Sprachlupe: Fehler, die auch Sprachwandel anzeigen könnten
Die Mitteilung am Radio liess aufhorchten: «Sie buken kleinere Brötchen.» Es ging um den G-7-Gipfel von Evian; das Besondere war nicht die Bescheidenheit der Resultate, sondern die Verbform buken. Sie erinnerte mich angenehm an meine Schulzeit, die doch schon etwas länger zurückliegt. Grund genug, im Duden nachzuschauen, ob er die starke Form buk neben der inzwischen weit häufigeren schwachen Form backte noch gelten lasse. Das tut er, auch beim Konjunktiv büke, beides mit dem Vermerk «älter». Der steht auch bei stak/stäke, wie ich es just in der letzten «Sprachlupe» verwendet hatte; diese Formen sind für den Duden zusätzlich «gehoben». Ein solcher Ritterschlag würde auch passen, dieweil sie am Gipfel buken.
So schön diese älteren, unregelmässigen Formen mit verändertem Vokal auch sind: Sie haben es heutzutage schwer. Die Sprachwissenschaft kennt, nicht nur im Deutschen, eine Art Gesetz, wonach der Formenreichtum mit der Zeit abnimmt, etwa weil sich einfacher zu bildende Beugungen durchsetzen. «Die Kuh ist gemelkt, der Zopf geflechtet, der Schatz gehebt» titelte dazu das «Spektrum der Wissenschaft» 2023. Viel weiter gediehen ist die Vereinfachung im Englischen. Auf Deutsch gibt es immerhin auch gegenläufige Bewegungen: So nannte der Duden früher gewunken «falsch», heute stellt er nur noch fest, es stehe «häufig» anstelle von gewinkt. Da ich am Radio nach Urnengängen ab und zu (auf Politiker-Hochdeutsch) gestummen höre, hat diese Form vielleicht Chancen auf einen Duden-Eintrag mit Vermerk «schweizerisch mundartnah».
Was man hing, das hängte, nicht wahr?
Recht häufig kommen in den Medien Verwechslungen vor, wenn es beide Formen gibt, aber in unterschiedlichen Bedeutungen. Einige echte, gedruckte Beispiele: «Sie hing Zettel an kulturellen Orten in Bern auf.» – «Sie hing ihre Karriere an den Nagel.» – «Odermatt hing beinahe mit der Hand an einem Tor an.» Oder umgekehrt: «An der Wand hängte ein Porträt von Wladimir Putin.» Manchmal könnte wie bei gestummen die Mundart hineingefunkt haben: «Das muss überdenkt werden.» Wo Berge sich erheben, da hat – wie Sangesfreudige wissen – der Fels «als Ägide die Hütte überdacht».
Nicht am Öschinensee: «Dort schufen sie den Service kurzerhand ab.» Besonders tückisch: Dass Gott (oder die Alpenfaltung) den Berg schuf, ist auch heute noch die korrekte Ausdrucksweise. Ebenso, dass Gott diesen Teil seiner siebentägigen Parforcetour gewiss in weniger als einer Minute schaffte, während die Alpenfaltung etwas länger brauchte. Anfällig für Missgriffe sind auch bewegte/bewog und gesonnen/gesinnt mit je unterschiedlicher Bedeutung. Keine Verwechslung, sondern einfach Fehler sind die Beispiele «es darf gelügt werden» und «hoch und heilig geschwört». Aus Kindermund hört man derlei oft und es kann den heute weniger formalistischen Schulunterricht überstehen, danach sogar bis in die Medien gelangen. Vielleicht handelt es sich auch einfach um Vorgriffe auf einen Sprachwandel, an den man sich gewöhnen muss.
Dem Bauer geben, was des Landwirten ist?
Nicht nur Verben, auch Substantive gehören in den medialen Formensalat. Als ich den falschen schwachen Genitiv «des Landwirten» hörte, musste ich an die starke Form des Bauers denken. Das ist der einzig richtige Wesfall, wenn jemand gemeint ist, der etwas baut, etwa ein Strassenbauer. Auch wenn es um einen Käfig geht: des Vogelbauers. Gedenken wir aber eines Mannes, der gebauert hat, dann gedenken wir heute fast immer des Bauern. Der Genitiv des Bauers wäre laut Duden auch hier nicht falsch, nur selten. Häufig verwendet, aber offiziell falsch ist indessen bei gedenken der Dativ, ob dem Bauer oder dem Bauern (als Form beides richtig). Auch banalere Fallfehler sind oft an der Wortform erkennbar, denn der Dativ ist «dem Genitiv sein Tod» (Bastian Sick) und in jüngerer Zeit häufen sich manchenorts Akkusativfehler.
Besondere Mühe machen Fremdwörter. Da ist Marco Odermatt wie Roger Federer «jemand, den man als Klickgarant bezeichnen darf» (richtig: …garanten). Umgekehrt nannte jemand Donald Trump «einen Hegemonen» (statt Hegemon) und jemand anderes versah das Zürcher Schauspielhaus mit «einem Direktoren». Letzterer musste zum Ausgleich ins «Büro des Intendants»; starke und schwache Beugung hatten also vermeintlich die Büros getauscht. Fast schon Routine ist es, von «einem Autoren» zu reden, dabei könnten sogar törichte Redaktoren mühelos ihre Eselsbrücke nutzen: Der Redaktor ist kein tumber Tor, also hat er anderen Genitiv. Deshalb versteht er sich als Tor zur Welt.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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