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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Mit Gebärden lässt sich alles sagen

Daniel Goldstein /  Bekommt die Schweiz neue Landessprachen? Seit 2019 ist beim Bundesrat ein Bericht zur Anerkennung der Gebärdensprachen bestellt.

«Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass Gebärdensprachen eine Art improvisiertes Scharadespiel sind. Jahrhundertelang wurden diese Sprachen deshalb ignoriert oder sogar gezielt unterdrückt, und mancherorts werden sie es noch immer. Tatsächlich aber handelt es sich um natürliche menschliche Sprachen, die denselben Grundprinzipien folgen wie jede gesprochene Sprache auch.» Das schrieb der deutsche Linguist Anatol Stefanowitsch unter dem Titel «Die andere Sprachvielfalt der Schweiz», als der Schweizerische Gehörlosenbund am 30. April 2011 sein Online-Lexikon von Gebärden für Deutsch, Französisch und Italienisch erstmals aufgeschaltet hatte.

Wer schon einmal Gelegenheit hatte, sich mit Hilfe einer Dolmetscherin für Gebärdensprache mit einem Gehörlosen zu unter­halten, kann den Befund des Linguisten nur bestätigen: Es ist ein vollwertiges, nuanciertes Gespräch «in Echtzeit» möglich. Hat der Gesprächspartner zuvor, ebenfalls dank Simultanübersetzung, einen Vortrag aufmerksam verfolgt, so hat er davon mindestens so viel mitbekommen wie durchschnittliche Hörende.

Mittel gegen Vorurteile

Beim gedolmetschten Gespräch, so bemerkt ein Betroffener, verschwinde auch das verbreitete Vorurteil schnell, Gehörlosigkeit gehe mit geistiger Beschränkung einher. Kein Wunder, geben viele Vertreter der Gehörlosen der Gebärdensprache den Vorrang vor den Bemühungen, die Betroffenen möglichst gut in Lippen­lesen und Lautbildung zu trainieren, damit sie sich mit Hörenden, die keine Gebärden verstehen, unterhalten können: Das wird in den meisten Fällen eine notdürftige Verständigung bleiben. Mit dem Argument, Gehörlose dürfe man ihrer Kultur der Gebärdensprache nicht entreissen, werden zuweilen sogar Versuche bekämpft, durch Implantate ein gewisses Hören zu ermöglichen.

Diese Auslegung des «Rechts auf Gebärden» wird nicht von allen Gehörlosen geteilt. Einhellig aber fordern sie, mehr öffentliche Anlässe sollten von Gebärdensprache-Dolmetschern begleitet werden. In manchen Ländern sind diese auch am Fernsehen stark präsent; so war es 2011 stets, wenn der japanische Regierungssprecher die Entwicklungen um Fukushima erläuterte. Das Schweizer Fernsehen bot und bietet eine Tagesschau mit Gebärden-Übersetzung (SF Info). In vielen EU-Ländern ist die Gebärdensprache amtlich anerkannt. In der Schweiz hat der Nationalrat 2019 den Bundesrat «beauftragt, in einem Bericht Möglichkeiten der rechtlichen Anerkennung der drei Schweizer Gebärdensprachen darzulegen» (Postulate Lohr/Rytz). Nach Auskunft des Departements des Innern soll der Bericht im dritten Quartal 2021 erscheinen.

Eingebautes Multitasking

Wie aber kommt das «Wunder» zustande, dass sich komplexe Sachverhalte mit Gebärden in ebenso kurzer Zeit darlegen lassen wie mit Worten? Eine Dolmetscherin erklärt, die Gebärdensprachen ermöglichten es, manchmal mehrere Dinge gleichzeitig auszudrücken, und sie gehorchten einer eigenen Grammatik. Es liegt buchstäblich auf der Hand, dass diese Grammatik auf Effizienz angelegt wurde. Die Deutsche Gebärdensprache etwa verwendet systematisch die Abfolge Subjekt-Objekt-Verb, wie Stefanowitsch darlegt, also «ich einen Apfel esse», was in der Standardsprache nur im untergeordneten Nebensatz richtig ist.

Leider sind weder die Grammatik noch der Wortschatz verschiedener Gebärdensprachen identisch; gäbe es nur eine, so wäre sie ein formidables Esperanto. Historisch unter dem Einfluss von Landessprachen gewachsen, auch in Abweichung davon, bilden sie laut dem Hamburger Linguisten verschiedene Familien. So seien die niederländische und die amerikanische Gebärdensprache aus der französischen hervorgegangen, ebenso die italienische. Von den beiden letztgenannten gibt es je eine Schweizer Variante; dagegen ist die Deutschschweizer Gebärdensprache «zumindest teilweise unabhängig» entstanden.

Das Schweizer Online-Lexikon umfasst laut dem Gehörlosenbund heute gut 9000 Gebärden für Deutsch sowie für Französisch und Italienisch zusammen nochmals so viele; monatlich konsultieren es etwa 15’000 Personen. Es zeigt mit Videos für die drei Gebärdensprachen (zum Teil samt Dialektvarianten) jeweils das Wort und einen Satz, der es enthält. Um sie zu finden, muss man das Wort in der entsprechenden Schriftsprache kennen und eintippen. Anstelle langer Beschreibungen: Probieren Sie es aus!

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor war Redaktor beim «Sprachspiegel» und zuvor beim Berner «Bund». Dort schreibt er die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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6 Meinungen

  • am 3.04.2021 um 16:22 Uhr
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    Danke, lieber Herr Goldstein, für diese klärenden Informationen zur Gebärdensprache. Sie verdient wirklich die Anerkennung als echte Sprache mit allem, was dazugehört: Wortschatz und Grammatik. Ich schreibe das nicht, weil ich sie selbst anwenden könnte – so weit bin ich leider nicht – aber ich habe mich im Zusammenhang mit meiner Beschäftigung mit Sprache auch mal mit Gehörlosen darüber ausgetauscht. Es gibt sogar Slam-Festivals in Gebärdensprache! Mit eingeschränkter Intelligenz hat Gehörlosigkeit gar nichts zu tun, im Gegenteil: Gehörlose müssen ihre Intelligenz wohl noch im höheren Masse schulen als Normalhörende…

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  • am 3.04.2021 um 22:23 Uhr
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    Ich mag mich von einem längeren Ausland-Aufenthalt her an eine Gruppe von Gehörlosen erinnern, die sich jeweils während der Stosszeit in der vollen Metro angeregt miteinander unterhielten – ihre Gebärden beanspruchten gehörig Platz 🙂 Eigentlich handelt es sich ja nicht um eine «Sprache» sondern um das Ersetzen oder das Übersetzen mündlicher Vorträge. Wer die Gebärdensprache meistert, ist vermutlich nicht Analphabetin oder Analphabet. Häufig würden Untertitel ausreichen und ein breiteres Publikum erreichen. Ich gebe es zu: Ich verspüre eine gewisse Symbolpolitik-Müdigkeit. Die bekannten Gestikulier-Kacheln auf den Bildschirmen sind für mich eine optische Irritation.

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  • am 3.04.2021 um 23:25 Uhr
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    @ Manuel Pestalozzi: Sie schreiben, es handle sich «nicht um eine „Sprache“, sondern um das (…) Übersetzen mündlicher Vorträge» — aber worein übersetzt man denn, wenn nicht in eine Sprache? Und finden Sie simultan eingetippte Untertitel wirklich ausreichend? Was ich da schon gesehen habe, war jeweils arg verspätet, sehr lückenhaft und oft lächerlich.

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  • am 6.04.2021 um 07:42 Uhr
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    Danke, Daniel Goldstein, für diesen informativen Beitrag.

    Wie wenn SRF diesen Beitrag gelesen hätte:
    Ab heute, 6.4., wird auch «Schweiz Aktuell» in der Gebärdensprache ausgestrahlt. Zwar (noch?) mit zeitlicher Verzögerung aber immerhin: auf SRF Info um 20.30h.

    Im übrigen verdient auch die «leichte Sprache» ( https://www.leichte-sprache.org/) mehr Beachtung. Sie dient Menschen, die aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten mit dem Verstehen eines Textes haben, sich mehr Wissen und Kompetenz aneignen zu können. Stichwort: Barrierefreiheit und Inklusion.

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    • am 6.04.2021 um 14:50 Uhr
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      Danke, liebe Romy Paroz, für den erfreulichen Hinweis auf die Neuerung bei SRF und auch auf die Leichte Sprache. Dazu habe ich hier etwas geschrieben.

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  • am 7.04.2021 um 08:45 Uhr
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    @ Daniel Goldstein – Nun, ich dachte, sprechen, das tun wir durch den Mund. Das andre ist gestikulieren. Bei Simultanübersetzungen ergeben sich wohl oft Fehler, Verzögerungen oder riskante Verkürzungen. Ob das bei der Gestensprache anders ist?

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