Sonnenschirme an italienischem Strand

Einst als IV-Rente für Kriegsversehrte gedacht – heute ein Riesengeschäft: italienisches Strandbad. © Depositphotos

Italienische Strandkonzessionen waren einst Invaliden-Renten

Esther Diener-Morscher /  Italien wollte Kriegsversehrten eine Existenz bieten – und schenkte ihnen Lizenzen zum Geldverdienen. Mit Sonnenschirmen.

Italien ist in Europa das Land mit der höchsten Dichte an bewirtschafteten Stränden. Belegt sind sie traditionsgemäss mit ordentlich ausgerichteten Reihen von Liegestühlen und Sonnenschirmen dazwischen. Die Preise für einen Platz an einem begehrten Strand sind hoch. Mitunter ist sogar von der «Sonnenschirm-Mafia» die Rede. Diesen Sommer zahlte man an der ligurischen Küste für das Liegestuhl-Paar mit Schirm im Durchschnitt weit über 300 Euro pro Woche (siehe Kasten unten).

Das verwundert vor allem deshalb, weil die italienische Küste dem Staat gehört und das Ufer laut Gesetz für alle zugänglich bleiben müsste. Trotzdem sind gut die Hälfte der Sandstrände an private Betreiber verpachtet. Diese zahlen geringe Konzessionsgebühren von durchschnittlich etwa 8000 Euro pro Jahr, nehmen damit aber ein Vielfaches davon ein. Es gibt Schätzungen, wonach pro erteilte Konzession ein durchschnittlicher Jahresumsatz von 250’000 Euro erzielt wird.

Eine frühe Sozialversicherung

Italien nimmt mit den Strandkonzessionen nur etwa 100 Millionen Franken pro Jahr ein. Dieser heute seltsam anmutende Umstand hatte einst einen guten Zweck: Der Staat vergab die Strandparzellen gleichsam einer Invalidenrente an Kriegsversehrte. Sie sollten diesen und ihren Familien eine neue Existenzgrundlage verschaffen.

Nach dem Ersten und noch mehr nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten viele schwer verwundete Soldaten nach Hause zurück und konnten nicht mehr in ihren angestammten Berufen arbeiten. Später kamen auch Flüchtlinge aus den ehemaligen Kolonien oder aus verlorenen Gebieten – etwa aus Istrien – dazu. Die Vergabe einer Konzession für einen Küstenabschnitt kostete den Staat nichts, diente den Pächtern aber als soziale Absicherung.

Damals konnte sich nur eine kleine Schicht von Reichen ein Strandleben leisten. Die Einnahmen der kleinen Familienbetriebe hielten sich deshalb lange in Grenzen. Doch dann wurden Strandferien in Italien zum Massenvergnügen grosser Bevölkerungsschichten.

Plötzlich wurden die Strandbäder zu Goldgruben

Aus der kleinen staatlichen Wohlfahrtsmassnahme wurde eine Geldquelle, welche die Pächterfamilien immer üppiger zum Sprudeln brachten, indem sie Duschen, Umkleidekabinen, Bars, Restaurants oder sogar Pools hinzubauten – viele im Glauben, dass sie bis in alle Ewigkeit von der einstigen Invaliden-Rente ihrer Vorfahren profitieren würden. Die Konzessionen wurden innerhalb der Familien wie Privateigentum vererbt. Deshalb sind fast alle Strandbäder noch heute Familienunternehmen.

Der Staat verlängerte die Konzessionen über Jahrzehnte hinweg automatisch und zu niedrigen Preisen. Aber nun drohen die vererbten Exklusivrechte endgültig zu verfallen. Die EU zwingt Italien, bis nächsten Sommer alle Strandkonzessionen öffentlich und europaweit neu auszuschreiben. Eine EU-Richtlinie schreibt vor, dass die EU-Staaten den anderen einen freien Zugang zum nationalen Dienstleistungsmarkt gewähren.

Nächstes Jahr neue Pächter

Spätestens bis Juni 2027 müssen alle rund 30’000 Strandkonzessionen in Italien in der EU ausgeschrieben werden. Dies zum Leidwesen der bisherigen Betreiber, die sich als rechtmässige Eigentümer des Geschäfts sehen, das ihre Vorfahren aufgebaut haben.

Sie fürchten – wohl zu Recht –, dass künftig international tätige Unternehmen die lukrativen Strandbetriebe übernehmen. Die neuen Pächter werden Italien aber auch zu viel höheren Einnahmen verhelfen, weil der Wettbewerb dazu führen wird, dass sie höhere Gebühren als bisher zahlen werden.

Was nicht ganz falsch ist. Denn die Einnahmen der Strandbadbetreiber dienen ja auch schon lange nicht mehr als Rente für Kriegsversehrte und Geflüchtete.

Doch viele italienische Gemeinden wollen gar nicht mehr Geld verdienen mit den neu ausgeschriebenen Konzessionen. Sie möchten stattdessen mehr frei zugängliche Strandabschnitte schaffen. Die Behörden wollen bis zur nächsten Strandsaison vermehrt auch illegale Bauten, Zäune und Mauern abreissen lassen, die bisher den freien Zugang zum Meer erschwerten.

Bis zu 1500 Euro für einen Strandtag

Das Luxus-Strandbad Twiga Beach Club in Marina di Pietrasanta bietet die wohl teuersten Liegebetten von ganz Italien an. Die Umwelt- und Konsumenten-Organisation Codacons hat letztes Jahr ermittelt, dass in diesem Luxus-Strandbad in der Toskana ein Platz bis zu 1500 Euro pro Tag kostet. Dafür erhält man ein «Kaiser-Zelt» mit ausserordentlicher Ausstattung. Aber auch ein normaler Platz mit zwei Betten und einem Sonnenschirm kostet 600 Euro.

Twiga versilia
Der teuerste Strand Italiens: der Twiga Beach Club in der Toskana.

Dieses Jahr hat die italienische Konsumentenorganisation Altroconsumo die Durchschnitts-Preise von zehn Ferienorten im August erhoben. Dabei zeigten sich erhebliche regionale Unterschiede: Im ligurischen Küstenort kostete es im Schnitt 368 Euro pro Woche, einen Sonnenschirm und zwei Liegestühle in der ersten Reihe zu mieten. Etwas günstiger war es, wenn man mit der zweiten bis vierten Reihe vorliebnahm. Aber auch dann kostete es im Schnitt noch 340 Euro.

Die billigsten Liegestühle gibt es an den grossen flachen Adria-Sandstränden: Lignano, Rimini und Senigallia. Dort kostete die Wochenmiete im August im Schnitt unter 160 Euro.

Durchschnittliche Kosten für einen Sonnenschirm und zwei Liegestühle in der ersten Augustwoche 2026.

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Keine
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2 Meinungen

  • 7.10.2026 at 10:40
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    Eine fast nebensächliche Meldung – und doch verbirgt sich , wie so oft, in solchen Randnotizen der Hinweis auf ein grundsätzliches Problem : auf der begrenzten Fläche diese Planeten kann es keine Gerechtigkeit geben, wenn man aus der Landverteilung ein Renditegeschäft für Wenige geschehen läßt. Grund und Boden kann nur Gemeingut sein, werden und bleiben. Es hätte nie anders sein dürfen. Daher ist der Weg zurück in diese Gerechtigkeit ein Weg, der nicht ohne Brüche beschritten werden kann.Dazu gehört Mut und politischer Wille.Die Privatisierung von Stränden, Wäldern etc. war schon immer ein Symbol von Ungerechtigkeit – und das bleibt es auch dann, wenn ein wirtschaftlicher Nutzen damit verbunden ist. Zumal der dann nur sehr begrenzt der Allgemeinheit zugute kommt.
    Diese Erkenntnis umzusetzen ist durchaus versucht worden, aber an der Gier singulärer Interessen gescheitert. Nirgendwo ist das so sichtbar geworden wie im politischen Wandel im ehemaligen Jugoslawien und seinen Stränden.

  • 7.10.2026 at 12:18
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    Oxfarm Themen Konzernmacht: «Immer weniger, dafür immer größere multinationale Konzerne kontrollieren die Märkte über die gesamte Lieferkette hinweg – vom Acker bis zur Ladentheke. Zu viel Macht ist in wenigen Händen…»

    Beachtenswerte Aussage im Artikel: «Sie fürchten – wohl zu Recht –, dass künftig international tätige Unternehmen die lukrativen Strandbetriebe übernehmen…»

    Die Strategie der globalen Grosskonzerne könnte wohl sein, Kleinbetriebe/Kleingebetriebe vom Markt zu drängen, um das gesamte Absatzgebiet übernehmen zu können: Könnten so die Preise bestimmen, weil es keine Konkurrenz mehr gibt. Die Politik scheint mit den Gesetzen und Vorschriften wie ein Markt funktionieren muss den globalen Grosskonzernen zu helfen gigantische Gewinne machen zu können mit Hilfe der geförderten Monopolsisierung.
    Gunther Kropp, Basel

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