WHO Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus

Der WHO Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus 2024 am Weltwirtschaftsgipfel. © WHO / Youtube

Corona-Lockdown: Die WHO will ihn nicht empfohlen haben

Pietro Vernazza /  Der WHO-Direktor leugnet, dass er sich während der Corona-Pandemie für Lockdowns stark gemacht hat. Dokumente widerlegen ihn.

Red. – Dies ist ein Gastbeitrag von Professor Pietro Vernazza. Er war bis Sommer 2021 Chefarzt der Infektiologie/Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen. Sein Artikel erschien zuerst auf «infekt.ch». Infosperber veröffentlicht eine leicht erweiterte Fassung.

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Zur Frage, was die WHO in der Pandemie tatsächlich empfohlen hat, war kürzlich bei «SRF» anlässlich des US-Austritts aus der WHO zu lesen:

«Die Kritik der USA entzündet sich vor allem an der Pandemie: Die WHO habe Lockdowns, Maskenpflicht und Impfpflicht empfohlen. Falsch, sagt die WHO. Sie habe lediglich für Abstandsregeln, Maskentragen und Impfungen geworben.»

WHO-Stellungnahme auf X vom 24.1.2026
Nachdem die USA ihren Austritt aus der WHO bekannt gaben, veröffentlichte die WHO am 24.1.2026 eine Stellungnahme auf X.

Diese Darstellung klingt eindeutig. Beim Lesen blieb bei mir jedoch ein Zweifel zurück – denn meine Erinnerung an die frühen Pandemie-Monate war eine andere.

Eine kürzlich von Maryanne Demasi in ihrem Substack-Blog zusammengestellte Chronologie hilft, diese Erinnerung zu überprüfen. Gestützt auf ihre Dokumentation hier eine Übersicht über die entsprechenden Aussagen der WHO:

Januar–Februar 2020: China als Referenzmodell

28. Januar 2020 – WHO-Delegation in Peking: Nach einem Besuch in China erklärte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus sinngemäss, China habe mit seinen drastischen Massnahmen einen neuen Standard im Umgang mit Ausbrüchen gesetzt. Die getroffenen Massnahmen seien «mutig» und «entscheidend», um die Ausbreitung einzudämmen (Zitat: «bold», «agile and aggressive»)

24. Februar 2020 (China Joint Mission Report): «China’s bold approach to contain the rapid spread of this new respiratory pathogen has changed the course of a rapidly escalating and deadly epidemic.»

Dieser Bericht lobte ausdrücklich:

  • Abriegelung ganzer Städte
  • massive Bewegungseinschränkungen
  • Schul- und Betriebsschliessungen

Begriffe wie «Lockdown» wurden vermieden – der Inhalt war jedoch deckungsgleich.

März 2020: Zeitgewinn durch drastische Massnahmen

11. März 2020: Pandemie-Erklärung: Am Tag der offiziellen Pandemie-Ausrufung erklärte die WHO, Länder müssten nun «aggressiv handeln», um Zeit zu gewinnen. Pressekonferenz März 2020: «All countries must strike a fine balance between protecting health, preventing economic and social disruption, and respecting human rights.»

Der entscheidende Punkt folgt im nächsten Satz: «Countries that act aggressively now can save lives.»

Was bedeutete «aggressiv» zu diesem Zeitpunkt? In der WHO-Terminologie: Stay-at-home-orders, Schulschliessungen, Einschränkung sozialer Kontakte, also das, was politisch weltweit als Lockdown umgesetzt wurde.

April–Mai 2020: Lockdowns als akzeptiertes Instrument

In mehreren WHO-Briefings wurde betont, dass sogenannte «lockdown-like measures» notwendig sein könnten, um Gesundheitssysteme vor Überlastung zu schützen.

Zugleich wurde argumentiert, Lockdowns seien kein Selbstzweck, sondern ein Mittel:

  • um Test- und Contact-Tracing-Kapazitäten aufzubauen
  • um Spitäler vorzubereiten
  • um Zeit für Impfstoffentwicklung zu gewinnen

Wichtig: Die WHO sprach sich nicht gegen Lockdowns aus, sondern diskutierte lediglich deren Dauer und Ausstieg.

Oktober 2020: Späte Distanzierung – mit Einschränkungen

Erst im Herbst 2020 empfahl der WHO-Direktor in einer viel zitierten Eröffnungsrede zu einer Medienkonferenz Zurückhaltung bei der Einführung von Lockdown-Massnahmen. Lockdowns, so der Tenor, sollten nicht das primäre Instrument der Pandemiekontrolle sein. Diese Aussagen werden heute häufig angeführt – sie erfolgten jedoch Monate nach der weltweiten Umsetzung einschneidender Massnahmen.

Bei der weiteren Recherche fiel mir jedoch ein bemerkenswerter Widerspruch auf: Nur eine Woche nach dieser Rede veröffentlichte die WHO ein Update ihrer global gültigen Empfehlungen, das einen detaillierten Stufenplan zur Eindämmung der Pandemie enthielt. In der entsprechenden Tabelle (Seite 5 des Dokuments) werden für die höheren Eskalationsstufen sehr konkrete und weitreichende Massnahmen empfohlen, darunter bereits ab Situational Level 3 die Schliessung nicht essenzieller Betriebe («closure of non-essential businesses») sowie die Einschränkung des Präsenzunterrichts an Universitäten.

Für Situational Level 4 – eine Phase unkontrollierter Ausbreitung – gehen die Empfehlungen noch weiter: Neben der Möglichkeit der Schliessung von Bildungseinrichtungen, sofern keine Alternativen bestehen, empfiehlt die WHO für Pflege- und Langzeitinstitutionen ausdrücklich strikte Massnahmen bis hin zum Verbot persönlicher Besuche («prohibiting in-person visitors»).

Auch wenn der Begriff Lockdown in diesem Dokument nicht verwendet wird, sind die vorgeschlagenen Massnahmen in ihrer Tragweite eindeutig. Gerade die Empfehlung, Besuche in Pflegeheimen zu untersagen, hatte für viele ältere Menschen massive soziale und psychische Folgen – ein Aspekt, der in der späteren öffentlichen Einordnung kaum mehr thematisiert wurde.

Wie WHO-Empfehlungen politisch wirksam wurden

Formell stimmt: Die WHO kann keine Lockdowns anordnen. Politisch stimmt ebenfalls: WHO-Empfehlungen hatten enorme normative Wirkung. Der Entscheidungsprozess lief in vielen Ländern ähnlich ab:

  1. WHO veröffentlicht Guidance oder lobt bestimmte Massnahmen
  2. Nationale Expertengremien (Task Forces) übernehmen diese Einschätzungen
  3. Regierungen setzen sie als «evidenzbasiert» um

In der Praxis galt: «WHO-konform» bedeutete politisch «wissenschaftlich legitimiert». Insofern ist die Aussage, die WHO habe mit Lockdowns «nichts zu tun gehabt», politisch irreführend, auch wenn sie juristisch korrekt formuliert ist.

Weiterführende Informationen


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6 Meinungen

  • am 8.02.2026 um 10:47 Uhr
    Permalink

    Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Maßnahmen schon am Event 201 gesetzt wurden. Jedenfalls gabs eigentlich Pläne, wie im Pandemie Fall vorzugehen sei, welche in der Schublade blieben, dafür wurden Maßnahmen eingeführt, von denen vorher nie die Rede war. Eigentlich wäre es sehr interessant zu wissen, wer hat an Event 201 teilgenommen und dann in Pandemie Politik eingegriffen, in seinem Land. Wer hat Event 201 organisiert und die Teilnehmer eingeladen. Denke ein Artikel darüber wäre sehr aufschlussreich und könnte so vieles erklären. Oder war das alles geheim? Sprich, weiß man wer da war, was es für Vorträge/ Planbeispiele gab und was da entschieden wurde?

  • am 8.02.2026 um 16:52 Uhr
    Permalink

    Ja, und wenn wir schon dabei sind könnten doch die grossen MS Medien mal bei Alain Berset nachfragen weshalb er uns für 4 Monaten von Restaurants, Bibliotheken u.a. Einrichtungen ausgeschlossen hat. Wie wir ja inzwischen wissen war das alles unwissenschaftlich (Lockdown inkl. Maskentragen). Immerhin hat Ueli Maurer bedauern geäussert doch auf eine Entschuldigung von Alain warte ich immer noch.

  • am 8.02.2026 um 20:20 Uhr
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    Wie bereits Kurt Bachwitz feststellte: «Ein solcher Gedächtnisschwund kann nach dem
    Abflauen jeder Massenwahnerscheinung beobachtet werden.» So auch in der Corona-Pandemie. Denn diese war eine klassische Massenwahnerscheinung. Geführt von einem Toxischen Narrativ. Gut erklärt in meinem Buch: «Das Corona-Narrativ»

  • am 9.02.2026 um 01:05 Uhr
    Permalink

    DW 20.11.2020: «Corona war schon im September 2019 verbreitet – Was sie fanden, waren Antikörper gegen SARS-CoV-2. Und zwar im Blut italienischer Probanden gesammelt im September 2019. …Die Studie, die das erste SARS-CoV-2-Vorkommen auf den September datiert, ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass das Virus bereits früher als gedacht in Europa gelandet war Eine im Juli veröffentlichte Untersuchung von Abwässern in Norditalien wies ebenfalls darauf hin, dass das Virus schon Ende des letzten Jahres im Land zirkulierte.

    Beachtenswerte Aussage im Artikel: «28. Januar 2020 – …Nach einem Besuch in China erklärte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom hebreyesus sinngemäss, China habe mit seinen drastischen Massnahmen einen neuen Standard im Umgang mit Ausbrüchen gesetzt…»
    Könnte wohl sein, dass die Corona-Verbreitung in Italien der WHO schon seit September 2019 bekannt war und nach dem WHO-China-Besuch wurden auch «drastische Massnahmen» ergriffen…
    Gunther Kropp, Basel

  • am 9.02.2026 um 12:15 Uhr
    Permalink

    Ich schaue in meine Kristallkugel und sehe dabei, dass das nicht das letzte Mal war, dass sich die WHO zum weltweiten Ratgeber aufmacht. Es wird wieder kommen, massive Einschränkungen der Grundrechte und Freiheitsrechte werden wieder empfohlen und selbstverständlich auch die Impfpflichten. Die werden in der Schweiz gerade akribisch vorbereitet mit exorbitanten Geldstrafen zur Durchsetzung. Man wird wieder Taskforces einsetzen, die v. a. aus von der Pharma abhängigen Auftragswissenschaftlerinnen und Modellrechnerinnen bestehen wird, man wird in der Bevölkerung erneut Angst verbreiten um Zustimmung zu erreichen, die Medien werden gefördert und willig die Regierungsentscheidungen als alternativlos verbreiten. Das alles sehe ich extrem klar in der Kugel. Das einzige was nur verschwommen zu sehen ist, ist der Zeitpunkt, wann es eintreten wird. Aber vielleicht ist ja das nächste Mal der Widerstand doch stärker als das Schicksal.

  • am 10.02.2026 um 20:07 Uhr
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    Ich kann mich gut erinnern, es hiess, dass nie zuvor ganze Länder abgeriegelt worden seien. Im Gegenteil, man habe gute Erfahrungen gemacht mit lokalen kurzzeitigen Lockdowns in Afrika bei Ebola-Ausbrüchen. Meines Wissens kam diese Information auch von der WHO. Es steht mir fern die WHO in Schutz zu nehmen. Sie hat schlecht und uneindeutig kommuniziert und vor allem alle Lockdowns, die extreme soziale, gesundheitliche und wirtschaftliche Schäden verursacht haben, vor allem in den Ländern des Globalen Südens, zugelassen. Die Regierungen Europas haben, ausser Schweden, panisch und kopflos gehandelt und «die Wissenschaft” scheint korrupt und hat sich wie man aus den RKI-Files weiss, der Politik unterworfen. Die Lockdowns waren nicht evidenzbasiert. Zudem handelten beide, Politik und Wissenschaft, eurozentrisch. Die Erfahrungen aus Afrika nutzen und miteinbeziehen, zum Beispiel auch bei Schaden-Nutzen-Abwägungen von Impfungen, wird in Europa (und der westlichen Hemisphäre) kaum gemacht.

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