Kommentar
kontertext: Das Übersetzen, die KI und der Kaffee
Als freier Übersetzer kann ich meinen Beruf nicht mehr erwähnen, ohne dass mein Gesprächspartner mich mitleidig fragt: «Geht das mit der KI? Gibt es noch Arbeit?» Die Frage ist berechtigt. Wozu sollte man einen Übersetzer bezahlen, um langsam etwas zu tun, was die künstliche Intelligenz schnell und gratis machen kann? Das Problem dahinter, das mir genauso wichtig wie allgemein unbeachtet scheint, lautet: indem man die Übersetzer und Übersetzerinnen abschiebt, läuft man Gefahr, das Übersetzen selbst zu erledigen.
Was auf dem Spiel steht
Hier möchte ich die Frage nach der Qualität der KI-generierten Übersetzungen etwas in den Hintergrund schieben. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der die erwähnte Technologie sich entwickelt, wird wahrscheinlich ein Grossteil ihrer heute festgestellten Defekte morgen korrigiert werden – aber wer weiss, welche genau und wann? Was aktuell aber auf dem Spiel steht, hat mit der Frage der Qualität letztendlich wenig zu tun.
Erstens ist «Qualität» in Bezug auf Sprache ein höchst relativer Begriff. Wie gesagt, was heute als Fehler auftritt, wird möglicherweise morgen nicht nur nicht korrigiert, sondern dann vielleicht nicht einmal mehr als Fehler betrachtet werden. Dadurch, dass man die Sprache ausschliesslich unter die qualitative Lupe nimmt, verschleiert man sehr oft ihre Formbarkeit. Sprache gehört zu Millionen Sprechern und Sprecherinnen und wird deswegen durch eine Unzahl von Akteuren ständig beeinflusst – es wäre also völlig absurd, die künstliche Intelligenz nicht unter diese Einflüsse zu zählen. Ob das uns gefällt oder nicht (manche dürften das als Teufelskreis betrachten), gestaltet die KI unsere Sprache genauso, wie wir die Sprache der KI gestalten.
Zweitens ist «Künstliche Intelligenz» ein faszinierender, aber ziemlich ungenauer Begriff, der in Wirklichkeit eine Unzahl von mehr oder weniger spezialisierten Tools umfasst, die schon lange vor der Inbetriebsetzung von Chat-GPT entwickelt und benutzt wurden, sowie die Automatisierung und die allgemeine Verbreitung von deren Nutzung: die künstliche Intelligenz zeichnet sich unter anderem durch die Tatsache aus, dass sie überall ist – und das immer mehr. Hier spielt sich das Wesentliche eben ab: Allmählich verschwindet das Menschliche (das heisst von Frauen und Männern betriebene) Übersetzen, es wird durch Automatisierungstools ersetzt. Die Frage ist also: was verschwindet, wenn das Menschliche im Übersetzen verschwindet? Was hat das Übersetzen in sich, das vom Aussterben bedroht wird, wenn nicht mehr Menschen, sondern Maschinen übersetzen?
Das Menschliche des Übersetzens
Das Segensreiche und Spannende am Übersetzen ist, dass es sich in der Tat offenbart. Das grundlegende Paradoxon dieses selbsterklärenden Prozesses lautet: Indem es die Quellsprache durch die Zielsprache ersetzt, erklärt es die Eine durch die Andere. Die Übersetzungsgeste setzt eine Gegenüberstellung voraus, die Spuren hinterlässt. Anders gesagt: eine gute Übersetzung weist etwas Fremdes auf.
Die deutschen Übersetzungen von Proust klären uns zugleich über das Französische und das Deutsche auf, indem sie auf der einen Seite ins eigene Deutsch etwas Französisches aufnehmen und auf der anderen Seite zeigen, was das Deutsche an Französischem schon in sich trägt. Der Übersetzer von Jane Austen wird durch zwei unentwirrbare Lieben angetrieben, ohne die er ihre Werke nicht verstehen, geschweige denn übersetzen könnte: die Liebe für das Englische und die Liebe für das, was die Schriftstellerin aus dem Englischen macht. Wie könnten seine Übersetzungen keine Spuren von dieser Doppelliebe für das Englische aufweisen?
Dieses subtile, bei den Lesern und Leserinnen sogar oft unsichtbare, aber für die Übersetzer und Übersetzerinnen allgegenwärtige Spiel, diese Art Dialog zwischen den Sprachen, diese Verwandlung einer Sprache durch die andere, all das setzt eine Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Fremden voraus – und zwar nicht nur mit dem Eigenen der eigenen Sprache und dem Fremden der anderen Sprache, sondern auch umgekehrt.
So gesehen ist die Übersetzungssprache mit der des Dichters, des Kindes, des Ausländers und des Verrückten verwandt: Alle, auf die Gefahr hin unverständlich zu sein, tragen in sich das Versprechen einer anderen Sprache und verwischen die Grenzen der Normalität – und alle erinnern uns an die Existenz des anderen, auch in unserem intimsten Inneren. Das ist das Menschliche der Sprache, dem besonders im Übersetzen von Literatur, aber auch im Journalismus Rechnung getragen werden muss.
Die Fantasie der KI
Im klaren Widerspruch zu der oben beschriebenen Qualität stehen offensichtlich das Vorhaben der KI sowie die Fantasievorstellungen ihrer Schaffer. Wo das Übersetzen in der Vielfältigkeit der Sprachen schwelgt, träumen die Tech-Ideologen von einer einzigen, vom Fremden befreiten Sprache. Im Internet werden immer mehr Videos und Texten eigenmächtig durch maschinelle Übersetzungsprogramme übersetzt und der Zugang zu der Ausgangssprache vieler Inhalte immer schwieriger. Noch können die achtsamen Benutzer und Benutzerinnen feststellen, was übersetzt wurde und was nicht, doch ist das Endziel durchsichtig: Die Existenz selbst der Quellsprache sollte vergessen werden. In dieser Hinsicht können die Mars-Vorhaben von Elon Musk als die Fantasie eines neuen Turmes von Babel betrachtet werden: Wo das Übersetzen das Scheitern des Turmbaus und damit die Vielfältigkeit der Sprachen symbolisch feiert, liest der Milliardär die biblische Erzählung buchstäblich und will die Arbeit an der Baustelle wieder aufnehmen.
Dabei setzt die Auslöschung des Fremden eine Verschleierung der Prozesse voraus. Wo das Verständnis der Übersetzungsprozesse von einem verlangt, dass er sich mehr für die Übersetzungsgeste als für das Ergebnis der Übersetzung interessiert, ist die von der KI erzielte Faszination im Gegenteil grösstenteils auf deren magischen Charakter als Black Box zurückzuführen: Egal, wie das Tool arbeitet, Hauptsache ist das Ergebnis und die Tatsache, dass es schnell und autonom erzeugt wird – das heisst ohne Teilnahme des Benutzers. Im krassen Widerspruch zum Open-Source-Gedankengut sollte man bitte nicht unter der Haube nachschauen.
Was wollen wir?
In dieser Hinsicht verhält sich das KI-Übersetzen zum menschlichen Übersetzen wie der Instantkaffee zum Spezialitätenkaffee. Wo der Instantkaffee oder die vollautomatische Kaffeemaschine ein zuverlässiges und schnelles Ergebnis für den geringsten Aufwand verspricht, ist die Extraktion eines Espresso nach allen Regeln der Kunst eine relativ komplexe Operation, die man erlernen muss, die unabwendbaren Schwankungen unterliegt und die viel teurer ist. Aber wer es versucht, weiss es: Der Genuss am Kaffee-Trinken und der damit einhergehende Geschmackssinn, wachsen mit dem Verständnis der Prozesse von Anbau, Röstung und Extraktion.
Was für den Kaffee gilt, gilt nicht nur für das Übersetzen, sondern für alle Belange unseres täglichen Lebens. In diesem Sinne führt uns das nur anscheinend spezialisierte Thema «Übersetzen zur Zeit der KI» zur Grundfrage: Was wollen wir?
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Marc Ulrich ist gebürtiger Pariser und arbeitet als freier Übersetzer und Essayist für verschiedene Institutionen und Verlage, unter anderem für die Cinémathèque française, Arte, Re:Voir, Diaphanes und Circé.
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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