Sperberauge

Der Tanz ums goldene Rad

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Der neue Kreiselschmuck in Ittigen BE setzt ein Zeichen der Zeit.

Wer noch nicht weiss, wo heutzutage der Tanz ums goldene Kalb stattfindet, kann ihn jetzt in Ittigen bei Bern besichtigen: Gehuldigt wird dem Sport und es tanzt der Verkehr. Bei der erneuerten Bahnstation steht mitten im Kreisel auf hohem Sockel das güldene Riesenvelo. Es ehrt den ortsansässigen Olympioniken* Fabian Cancellara; nach ihm war seit 2011 eine beliebte Fussgängerbrücke benannt, jetzt ist sie den neuen Verkehrsanlagen zum Opfer gefallen.

Kreisel Ittigen
Die Kreiselkunst erinnert an Fabian Cancellaras Olympiasiege 2008 und 2016 sowie mehrere WM-Titel. (dg)

Die Strassenführung mehrt das Gewirbel: Rechtsabbieger aus Richtung Ostermundigen müssen eine Schleife ums Edelrennrad drehen. Ob dereinst auch eine Skulptur des Geehrten auf dem Sattel Platz nehmen wird, ist noch nicht bekannt. Der Sportler in Gold ergäbe die zeitgemässe Version des klassischen Reiterstandbilds. In den noch leeren Sockel des Monuments könnte man einen prophetischen Hexameter aus Arnold Küblers «Velodyssee» von 1955 meisseln: «Einst wird kommen der Tag, da müssen die Trampler es lassen …»

*Ihn so zu titulieren, bedeutet nicht etwa Geringschätzung: Nur Sieger jedweden Geschlechts sind wirkliche Olympioniken, denn im Wort steckt die griechische Siegesgöttin Nike. Besiegte Teilnehmer haben den – oft auch für sie verwendeten – Ehrennamen also nicht verdient. Auch eine Siegerin sollte im Duden «eine Olympionike» sein, nicht «Olympionikin» wie jetzt. Oder müssen wir der Göttin als «Nikin» huldigen? Dann würde sie wenigstens nicht mehr mit einem Turnschuh verwechselt, wie das im Zeitalter der Sportverehrung naheliegt.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor wohnt auf der Mundiger Seite von Ittigen und ist in Versuchung, beim Rechtsabbiegen mit dem Velo übers Trottoir zu fahren statt zuerst rund ums Triumphrad.
Nachtrag Nov. 2023: Ein Teil der Abkürzung ist nun durch Velosymbole legalisiert, aber nur im Husarenritt erreichbar.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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5 Meinungen

  • am 1.09.2023 um 11:23 Uhr
    Permalink

    Macht auch andersrum Sinn. Wenn ich in einem Kreisel die zweite Ausfahrt nehmen möchte, fahre ich in der Mitte, um nicht von einem Auto über den Haufen gefahren werde, welches vorher abbiegt. Ist oft genug von einem Hupkonzert oder einer akrobatischen Einlage seitens Velofahrer begleitet.

    • Portrait_Daniel_Goldstein_2016
      am 1.09.2023 um 21:35 Uhr
      Permalink

      In der Mitte zu fahren, ist genau was sie Suva rät: Mit dem Velo im Kreisel.
      Wenn Sie also brav um den Kreisel fahren, können Sie beim Bahnperron einen Zwischenhalt einlegen und die Namens-Stele bewundern: «Fabian Cancellara-Kreisel». Offenbar hat der Radler den Kreisel geheiratet, anders kann ich mir den Bindestrich nicht erklären. Darunter steht der Palmarès des Helden, samt Hinweis auf die imaginäre Weltkarte, auf der an den passenden Stellen Medaillen in den Asphalt eingelassen sind.

      • am 3.09.2023 um 14:09 Uhr
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        Ich werde mir das Bauwerk noch ansehen. Velotechnisch ist es wohl nicht über alle Zweifel erhaben.
        Aber das ist jetzt nicht wahr, dass man den zweiten obligaten Bindestrich zwischen Fabian und Cancellara vergessen hat? Diese alte Unsitte ist offenbar nicht totzukriegen.

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