Zweifel an der ganzen Sache. Vorbei an Reben. Dann plötzlich nichts mehr Romantisches, sondern Technik. Kuppeln. Metall. Himmel. Roman Kuonen zeigt nach oben.
«Die Anlage hier in Leuk, oben auf dem Brentjong, wird von der Signalhorn AG betrieben. Früher war das die Post, dann die Swisscom. Heute stehen hier rund siebzig Antennen, bis zu dreissig Meter hoch. Und jetzt sollen vierzig neue dazukommen, für Starlink.»
Hanna Schnyder-Etienne sagt: «Es geht um vierzig neue Satellitenantennen – das wäre ein absoluter Rekord in Europa. Üblicherweise sind solche Anlagen viel kleiner, fünf bis acht Antennen, in Spanien fünfzehn, aber fernab der Zivilisation. Hier hingegen: mitten im Wohngebiet.»
Die Antennen stehen oberhalb der Glaskuppel des alten Bischofschlosses. Ein Ort, an dem Technik und Architektur sich schon einmal begegnet sind. Und wo Kuonen und Schnyder-Etienne bereits einmal in einer lokalen Baufrage mitmischten. Damals engagierten sie sich dafür, dass Mario Botta im Städtchen baut, heute engagieren sie sich dagegen, dass Musk dasselbe tut. Die Kuppel gehört zum Schloss Leuk, das der Tessiner Architekt restauriert und erweitert hat.
Der Peugeot steht jetzt am Ende des Rebbergs. Hier oben ist Schluss mit Idylle.
Unter Diverses
Die Geschichte beginnt, wie solche Geschichten fast immer beginnen: mit einer Meldung in der Zeitung. «Nach Pfingsten 2025 haben wir im Walliser Boten gelesen, dass Elon Musk in Leuk vierzig Antennen bauen will», sagt Hanna Schnyder-Etienne, seit über 35 Jahren Leuker Dorfärztin. «Am nächsten Tag war Gemeindeversammlung, aber diese Antennen waren kein Thema. Also bin ich unter dem Traktandum Diverses aufgestanden und habe gesagt: Ihr habt das doch alle gelesen, es kann doch nicht sein, dass die Pläne von Elon Musk an unserer Gemeindeversammlung kein Thema sind.»
Umgehend entbrannte an der Versammlung eine einstündige Diskussion und noch am nächsten Tag, weil nur noch vierzehn Tage Zeit blieben, eine Einsprache zu lancieren, gründeten vierzehn Leukerinnen und Leuker die «IG 40 neue Satellitenantennen: Nein, so nicht». Und das ist natürlich wunderbar, denn das ist eine vollständig ausgearbeitete politische Forderung in einem Satz, und die Pläne von Musk und der Gemeinde, einfach so durchzuhuschen und ohne Aufsehen vierzig Antennen zu bauen – «diesen Plänen zumindest haben wir einen Strich durch die Rechnung gemacht», sagt Roman Kuonen, ebenfalls 35 Jahre Dorfarzt in Leuk, und zusammen mit Hanna Schnyder-Etienne gewissermassen die personifizierte Einwendung.
Unleserliche Stellen
Während wir vor Ort zu dritt die alte Antennenanlage besichtigen, sagt Hanna Schnyder-Etienne: «Elon Musk will in unserem Dorf vierzig Starlink-Antennen bauen. Das ist nicht irgendein kleines Projekt. Es handelt sich mit Abstand um den grössten Starlink-Standort in Europa, oberhalb des Dorfes, in unmittelbarer Nähe zu den Rebbergen und am Rand des Naturparks Pfyn-Finges, mit Antennen, die so viel Strom fressen wie 400 Einfamilienhäuser. Und der Cloud Act der USA besagt, dass im Kriegsfall alle diese Starlink-Daten dann den USA gehören. Zudem: Elon Musk kann nach Lust und Laune den Zugang zu seinem Netz sperren. Was ist mit unserer Datensouveränität? Das alles sind Fragen von nationaler Bedeutung und nicht etwas für einen kleinen Verein irgendwo im Wallis.»
Und dann kommt das, was in der Schweiz immer kommt: die Akten. Und, man ahnt es schon, im Baugesuch stand natürlich gar nichts von unerforschter Strahlung oder Strahlungswerten oder auch nur von der Frage, was eigentlich passiert, wenn man vierzig solcher Anlagen mitten ins Tal stellt, obwohl hier oben seit Jahrzehnten bereits eine Satellitenstation steht, die mit geostationären Satelliten arbeitet, ruhig, berechenbar, die Antennen starr in eine Richtung gerichtet. Laut Kuonen umfasst das Baugesuch «etwa achtzig Seiten, aber das Wort Gesundheit kommt darin nicht vor, Strahlung auch nicht», und erst auf Einsprache hin habe man überhaupt Zahlen gesehen, sagt Schnyder-Etienne, man bewege sich hier «in einem deutlich höheren Frequenzbereich als bei den bisherigen Anlagen», konkret 18 bis 29 Gigahertz, und «niemand kann derzeit sagen, was das bedeutet». Während die alten Antennen noch starr in eine Richtung senden, folgen die neuen Systeme den Satelliten, verfolgen sie in einem Winkel von bis zu 140 Grad, bauen Verbindungen auf, sobald ein Satellit erreicht wird, und ob sie danach wieder vollständig abschalten oder einfach weiter senden, «das wissen wir nicht», und berechnet wurde das Ganze selbstverständlich nicht etwa für die ganze Anlage mit vierzig Antennen, sondern für genau eine, «ein Parteigutachten», sagt Schnyder-Etienne, und Kuonen ergänzt, die Streustrahlung und die Gesamtbelastung «aller vierzig Antennen» seien darin «nicht enthalten, beziehungsweise unleserlich gemacht und damit nicht interpretierbar», und damit auch die zentrale Frage, «ob vierzig Antennen kumulativ wirken». Und der Nutzen, nun ja, «sieben oder acht Arbeitsplätze», sagt Kuonen, «in der Nacht ist da gar nichts».
«Unleserlich gemacht, warum das denn?», frage ich.
Das wisse man nicht, sagt Schnyder-Etienne, aber die Tabelle zur Strahlenbelastung sei damit nicht interpretierbar.
«Kann ich sie sehen?»
«Nein, im Moment nicht. Das Parteigutachten ist Teil der Gerichtsakten, und wir befinden uns mitten in einem laufenden Verfahren. Wir wollen uns angesichts der mächtigen Gegenpartei keine Fehler leisten.»

«Störung des Orientierungssinns»
Und damit ist alles gesagt. Oder fast alles. Denn die Frage ist nicht nur, was diese Anlage technisch kann, sondern auch, was sie mit dem macht, was hier lebt. «Wir haben die grösste Vogelvielfalt der Schweiz», sagt Hanna Schnyder-Etienne. «Und diese Antennen sollen mitten im Rebberg und im Naturschutzgebiet zu stehen kommen, und man weiss nicht, was mit den Vögeln passiert, wenn sie einen solchen Strahlenkegel überfliegen. Studien sprechen von einer Störung des Orientierungssinns und der Gesundheit der Vögel und Insekten.»
Und damit ist man an dem Punkt, an dem die Zahlen aufhören und die eigentliche Frage beginnt: Was bedeutet das alles für die Menschen, die hier leben? Im Mittelpunkt stehen mögliche gesundheitliche Risiken.
«Roman und ich sind bei den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz, und eine Woche vor der Gemeindeversammlung hatte ich eine neue WHO-Studie zur Antennenstrahlung gelesen. Da habe ich gedacht, offenbar muss man das Thema viel ernster nehmen», sagt Schnyder-Etienne.
Tatsächlich kam eine im Mai 2025 publizierte WHO-Übersichtsstudie unter Co-Leitung der Berner Toxikologin Meike Mevissen zum Schluss, dass hochfrequente elektromagnetische Strahlung im Tierversuch mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden ist. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um die Risiken für den Menschen genauer zu beurteilen. Oder, wie Schnyder-Etienne es sagt: «Erst bauen, dann forschen. Wir Menschen werden zu Versuchskaninchen.» Und Kuonen sagt: «Die Gewinne gehen zu Starlink, und das Risiko tragen die Leukerinnen und Leuker.»
Alles geregelt, kein Problem
Inzwischen ist aus der IG ein Verein geworden: «Schutz vor Satellitenstrahlung Region Leuk». Ziel ist es, vor Bundesgericht – sollte der Staatsrat das Projekt durchwinken – den Bau der Starlink-Bodenstation zu verhindern. Dafür brauche es jetzt aber vor allem eines, sagt Hanna Schnyder-Etienne: eine nationale Debatte. Darum reiste sie Anfang März an die Frühlingssession des Nationalrats nach Bern, um sich mit SP-Co-Präsident Cedric Wermuth zu treffen, der Interesse signalisiert habe.
Tatsächlich hat die Angelegenheit das Parlament bereits erreicht. Der Walliser Nationalrat Christophe Clivaz reichte Vorstösse ein. Fragen zu Strahlung, Energie, Souveränität. Die Antwort kam im November 2025. Formal korrekt. Und inhaltlich erstaunlich beruhigend. Es geht schliesslich um Starlink. Und um Elon Musk, einen Unternehmer, der in Kriegsgebieten darüber entscheidet, ob ein Kommunikationsnetz ein- oder ausgeschaltet wird, und der mit seinem Satellitennetz faktisch bestimmt, wer Zugang zum Internet hat und wer nicht.
Der Bundesrat argumentierte, zusätzliche Satelliteninfrastruktur stärke die digitale Souveränität der Schweiz, weil sie das Kommunikationsnetz erweitere und diversifiziere: Mehr Antennen bedeuten mehr Verbindungen, und mehr Verbindungen bedeuten mehr Souveränität, so die Rechnung in Bern. Das Bundesamt für Kommunikation sieht ebenfalls kein grundsätzliches Problem. Die Anlagen seien zielgerichtet, die Bevölkerung nicht exponiert, der Rest Sache der Kantone.
Selbstverständlich hat der Leuker Gemeindepräsident Alain Bregy gegenüber den Medien längst das gesagt, was Gemeindepräsidenten in solchen Momenten immer sagen: Arbeitsplätze. Steuereinnahmen. Und überhaupt, die Leute hätten ja schon immer Angst gehabt vor dem Unsichtbaren.
Die Gemeinde Leuk bewilligte das Bauprojekt im November 2025 und wies die Einsprache ab. Dagegen wiederum reichte der Verein Beschwerde beim Staatsrat ein und beantragte erfolgreich eine aufschiebende Wirkung, also Baustopp. Das Verfahren ist hängig. Jetzt wartet man. Der Entscheid des Staatsrats folgt in den nächsten Wochen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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