Sprachlust: Leichte Sprache – ganz schön schwer

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Daniel Goldstein /  Wer im Textverständnis behindert ist, hat mit Leichter Sprache bessere Chancen. Diese Sprachform hat ihren Sinn, nur nicht überall.

Manche Leute schreiben in der Zeitung über Sprach-Fragen. Einige spotten dabei über Leichte Sprache. Das ist aber ein Fehler. Denn Leichte Sprache ist wichtig. Ohne sie haben viele mit dem Lesen Mühe.
So weit eine Kostprobe in Leichter Sprache, allerdings mit zu geringem Zeilenabstand und in zu kleiner Schrift. Um Leicht mit grossem L zu sein, muss ein Text nämlich nicht einfach leicht zu verstehen sein, sondern ganz bestimmten Regeln entsprechen. Aufgestellt hat sie das Netzwerk Leichte Sprache, das seit 2006 in Deutschland und Österreich tätig ist. Letzte Woche hat das Hilfswerk Pro Infirmis in Zürich das erste Schweizer Büro für Leichte Sprache eröffnet. Es bietet Unterstützung für jene an, die Texte in dieser Sprachform verfassen wollen.
Brücke in die Gesellschaft
Leichte Sprache soll «Menschen mit Lernschwierigkeiten» helfen, «ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen», wie das Netzwerk schreibt. Was diese Menschen «von der Gesellschaft ausschliesst», sei häufig die Sprache – so in Briefen, Verträgen, Formularen, aber auch Gebrauchstexten wie Busfahrplänen oder Speisekarten. An Menschen guten Willens, die solche Texte verfassen, richtet sich also die Wegleitung.
Die wichtigste Regel ist, mit einfachen Wörtern kurze, einfache Sätze zu bilden. Ist ein zusammengesetztes Wort nötig, so soll es einen «Binde-Strich» bekommen. Zu vermeiden sind Passiv, Konjunktiv, Genitiv, Verneinungen und bildliche Ausdrücke. Wer sich an alle Regeln halten will, merkt bald, weshalb das Netzwerk warnt: «Schreiben oder Sprechen in Leichter Sprache ist oft ganz schön schwer.»
Das Genitiv-Verbot musste natürlich Bastian Sick auf den Plan rufen, den Verfasser von «Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod». Bei seinem Berner Auftritt im letzten November sparte er jedenfalls nicht mit Spott; allerdings legte er auch das obligate Gelübde ab, er wolle sich nicht über Behinderte lustig machen. Offenbar ist es eben so, dass die Adressaten von Leichter Sprache «das Haus vom Lehrer» besser verstehen als «das Haus des Lehrers».
Anwenden – gewusst wo
Die Umschreibung des Genitivs ist nicht schön, aber sie schränkt die Ausdrucksmöglichkeiten nicht ernsthaft ein. Auch Passivformen lassen sich vermeiden, ausser wenn man die Täterschaft im Dunkeln lassen will. Dagegen ist es in anspruchsvolleren Texten kaum möglich, ohne Nebensätze, ohne Konjunktiv und ohne schwierigere Wörter auszukommen. Auch das Vokabular darf sich durchaus an den Kenntnissen jener orientieren, an die man sich richtet. Leichte Sprache soll dort verwendet werden, wo sie möglich ist und gebraucht wird. Wer bei der Steuererklärung ohnehin Hilfe benötigt, wird die Erläuterungen kaum verstehen, selbst wenn sie noch so einfach geschrieben sind. Was nicht heissen soll, es wären in den heute vorliegenden Wegleitungen keine Vereinfachungen mehr möglich.
Der Aufwand, Texte (auch) in Leichter Sprache anzubieten, ist sicher dort gerechtfertigt, wo etwa Formulare oder Gebrauchsanweisungen heute unnötige Komplikationen aufweisen. Pro Infirmis und andere Organisationen fordern die «Inklusion» in der Gesellschaft. Dazu dienen Angebote in Leichter Sprache ebenso wie solche in Brailleschrift oder Gebärdensprache, oder auch rollstuhlgängige Wege und Gebäude. Aber überall stellt sich die Frage, wie weit der Aufwand getrieben werden soll. Bei den verbleibenden Schwellen ist nach wie vor die Hilfsbereitschaft der Mitmenschen gefragt. Inklusion bedeutet auch, dass Leute ohne Behinderung die Schwellen in der umgekehrten Richtung überwinden.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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