Blutdruckmessung

So wird das nichts: Falsche Manschettengrösse und am bekleideten Arm messen sind zwei häufige Fehler, die beim Blutdruckmessen gemacht werden. © vschlichting / Depositphotos

Blutdruck: Falsche Manschettengrösse führt zu Überbehandlung

Martina Frei /  Oft wird mit falscher Manschette gemessen. Dann fällt der obere Wert 16 bis 23 Messpunkte zu hoch aus. Oder 6 bis 8 Punkte zu tief.

Ob in der Arztpraxis, in der Apotheke oder daheim: Beim Blutdruckmessen am Oberarm wird meist die gleiche Armmanschette für alle Personen verwendet – obwohl schon lange bekannt ist, dass die Manschettenbreite das Messergebnis verfälschen kann.

Vor allem Menschen mit sehr grossem Armumfang wird so schnell ein zu hoher Blutdruck «angedichtet»: Rund 20 Messpunkte höher liegt der obere Blutdruckwert bei ihnen, wenn mit der üblichen Armmanschette gemessen wird anstatt mit einer für sie passenden XL-Manschette. Der untere Blutdruckwert erscheint etwa 7 Messpunkte zu hoch. Das haben US-Mediziner der Johns Hopkins Universität ermittelt. Nachzulesen ist ihr Experiment in «Jama Internal Medicine».

Mit einer XL-Manschette betrug der Blutdruck bei Personen mit sehr grossem Armumfang 125/79 und war folglich im grünen Bereich. Bei Messung mit einer regulären Manschette dagegen lag er bei 144/87 – zu hoch.

Die Mediziner warnen jedoch davor, einfach pauschal bei allen stark übergewichtigen Menschen 20 Messpunkte zu subtrahieren. Denn dieser Wert sei nur der Durchschnittswert, im Einzelfall könne die Messung durchaus anders ausfallen. Darum sei es wichtig, die passende Manschettengrösse zu verwenden. Grössere Manschetten sind breiter und haben einen längeren aufblasbaren Teil als die Standardgrösse.

Menschen, die eine L-Manschette benötigten, hatten bei Messung mit der üblichen Manschette obere Blutdruckwerte, die rund fünf Messpunkte zu hoch waren. Das scheint wenig. Doch auch diese Differenz kann genügen, damit ein Mensch falsch behandelt wird.

Bei dünnen Armen ist der wahre Blutdruck höher

Bei Personen mit dünnem Oberarm führte das Messen mit der Standardmanschette ebenfalls zu falschen Blutdruckwerten. Das Experiment ergab, dass bei ihnen der obere Wert im Durchschnitt rund vier Messpunkte tiefer war, als wenn die Manschette zu ihrem Armumfang passte.

Die Mediziner massen bei 195 Personen zuerst den Oberarmumfang: Die Probanden spreizten dazu einen Arm rechtwinklig ab. Dann wurde auf halber Strecke zwischen Schulter und Ellbogen der Umfang bestimmt. Aufgrund dieses Werts wählten die Mediziner die richtige Blutdruckmanschette aus 1. Nach einem standardisierten Verfahren massen sie anschliessend insgesamt 16-mal den Blutdruck jeder Versuchsperson – sowohl mit der passenden als auch mit unpassenden Manschetten in verschiedenen Grössen.

Je schlechter die Manschette zum jeweiligen Arm passte, desto weiter entfernt lagen die Blutdruckwerte von denjenigen bei Messung mit passender Manschette. Das galt sowohl für die oberen als auch für die unteren Blutdruckwerte.

Über 80 Millionen Menschen falsch diagnostiziert

Beim Kauf eines Oberarm-Messgeräts wird meist nur die Manschette in Standardgrösse mitgeliefert. Auch bei Messungen durch Profis kommt meist diese zum Einsatz. Dies könne Über- und Unterbehandlungen mit erheblichen Folgen nach sich ziehen, geben die Studienautoren zu bedenken und rechnen es für die USA durch: Weiche der gemessene Blutdruckwert nur fünf Messpunkte vom wahren Wert ab, dann würden allein in den USA etwa 84 Millionen Menschen entweder zu intensiv wegen Bluthochdrucks behandelt – oder zu wenig.

Im einen Fall entstehen den Betroffenen unnötige Kosten und Umstände. Ausserdem leiden sie womöglich an unerwünschten Wirkungen der unnötigen Behandlung. Im anderen Fall kann es zu Spätschäden des Bluthochdrucks wie Schlaganfall oder Nierenschaden kommen, die bei adäquater Behandlung möglicherweise zu verhindern gewesen wären.

Einer repräsentativen Erhebung zufolge haben etwa 43 Prozent der erwachsenen US-Amerikanerinnen und -Amerikaner – das sind rund 106 Millionen Menschen – einen Armumfang, der zu gross ist für die übliche Blutdruckmanschette. Circa 16 Millionen US-EinwohnerInnen hingegen bräuchten beim Blutdruckmessen eine kleinere Manschette als üblich.

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1 Dabei galt: Oberarmumfang 20 bis 25 cm = kleine Blutdruckmanschette; > 25 bis 32 cm = übliche Manschette; >32 bis 40 cm = grosse Manschette; > 40 bis 55 cm = extra grosse Manschette. Einer anderen Definition zufolge gilt ≤ 26 cm = kleine Manschette; 26 bis ≤ 34 cm = übliche Manschette; 34 bis ≤ 44 cm = grosse Manschette; > 44 cm = XL-Manschette.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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