Kommentar
kontertext: Staub – Umkreisung eines Unfassbaren (3)
Mit dem Staub verbinden sich archaische Assoziationen. Er begleitet Nomadenvölker durch die weiten Ebenen, ist Wüstenwanderer und Wiesengeist und er erscheint an Ausgrabungsstätten als Fallout der Zeit. Nach dem Wunsch der «Zivilisierten» soll er in der Wildnis beheimatet sein. So weht er im Western aus Pferdemähnen und markiert den Weg der Postkutsche durch die Prärie. Doch heutige Wohnstätten soll er auf seinen Reisen meiden. Er soll vor verschlossener Tür antichambrieren, sich in Filtern sammeln oder im Beutel eines Saugers auf seine Entsorgung warten.
Man könnte sagen, die Moderne verfolge eine reine Abwehrstrategie. Ob Kriminalistik, Medizin, Botanik oder Umweltwissenschaften, kein Fach kümmert sich ausschliesslich um ihn. In Physik, Materialkunde und Kosmologie besetzt er Nebenrollen. Die Immunologie analysiert mehr die Reaktionen des Körpers als wirklich ihn selbst. In der Theologie bleibt er als mythische Grösse auf Distanz. Manche Domäne hat ihren je eigenen Staubbegriff, doch eine Staubwissenschaft sui generis gibt es nicht.
Redensarten
Wenn dem fachlichen Blick die Geschlossenheit fehlt, können vielleicht Sprachbilder von seiner landläufigen Wahrnehmung zeugen. Er wimmelt ja durch vielerlei Redensarten, und auch in den Heiligen Schriften erscheint er prominent. Wer vor anderen im Staub kriecht, hat sich unterworfen. Wer erklärt, er habe jahrelang Staub gefressen, sieht die Demütigung als Lebensschule. Im Englischen dient er als Memento mori, wenn Sterbende in den Staub beissen statt ins Gras: to bite the dust. Wer den leisen Abgang wünscht, macht sich aus dem Staub (Deserteure nutzten einst die Schwade, um sich unbemerkt von der Truppe abzusetzen). Auch die Sioux haben diese Taktik benutzt: Um sich Deckung zu verschaffen, spannten sie ihre Pferde vor grosse Reisigballen, trieben sie um das Fort und griffen im Schutz der Aufwirbelung an.
Diplomatinnen und Diplomaten werden gerne aktiv, wenn der Staub sich gelegt hat. Umgekehrt wägen sie sorgsam ab, ob er Lappalien wegen aufgewirbelt werden soll. Auch diese Redensart hat ihren Ursprung im Krieg: Zuviel Bewegung im offenen Feld macht die Truppe aus der Ferne sichtbar, bei Trockenheit zumal.
Bei allem Reichtum dieser Wendungen tun die Verweser der Sprache sich schwer, ihn korrekt zu definieren, wenn in Lexika von «pulverförmigem Schmutz» die Rede ist. Pulver ist er so wenig wie Mehl oder Schmutz. Er mag zu Schmutz werden, doch nur, wenn Feuchtigkeit ihn bindet. Mehl ist ein konfektioniertes Produkt, wogegen der Staub als Endprodukt der Entropie (fast) regel- und gestaltlos heraustreibt aus der unablässig sich drehenden Mühle der Zeit.
Von Jurten, Hunden und Spatzen
Und wie halte ich’s mit ihm? In Mauern grossgezogen, ist mir der Sinn für seine reinigende Kraft abhandengekommen. Dass man mit ihm auch die Fracht des Lebens aus Überkleidern und Teppichen klopft, ist eine Erinnerung an jene Zeit, als hinter manchem Haus noch eine «Teppichstange» den Garten zierte – und der zugehörige Klopfer nicht nur als Haushaltgerät diente, sondern auch als Züchtigungsinstrument.
Matthäus wiederum bezeichnet einen Akt von sozialer Hygiene, wenn es heisst: «Und wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus von demselben Haus und schüttelt den Staub von euren Füssen.» Wer zu jener Zeit aus «unreinen» Gebieten ins Heilige Land kam, wusch ihn feierlich ab, ehe er die geweihte Erde betrat.
Bei aller Fremdheit dieser Rituale sehe ich bis heute mit Ergötzen zu, wenn Hunde sich auf Erdstücken wälzen, um später alles auszubeuteln, was an Altlast ihr Fell bewohnt. Auch das Staubbad der Spatzen hat’s mir angetan, und dass die Nomadenvölker im mongolischen Hochland mit dem Gras- und Steinstaub leben und nicht gegen ihn – dass er mit ihnen übers Land zieht, wie Galsan Tschinag erzählt – berührt mich an empfindlicher Stelle.
Heute sind von solchem Tun und seinen Intuitionen nur noch Reste übrig: Weil die Nase nicht auf ihn geeicht ist, entdeckt das Auge ihn zuerst, oder die Fingerbeere, wenn er körniger ist und vermengt mit Sand. Dann macht er sich in einer durchwühlten Manteltasche bemerkbar – ich kehre das Futter nach aussen und wedle ihn von mir weg.
Jahrzehntelang habe ich sitzende Lebensweisen gepflegt und in Mauern verfolgt, wie er sich sammelt – das Wissen, dass er auf dem Luftweg Unliebsames mit sich nimmt, man auch über ihn hinwegziehen und ihn lassen kann, wo er ist, oder verfolgen, wie er einen umweht, dieses Jurtenwissen blieb Wind, in den es gesprochen war.
So fehlt mir die Deutungskunst für ihn, auch wenn es in all meinen Wohnstätten Orte gibt, wo er Bleiberecht geniesst: Räume zwischen Fenster und Vorfenster; das Entree, wo die Einträge des Windes sichtbar werden; Simse und Schrankoberseiten, die ihm vorbehalten sind, weil sie über der Wasserlinie des Blicks verlaufen – Refugien für sein geheimes Treiben.
Das Gesetz der Wiederholung
Einverleiben, Ausbrüten, Ausscheiden, Ausspeien: Was der Säugerstoffwechsel mit Nahrung tut, tut das All mit Staub. Materie verdichtet sich, Materie explodiert und zerstreut sich im Raum. Die Wanderschaft kommt an ein Ende, die Wanderschaft beginnt von vorn. So statuiert sich das Gesetz der Wiederholung, im Spiralnebel wie im Schneckenhaus, in den kleinen und grossen Wäschetrommeln des Seins.
Was aber, wenn ich den Staub, dessen Schweigen so unergründlich scheint, zum Reden brächte auf seiner never ending tour? Wenn ich mit ihm auf Schwebereise ginge durch die Zeit, von den Welfen zur Ming-Dynastie, an den Djebel Irhoud, wo Felsnischen ihn über Jahrtausende gehütet haben, und nach Pompeji, wo er von der Erde ausgehustet wurde, um schliesslich die Havarie mit Asche zu bestreuen?
Auch dann wäre er nur Akteur im Drama des Betrachters, Vehikel für eine Inszenierung von Historie, und seine ureigene Geschichte bliebe ungeschrieben.
Sprachfiguren
Klopfe ich noch einmal die Sprache ab, kehrt sie neue Dementi hervor: Keiner wirft die Flinte in den Staub; empfindsame Seelen hören nicht ihn wachsen, sondern das Gras. Er rieselt durch kein Stundenglas. Vorhaben verlaufen im Sand und an seiner Stelle wird Erde auf Särge geworfen. Gegner zieht man nicht durch den Staub, sondern durch den Dreck. Nicht er, sondern Schnee von gestern steht für die verlorenen Grazien des Augenblicks. Nur in den letzten Kasualien einer Biografie tritt er auf den Plan, um Anfang und Ende alles Dinglichen zu verkörpern. Im Alltag aber bleibt er keinem Element lange treu. Scheint die Luft ihn zu tragen, sinkt er zu Boden; will Lehm ihn binden, setzt Trockenheit ihn wieder frei. Dann kommt der Wind und wirbelt ihn auf; mit Flächenbränden zieht er übers Land; Russ vermischt sich mit Pollen; von Feuchtigkeit fixiert, geht er wieder in die Erde ein, bildet Krusten an Dachkanten und belagert die Spaltmasse der Karosserien. Wenn er von etwas zeugt, dann von Wanderschaft, Wandel und Ungebundenheit.
«Ja, ich komme von weither», könnte er sagen. «Kein Wort ist gross genug, um meine Wege zu beschreiben. Im Inneren des Murchison-Kometen habe ich den Eintritt in die Atmosphäre überstanden. Später hat eine Professorin in Stanford an mir die Geschichte des Universums abgehandelt und von der «Wanderschaft der Materie durch den Raum» gesprochen. Erst da ist breiter bekannt geworden, dass die sterbenden Sterne ferner Sonnensysteme mich ausgespuckt haben, Jahrmillionen vor der menschlichen Zeitrechnung.»
Immergrau
Nein, von all dem lässt der zähe Schweiger nichts verlauten. Man muss es ihm mühsam entlocken. Lieber kehrt er weiter sein Grau hervor, die immergleiche Antwort auf alle handelsüblichen Fragen. Gibt es deshalb keine Sittengeschichte des Staubs, keine Oper, die sein Wabern feiert, kein Staubsonett, dessen Strophen sich flusenhaft hinaus ins Unbeschriebene drehen? Fristet er deshalb selbst bei Oblomow, wo er immer wieder die Lethargie und Nachlässigkeit des Helden symbolisiert, ein Schattendasein zwischen Stuhlbeinen und Sockelleisten?
Zugegeben, unter dem Tisch will auch ich ihn weghaben – daran ändert meine Faszination für ihn nichts. Freitag für Freitag bringe ich ihn aus dem Haus; auf der Schwelle erwartet er mich wieder. Will ich ihm zu Leibe rücken, wirble ich ihn auf. Verfolge ich ihn, weht er mir hinterher. Das ist so vertrackt wie Kafkas Parabeln. Deshalb werde ich den Eindruck nicht los, er spiele mit mir, nicht ich mit ihm.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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