Jugendliche.Pixabay

Gesunde Jugendliche brauchen für ihre Gesundheit keine Covid-19-Impfung. © pixabay

«Nicht-Impfen darf Jugendliche sozial nicht einschränken»

Urs P. Gasche /  Die Impfung der Kinder und Jugend­lichen sei aktuell nicht indiziert, um Risiko­gruppen zu schützen, sagt Professor Philip Tarr.

Professor Philip Tarr ist Co-Chefarzt der Medizinische Universitätsklinik am Kantonsspital Basel-Land. Er ist Infektiologe und hat im Juli mit anderen Autorinnen und Autoren in der Zeitschrift «Primary and Hospital Care» Antworten auf die Frage «Sollen wir Kinder und Jugendliche gegen Covid-19 impfen?» gegeben. Die damalige Beurteilung sei heute immer noch aktuell, erklärte Tarr gegenüber Infosperber.

Tarr steht hinter der mRNA-Impfung. Er glaubt nicht, dass die langfristige Sicherheit nicht gewährleistet ist: «Wir kennen heute nach milliardenfacher Anwendung und sechs- bis zehnmonatiger Beobachtung zumindest bei Erwachsenen das Nebenwirkungsprofil dieser mRNA-Impfstoffe.» Das letzte Wort zur langfristigen Sicherheit sei wohl noch nicht gesprochen, «aber ein nennenswertes Risiko würde mich sehr überraschen».

«Kinder sollen bei jeder Impfung vor allem einen persönlichen gesundheitlichen Nutzen haben»

Eine «Herdenimmunität» gehöre aktuell weder zu den Impfzielen des BAG noch der Eidgenössischen Impfkommission EKIF. Die Impfung der Kinder und Jugend­lichen sei deshalb aktuell «nicht indiziert, um die Risiko­gruppen zu schützen».[1] Sie sei auch nicht nötig, weder um die Kinder und Jugendlichen vor Ansteckungen zu schützen noch um die Impfziele von BAG/EKIF zu erreichen.

Impfziele das BAG und der EKIF

Das BAG und die EKIF haben schon Anfang 2021 drei übergeordnete Ziele der COVID-19-Impfung definiert und am 22.06.2021 aktualisiert[4]:

  1. Verminderung der COVID-19-Krankheitslast, insbesondere von schweren und tödlich verlaufenden Fällen;
  2. Sicherstellung der Gesundheitsversorgung;
  3. Reduktion der negativen gesundheitlichen, psychischen, sozialen wie wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie.

Aus diesen Gründen sollen Kinder und Jugendliche von der Impfung «vor allem einen persönlichen Nutzen haben». Gemeint ist ein gesundheitlicher Nutzen und nicht das Erlangen eines Zertifikats für Freizeitaktivitäten oder Schulen: «Aus der Nichtimpfung dürfen ihnen keine gesellschaftlichen Nachteile erwachsen. Wir unterstützen die Bestrebungen der EKIF explizit, dass die Impfung bei unter 16-Jährigen keine Voraussetzung für den Besuch von gesellschaftlichen Anlässen sein soll.»

Gegen die Ängste von Erwachsenen

Schliesslich appellieren die Autorinnen und Autoren an die Behörden: «In der Impfkommunikation soll auf mögliche übertriebene Covid-Ängste der erwachsenen Bevölkerung und der Eltern eingegangen und diese abgebaut werden. Es wäre unethisch, Kinder und Jugendliche vor allem wegen der Ängste der Erwachsenen zu impfen.» 

Impfen bei Risikofaktoren und Vorerkrankungen

Bei Kindern und Jugendlichen mit Risikofaktoren für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung könne das Abwägen zwischen Nutzen und Risiko klarer für die Impfung ausfallen. Generell sollte auch unter den Jüngeren «die Impfung bekommen, wer sich impfen lassen möchte, insbesondere bei relevanten Vorerkrankungen».

Die Folgen von schweren Covid-19-Verläufen und der Pandemie-Massnahmen

Dazu Tarr und Mitautorinnen:

«Kinder hatten bisher fast immer einen milden Covid-19-Verlauf, sogar wenn sie mit einer Sars-CoV-2-Variante erkrankten[5],[6]. Nur sehr wenige Kinder mussten wegen Covid-19 hospitalisiert werden und das Sterberisiko ist extrem tief[7].
Wichtig: Alle Kinder, die im Vereinigten Königreich an Covid-19 starben, hatten schwere Vorerkrankungen. Pädiatrische Folgeschäden wie das pädiatrische inflammatorische Multisystem Syndrom (PIMS) sind sehr selten (weniger als 1 von 10’000 Kinder mit COVID-19[8]). Long-Covid-19 spielt für Kinder wahrscheinlich keine Rolle, aber zuverlässige Daten fehlen noch. Gewisse Vorerkrankungen (z.B. Adipositas) prädisponieren Kinder für schwerere Verläufen[9].
Die sozio-psychologischen Folgen der Covid-19-Pandemie stellen hingegen eine hohe Belastung für die Kinder und Jugendlichen dar[10]: Es kam 2020 bei Kindern und Jugendlichen zu einer deutlichen Zunahme von Depressionen, Suizidgedanken, anderen mentalen Gesundheitsproblemen und kinderpsychiatrischen Behandlungen.»

Beitrag zur Herdenimmunität?

Dazu Tarr und Mitautorinnen:

«Dass wir mit der Covid-19-Impfung eine Herdenimmunität erreichen können, wird von Expertinnen und Experten bezweifelt. Die Herdenimmunität ist daher aktuell kein Ziel der Covid-19-Impfstrategie des BAG/EKIF. Zudem machen Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren nur 4 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus und Kinder spielen bei der Übertragung von Sars-CoV-2 nur eine untergeordnete Rolle[11],[12],[13],[14]. Die Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen ist zwar heterogen bezüglich Verhalten und Ansteckungsrisiko, aber Kinder und Jugendliche werden leichter durch infizierte Familienmitglieder im Haushalt angesteckt als umgekehrt[15],[16]. Breites Testen in Schulen machte in den vergangenen Monaten Sinn. Gewisse Expertinnen und Experten empfehlen nun aber: Sobald die meisten Erwachsenen geimpft sind, könnte die Zirkulation von Sars-CoV-2 bei Kindern sogar wünschenswert sein: Mild verlaufende Primärinfektionen im Kindesalter erlauben Re-Expositionen und somit Booster-Effekte bei den immunisierten Erwachsenen[17]


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

_______________
FUSSNOTEN


[1] Obaro S. COVID-19 herd immunity by immunisation: are children in the herd? Lancet Infectious Diseases 1.6.2021.

[4] Bundesamt für Gesundheit. Impfempfehlung für mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19. Stand 22.6.2021.

[5] Lavine JS, Bjornstad O. und Antia R. Vaccinating children against SARS-CoV-2. Brit Med J 13.5.2021.

[6] Molteni E, Sudre CH, Canas LS et al. Illness duration and symptom profile in a large cohort of symptomatic UK school-aged children tested for SARS-CoV-2. medRxiv 8.5.2021
Incidence of Multisystem Inflammatory Syndrome in Children Among US Persons Infected With SARS-CoV-2. JAMA 1.6.2021

[7] American Academy of Pediatrics and Children’s Hospital Association. Children and COVID-19: State Data Report. A joint report from the American Academy of Pediatrics and the Children’s Hospital Association. Version 3.6.2021.

[8] Incidence of Multisystem Inflammatory Syndrome in Children Among US Persons Infected With SARS-CoV-2
JAMA 10.6.2021

[9] Lavine JS, Bjornstad O. und Antia R. Vaccinating children against SARS-CoV-2. Brit Med J 13.5.2021.

[10]  Gesundheitsförderung Schweiz und Bundesamt für Gesundheit BAG. Auswirkungen der Corona-Pandemie auf gesundheitsbezogene Belastungen und Ressourcen der Bevölkerung. 2021. Arbeitspapier 52.

[11] Lavine JS, Bjornstad O. und Antia R. Vaccinating children against SARS-CoV-2. Brit Med J 13.5.2021.

[12] Obaro S. COVID-19 herd immunity by immunisation: are children in the herd? Lancet Infectious Diseases 1.6.2021.

[13] Zhu Y, Bloxham CJ, Hulme KD, et al. A Meta-analysis on the Role of Children in Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 in Household Transmission Clusters. Clin Infect Dis 2021.

[14] Madewell ZJ, Yang Y, Longini Jr IM et al. Household Transmission of SARS-CoV-2. A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Network Open. 2020;3(12):e2031756.

[15] Zhu Y, Bloxham CJ, Hulme KD, et al. A Meta-analysis on the Role of Children in Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 in Household Transmission Clusters. Clin Infect Dis 2021.

[16] Madewell ZJ, Yang Y, Longini Jr IM et al. Household Transmission of SARS-CoV-2
A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Network Open. 2020;3(12):e2031756.

[17] Lavine JS, Bjornstad O. und Antia R. Vaccinating children against SARS-CoV-2. Brit Med J 13.5.2021.

Zum Infosperber-Dossier:

Coronavirus_1

Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581


Der Meinungsaustausch wird nach zehn Tagen automatisch beendet. Oder er wurde zu diesem Artikel gar nicht ermöglicht.

3 Meinungen

  • am 29.10.2021 um 10:54 Uhr
    Permalink

    Vielen Dank für diesen sachlichen Beitrag. Die Entscheidung, junge, gesunde Menschen gegen Covid-19 zu impfen, ist ganz klar politisch und nicht medizinisch motiviert. Folglich werden damit auch politische und nicht medizinische Ziele verfolgt. Welche? Ich weiss es nicht.

    1
  • am 29.10.2021 um 12:03 Uhr
    Permalink

    Die Sportferien für die Schulklassen stehen vor der Türe.
    Wenn schon nicht geimpft werden soll, so müssen die Jugendlichen so kurz als möglich vor ihrer Lagerteilnahmen getestet werden, damit im Lager keine Clouds entstehen können.
    Der Kanton Neuenburg sieht vor die Lager nur mit 75% zu füllen. Meiner Meinung nach ist das nicht die probate Lösung gegen das Infektionsgeschehen, denn ob 100% oder 75% Belegung können einen Infektionsherd nicht verhindern, sollte ein Kind mit Covid-19 am Lager teilnehmen.

    Mein Vorschlag am Freitag vor der Abreise testen (1. Triage) und dann noch einmal kurz nach der Ankunft im Lager. Damit können die Infizierten isoliert werden.
    Der Rest steht in Gottes Hand! Einen 100% Schutz gibt es nicht!

    5
  • am 29.10.2021 um 13:06 Uhr
    Permalink

    Danke für den Artikel!
    Leider werden ihn wohl die Leute, die es am dringendsten müssten, nicht lesen.
    Die Instrumentalisierung der jungen Generation für die Bewältigung der Ängste einiger Alter muss endlich aufhören!

    1

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...