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Herbizid-Einsatz auf einem Reisfeld bei Avignon. © wuzefe

Verharmloser der Pestizidgefahren

Lukas Fierz /  Eine Website lobt den Nutzen von Pestiziden und anderen Chemieprodukten. Von den Gefahren ist nicht die Rede.

Red. Der Autor ist Arzt in Bern mit Spezialgebiet Neurologie. Er politisierte früher in der Grünen Fraktion im Nationalrat.

Eine Website mit dem heimatverbundenen Namen «Swiss-Food.ch» singt das Hohelied des Monsanto-Bayer-Bienengiftes Glyphosat und behauptet: «Pestizide schützen unsere Lebensmittel nicht nur auf dem Feld, sondern auch während der Verarbeitung bis auf den Teller». Davon, dass sie dann auch in Magen und Blut gehen, wird nicht mehr gesprochen.  

«Pestizide sind schuld am Insektensterben» – das sei ein Mythos, heisst es. «Pestizide schaden der Biodiversität», «Chemie ist Gift», «Unserem Wasser geht es schlecht» – auch das seien Mythen, denn um die Insekten stehe es besser als vermutet. Illustriert wird das Ganze mit makellosen Supermarkt-Tomaten und Bildern von stramm ausgerichteten Monokulturen, garniert mit Pressezitaten aus der NZZ. 

Kein Wort von den Gewässern, in denen keine Lebewesen mehr zu finden sind. Kein Wort davon, dass die Gifte alle immer nur einzeln geprüft werden, dass wir aber Mensch und Umwelt permanent einem polyvalenten Cocktail aussetzen, dessen Zusammenwirken ungeprüft bleibt. Kein Wort über die warnenden Stimmen von Fachleuten über den prekären Zustand unserer Böden und Gewässer.

Interessant wird es beim Impressum. Zwei Firmen stehen dahinter:

Einerseits die deutsche Firma Bayer, deren Labor in Leverkusen 1935 Tabun entwickelte, das erste Nervengas der Nationalsozialisten und Urvater vieler Insektenvertilgungsmittel. Bayer hat unlängst den US-Agrochemiekonzern Monsanto geschluckt und sich damit Milliardenklagen wegen des Bienengiftes Glyphosat eingehandelt. Andererseits firmiert Syngenta, Hersteller von über hundert Agrargiften in chinesischem Besitz.     

Beide Firmen können weder als schweizerisch bezeichnet werden, noch produzieren sie Nahrungsmittel. Der Name «Swiss-Food» wurde offenbar vom cleveren Betreiber der Website erfunden, der Kommunikationsplan AG in Zürich. 

Dort arbeiten Iso Rechsteiner, studierter Germanist und Theologe, ehemals Direktor bei Schweizer Radio DRS und späterer Chief Communications Officer und Head Public Affairs der SRG mit langjähriger Erfahrung in Kommunikationsbegleitung von Führungspersönlichkeiten. Oder Urs Rellstab, ehemaliger Chefcampaigner der Economiesuisse. Zusammen sind sie ein gutes Dutzend von lächelnden Senior Consultants, Textern, Partnern, Medientrainern, Krisenkommunikatoren und Digital Advisors, die gemäss eigener Auskunft für Schlagkraft in Presse, Medien und digitalem Raum sorgen. 

Interessant ist die Kundschaft: Da ist nicht nur Bayer und Syngenta. Für die Energieorganisation Avenergy und die Schweizer Gasindustrie verteidigt die Kommunikationsplan AG die fossilen Energieträger. Weiter unterstützt die Agentur zahlreiche mächtige Verbände: Economiesuisse, Swissmem, die Schweizerische Zementindustrie (Cemsuisse), den Dachverband der Bauwirtschaft (Bauen Schweiz) und Implenia, die Schweizerische Bankiervereinigung und den Schweizerischen Versicherungsverband oder den Städteverband. Mit SRG und SRF werden alte Seilschaften bedient.

Eher überraschend in dieser Gesellschaft sind Gesundheitsorganisationen wie das Bundesamt für Gesundheit, der Verband Zürcher Krankenhäuser, die Hirslanden-Kliniken, die Spitäler St.Gallen, die Zürcher Belegärztevereinigung, die Gesundheitszentren in Dielsdorf und Lengg. Ob sie und die ebenfalls als Kunden genannten Gemeinden Dürnten, Männedorf, Richterswil, Zumikon und die Reformierte Gesamtkirchgemeinde Thun wissen, mit wem sie da geschäften? 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Lukas Fierz ist Arzt mit Spezialgebiet Neurologe. Er war Berner Stadtrat und 1986 bis 1991 Mitglied der Grünen Fraktion im Nationalrat. Seither ist er politisch nicht mehr aktiv. Er schrieb «Begegnungen mit dem Leibhaftigen – Reportagen aus der heilen Schweiz», Tredition 2016, 20.90 CHF. Hier sein Blog.

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4 Meinungen

  • am 22.02.2021 um 11:17 Uhr
    Permalink

    Da wird Körperverletzung bewusst in Kauf genommen.
    Eigentlich eine konkrete Verschwörung, keine -theorie mehr! Es ist ungeheuerlich.

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  • am 22.02.2021 um 12:59 Uhr
    Permalink

    Homepage und Lobbying von https://swiss-food.ch/de/
    erinnern doch sehr stark an eine der global einflussreichsten «Werbeagenturen» und ihre Meinungsmanipulations-Strategien:
    Hill+Knowlton Strategies
    https://www.epochtimes.de/meinung/analyse/meinungsmanipulation-who-nutzt-beruehmte-werbeagentur-fuer-covid-19-a3448347.html

    Wir scheinen in einer Welt zu leben, in der mit «Werbung, Lobbyismus und gut bezahlten Strategien» jede beliebige «Wahrheit» in unsere Köpfe eingetrichtert werden kann.
    Wer’s glaubt, ist selber schuld?
    Welche Rolle spielt der Staat dabei?
    Die Staaten sind zunehmend abhängig von ihren Gläubigern und dienen den Grosskonzernen, sprich Big Money und der «Sekte des Geldes und des Profits».

    Das Gleiche gilt für McKinsey und den Oxycontin-Skandal mit 450’000 Toten in den USA.

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  • am 23.02.2021 um 17:39 Uhr
    Permalink

    Ich teile die Besorgnis über diese Werbekampagne durchaus. Und bin definitiv kein Freund von Bayer und Syngenta. Das will ich klarstellen. Aber die Kurve über das Nervengift Tabun bringt in diesem Zusammenhang GAR NICHTS! Sie wirft einfach ein unnötig schlechtes Licht auf den restlichen Artikel, denn 1. wurde es 1936 (nicht 1935) bei IG Farben in Leverkusen entdeckt (Bayer gab es noch nicht), 2. ist ein Nervenkampfstoff (bei allem Respekt vor Insektiziden!) eine ganz andere Schuhnummer als ein Insektenvertilgungsmittel, 3. müsste fairerweise noch erwähnt werden, dass die Entdeckung von Tabun (bei der Suche nach Insektiziden) eine Zufallsentdeckung war, 4. wäre zu sagen, dass Tabun zwar nie militärisch eingesetzt wurde (wenigstens das!), dass ihm aber dennoch viele Menschen zum Opfer fielen. Generell: Man kann und soll Bayer, Syngenta & Co. und deren Wasserträger kritisieren, sich aber davor hüten, gleich noch ein paar andere «belastete Begriffe» (Nervengas, Nazis) hinterher zu werfen. Und wenn eine (vorsichtig formuliert) «Werbefirma» zwei verschiedene Kunden hat, denn grenzt es schon fast an «Cincerismus» seligen Angedenkens, den ersten für die Fehler des zweiten gleich mit anzuschwärzen.

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  • am 24.02.2021 um 12:35 Uhr
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    Lieber Herr Kuhn, richtig, 1936. Aber beim Rest muss ich widersprechen: Bayer wurde 1863 gegründet. 1925-1945 wurden deutsche Chemiefirmen vorübergehend zur IG-Farben zusammengefasst. Trotzdem firmierten die Firmen weiter auch unter eigenem Namen, z.B. Bayer in einer Korrespondenz mit dem Kommandanten des KZ Auschwitz (veröffentlicht durch Zentralkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Polen. Jan Sehn: Konzentrationslager Oswiecim-Brzezinka – Auschwitz-Birkenau, Warszawa 1957, S. 89 f. Fn.2, Nürnberger Dokumente NJ. 7184), in der 150 KZ-Häftlingsfrauen à 170 Reichsmark pro Stück für Schlafmittelversuche bestellt wurden. Ein späteres Schreiben: “Die Versuche wurden gemacht. Alle Personen starben. Wir werden uns bezüglich einer neuen Sendung bald mit Ihnen in Verbindung setzen.” Die Nervengase wurden von einem ursprünglichen Bayer-Chemiker in den ursprünglichen Bayer-Labors hergestellt und ihre Verwandtschaft mit den Insektenvertilgungsmitteln und die Toxizität für den Menschen ist evident. All das hören die Giftfritzen nicht gern. Eine Werbefirma, die sich in den Dienst der Naturvergiftung stellt, soll sich nicht wundern, wenn Institutionen des Gesundheitswesens und der Öffentlichkeit ihr das Mandat entziehen. Das war genau der Zweck des Artikels. Und der Unterschied zu Cincera (den ich noch gekannt habe) ist der: Cincera schwärzte Linke an im Dienste der Mächtigen. Wir handeln aus Notwehr, gegen die, die sich von den Mächtigen in Dienst nehmen lassen.

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