Blutdruckmessung

Bei alten Menschen wird oft Bluthochdruck diagnostiziert. © Philipp Flury / pixelio.de

Blutdrucksenker: Nutzen bei Senioren wohl kleiner als vermutet

Martina Frei /  Die Rate an schweren unerwünschten Ereignissen ist bei älteren Menschen im Alltag viel höher als in den Medikamentenstudien.

Bluthochdruck nimmt im Alter zu. Deshalb erhalten alte Menschen besonders oft einen Blutdrucksenker. Eine Studie in der Ärztezeitschrift «The Lancet Healthy Longevity» zeigt nun eine unerwartet hohe Rate an «unerwünschten Ereignissen» bei Senioren, denen bestimmte Blutdrucksenker verordnet wurden. Solche «unerwünschten Ereignisse» können Nebenwirkungen des Medikaments sein, aber auch zufällig während der Studie aufgetretene Gesundheitsprobleme aus anderen Gründen.

Konkret ging es bei der Studie vor allem um die oft verschriebenen Sartane. (Ihre Wirkstoffnamen enden auf -sartan, zum Beispiel Irbesartan oder Valsartan).

In den Medikamentenstudien kam es – hochgerechnet auf ein Jahr – bei durchschnittlich 11 von 100 Teilnehmenden zu schweren unerwünschten Ereignissen, also zum Beispiel ungeplante Hospitalisationen, lebensbedrohliche Zustände und auch Todesfälle. In Studien, an denen ausschliesslich Senioren teilnahmen, waren 18 von 100 Teilnehmende von schweren unerwünschten Ereignissen betroffen – also pro Jahr fast jeder Fünfte. Das galt sowohl für diejenigen, die den Blutdrucksenker nahmen, als auch für jene, die nur ein Plazebo erhalten hatten.

In der Praxis viermal mehr schwere unerwünschte Ereignisse

Im realen Leben dagegen wurden Senioren, die solche Blutdrucksenker bekommen hatten, mit rund viermal grösserer Wahrscheinlichkeit ungeplant hospitalisiert oder sie verstarben. Das heisst nicht, dass die Blutdrucksenker Schuld daran waren. Es kann auch andere Gründe gegeben haben – nur wäre zu erwarten, dass diese in den Medikamentenstudien genauso häufig auftreten müssten.

Das war aber nicht der Fall. Denn im realen Leben kam es bei Senioren (Durchschnittsalter 60 Jahre), die solche Blutdrucksenker einnahmen, eben viel öfter zu schweren Zwischenfällen. Als Vergleich diente eine grosse, repräsentative Gesundheitsdatenbank mit Angaben zu rund 56’000 Personen in Wales.

Studien bilden die Wirklichkeit ungenügend ab

Die Medikamentenstudien bilden also offenkundig nicht das ab, was sich (zumindest in Wales) in der Praxis abspielt. Der Grund für diese Diskrepanz ist vermutlich, dass die Medikamente in den Studien an gesünderen Personen getestet wurden. In der Realität werden die Blutdrucksenker aber oft Personen verordnet, die mehrere Krankheiten haben, älter sind, fragiler oder mehr Medikamente nehmen, so dass es häufiger zu Wechselwirkungen kommt …

Weitreichende Konsequenzen

Problem erkannt, Gefahr gebannt? Nein, denn auf den Medikamentenstudien gründen die medizinischen Empfehlungen, wer einen Blutdrucksenker nehmen soll. Dabei wird der Nutzen – zum Beispiel geringeres Schlaganfallrisiko – abgewogen gegen den möglichen Schaden. Blutdrucksenker können zum Beispiel als unerwünschte Wirkung zum Sturz mit Hüftbruch führen. Wird der potenzielle Schaden in den Medikamentenstudien aber systematisch unterschätzt, basieren die Empfehlungen auf falschen Annahmen. Auch der potenzielle Nutzen der Blutdrucksenker ist bei Menschen, die bereits sehr krank ist, kleiner als bei noch relativ gesunden Senioren.

Dieses Problem dürfte wahrscheinlich nicht nur auf die erwähnten Blutdrucksenker beschränkt sein. Denn betagte Menschen sind in medizinischen Studien chronisch untervertreten – erhalten in der Praxis aber die meisten Medikamente.


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Keine
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10 Meinungen

  • am 29.08.2021 um 11:46 Uhr
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    Ja, aus eigener Erfahrung wird im realen Altersheimleben äusserst schnell, planlos und ohne mit der Wimper zu zucken zur «Massnahme CANDESARTAN Tabl 4» gegriffen und eine seit 7 Jahren erfolgreiche homöopathische Behandlung torpediert.

    0
  • am 29.08.2021 um 11:48 Uhr
    Permalink

    Danke für diesen wichtigen Artikel! Nach drei Jahren Arbeit in der Alterspflege inklusive einem Demenzheim mit bestem Ruf bin ich sehr enttäuscht darüber, wieviele Medikamente alten Menschen in unserer Gesellschaft ohne gute Gründe (es sei denn wirtschaftliche….) verschrieben werden.

    Auch bei meiner 92-jährigen Tante, die seit einem Jahr in einem Altersheim wohnt, kämpfe ich unentwegt gegen die Ärztin an, die ihr mehr als zwölf verschiedene Medikamente verschrieben hat, darunter Psychopharmaka von der schlimmsten Sorte, so dass ich zum Schluss gekommen bin, meine Tante leide jetzt an einer Pseudodemenz.

    Meine 91-jährige Mutter lebt noch zuhause und nimmt lediglich Blutdruckmittel, die kontinuierlich reduziert werden, doch auch nur, weil ich mich ständig darum bemühe und sie an sämtliche Arzttermine begleite. Es ist höchste Zeit, dass sich etwas ändert!

    0
  • am 29.08.2021 um 11:50 Uhr
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    DAS ist also das erschreckend hohe Risiko bei langjährig verwendeten, nach gesetzlichen Vorgaben vollständig
    und mit akzeptablem Ergebnis ausgetesteten –
    und «ordnungsgemäss zugelassenen» Medikamenten ! ! !

    UND TROTZDEM sind unsere Politiker mit äusserster Kraft voraus –
    nahe an Handlungen, die Grundgesetz-widrig sind –
    konstant dabei, uns Corona-Impfstoffe –
    die teils nach neuer, un-erprobter- Verfahrenstechnik hergestellt
    und nur eine Notfall-Zulassung haben
    und teils Minuten nach der Impfung schon schwere Neben-Wirkungen haben
    mit allen Finessen und Tricks auf-zu-zwingen ?!

    In welcher Verantwortung denn nur – wem gegenüber ??? !!!

    Verantwortung ist ? :
    Eine Pflicht, die man sich selbst auferlegt !

    Auf welchem Vertrauen aufbauen wollend ?
    Vertrauen ist ?:
    Etwas, was man sich verdienen muss –
    und NICHT etwas, was man fordern darf !

    Corona ist ?
    Ein neuer Virus –
    der vor Allem deutlich macht,
    wie wenig verantwortlich unsre Politiker handeln –
    und dass «die» sich Vertrauen nicht verdienen wollen –
    sondern es uns -anstatt- mit Macht, Tricks und Gewalt ab-fordern wollen ! ! !

    Deutschland wählt demnächst. –

    Schön wäre, wenn mehr Politiker an die Macht kämen,
    die bereits bewiesen haben,
    dass sie verantwortungsvoll handeln –
    und unseres Vertrauens würdig sind !

    wolfge
    scheinbar.org

    2
  • am 29.08.2021 um 12:39 Uhr
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    Wer nicht den ganzen originalen Text https://www.thelancet.com/journals/lanhl/article/PIIS2666-7568(21)00092-1/fulltext gelesen hat, kann sich aus noch weniger Information kein seriöses Urteil bilden. Und selbst dann… Etliche Aussagen sind ambivalent. Es stellt sich die Frage nach den Alternativen. Finde den besten Blutdruck-Senker oder, je nachdem durchaus eine valable – durch den Sperber-Text suggerierte? – Alternative, verzichte auf Blutdruck-Senker!

    Zitat «Studien bilden die Wirklichkeit ungenügend ab». Das stimmt natürlich. Aber ohne Studien hat man je nachdem überhaupt keine Ahnung!

    3
    • am 29.08.2021 um 13:50 Uhr
      Permalink

      Sehr geehrter Herr Furrer,
      die Studien könnten die Wirklichkeit besser abbilden, wenn man dort nicht wie bis anhin meist x Personen von vornherein ausschliessen würde, weil sie zuviele Krankheiten haben usw. Es ist unbestritten, dass die Polypharmazie bei alten Menschen Probleme birgt. Der Artikel suggeriert nicht, er weist lediglich auf ein Problem hin.

      1
  • am 29.08.2021 um 13:12 Uhr
    Permalink

    Grossen Dank an Martina Frei für diesen Beitrag.

    Hoffentlich lesen ihn sehr viele Leute und handeln entsprechend.
    Hier noch ein praktischer und vielfach erprobter Vorschlag:
    Essen Sie jeden Tag ein Stücklein frischen Knoblauch und alle ihre Blutdruckprobleme sind gelöst!
    Je mehr Menschen auf diese Methode umsteigen, desto kleiner wird das Geruchsproblem, weil wir dann alle stinken.
    So kann man prima alt werden und vielleicht werden die Krankenkassenprämien auch günstiger.

    4
    • am 30.08.2021 um 12:40 Uhr
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      Ja, wenn es so einfach wäre !
      Ich vertrage zum Beispiel keinen Knoblauch, gar nicht!
      Knoblauch enthält ziemlich viel Schwefel und wie bei ALLEM, kann es auch zuviel sein (z.B. Leber!).
      Sicher gibt es noch andere pflanzliche und homöopathische Heilmittel, die unterstützend helfen können.
      Ich finde es etwas zu simpel, zu behaupten „man müsse nur“ dies oder das machen, das helfe dann ALLEN.

      0
  • am 30.08.2021 um 10:11 Uhr
    Permalink

    Ich arbeite im Gesundheitsbereich, ich bin mit Ihnen einverstanden das zu viele Medikamente verordnet werden, vor allem bei älteren Menschen.
    Aber diese Statistik hat keine Aussage, denn Menschen welche Medikamente erhalten sind auch öfters in einem schlechteren Zustand und so wie ich es verstanden habe, beziehen sich die „Ereignisse“ ja nicht einmal auf das Herz-Kreislauf-System, können also auch in einem Bereich gewesen sein, in dem überhaupt kein Zusammenhang mit den Blutdrucksenkenden Medikamenten besteht.

    0
  • am 30.08.2021 um 15:42 Uhr
    Permalink

    Mit Blutdrucksenkern ist es wie mit Schmerzmitteln.
    Überhöhter Blutdruc und Schmerzen sind eher Indikatoren für einern Miss-Stand.
    Es werden die Symptome bekämpft aber nicht die Ursachen.

    Die Ursachen für überhöhten Blutdruck sind sehr vielfältige, besonders die komplexen Wechselwirkungen im Mechanismus der Blutdruckregulation. Hier nur das vereinfachte Modell :
    https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Blutdruck.png

    Knoblauch (roh u. gekocht), rohe Zwiebeln, 4000 mg /Tag Kalium in natürlichen Verbindungen. (keine Nahrungsergänzungsmittel), helfen in den meisten Fällen einen individuell gesunden Blutdruck zu haben.

    0
    • am 31.08.2021 um 20:37 Uhr
      Permalink

      Und wahrscheinlich wäre mehr körperliche Bewegung in vielen Fällen das Zaubermittel. Allerdings sollte man rechtzeitig damit beginnen, denn in hohem Alter fällt dies schwer.

      0

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