Kroatien: Müllskandal treibt Zehntausende auf die Strasse
Die Lastwagen kamen nachts. Auf einem aufgegebenen Industriegelände hätten sie ihre Fracht abgeladen, berichtet Željka Šikić, die gegenüber wohnt. Jahrelang brachten sie Abfälle in die kleine kroatische Stadt Gospić. Die Anwohnerinnen und Anwohner wechselten sich ab und fotografierten die Fahrzeuge.
«Das sollte nicht mein Job sein», sagt Šikić gegenüber dem «Guardian». Behörden und Polizei reagierten lange nicht, dann nahmen sie mehrere Personen fest. Der giftige Müll aber ist immer noch da. Die Menschen in Gospić wollen das nicht hinnehmen.
Šikić würde gerne wegziehen, doch: «Wer kauft schon ein Haus neben einer illegalen Mülldeponie?» Stattdessen entschloss sie sich, gegen die illegalen Müllberge vorzugehen. Am Ende standen Zehntausende in der Hauptstadt Zagreb und forderten die Regierung auf, zu handeln.
Schmutziges Geschäft mit illegalem Abfall
Gospić hat rund 11’000 Einwohnerinnen und Einwohner und liegt etwa 25 Kilometer landeinwärts an der kroatischen Adriaküste in der Lika. So heisst die strukturschwache, dünn besiedelte Gegend zwischen zwei Gebirgszügen und der kroatischen Küste. Zwischen 2022 und 2024 wurden hier an mehreren Stellen insgesamt zehntausende Tonnen illegaler Abfall abgeladen. Kriminelle Organisationen hatten ihn aus Italien, Slowenien und Deutschland herangeschafft, stellte Europol später fest.
Die Ermittler beschreiben eine eingespielte Organisation. Das Syndikat importierte zerkleinerten Kunststoff und gemischte Industrieabfälle aus Slowenien, Italien und Deutschland. Es vermischte sie mit medizinischen Abfällen und Elektroschrott aus Kroatien. Auf dem früheren Industriegelände wurde das Material vergraben oder ungeschützt abgestellt. Am 13. Februar 2025 nahmen die Behörden mit Unterstützung von Europol 13 Personen fest. Hauptverdächtig sind ein kroatischer Geschäftsmann und seine Frau. Die Ermittlungen dauern an.
Um nicht bei einer Kontrolle aufzufliegen, sollen die Verdächtigen ranghohe Beamte mit einer halben Million Euro bestochen haben. Ein lokaler Beamter stellte für das verlassene Gelände falsche Genehmigungen aus. Auch Dokumente wurden mutmasslich gefälscht: Sie deklarierten Plastikabfall als recyclingfähig. Der Gewinn der beiden Hauptverdächtigen liegt laut Europol bei rund vier Millionen Euro.
Schwermetalle im Boden, PFAS im Grundwasser
Wie viel Müll in Gospić liegt, ist umstritten. Europol spricht von mindestens 35’000 Tonnen gefährlichem Abfall auf mindestens drei Deponien in Kroatien. Örtliche Umweltschützer sagen, allein in Gospić seien 37’000 Tonnen abgeladen worden. Der Abfall bestand laut Europol vor allem aus Plastik und giftigem Spitalmüll, der Grossteil stammte aus Italien.
Im Boden der Umgebung fanden sich Antimon, Kupfer und Blei in Konzentrationen weit oberhalb der gesetzlichen Grenzwerte. Untersuchungen ergaben, dass das Grundwasser in der Nähe über die EU-Grenzwerte hinaus mit PFAS verschmutzt ist.
Vor Ort änderte sich nach den Festnahmen wenig. Neuer Müll kam nicht mehr, beobachteten die Anwohnenden. Der alte blieb liegen. Die Behörden versicherten, das Trinkwasser in Gospić sei nicht beeinträchtigt. Viele glauben ihnen nicht und kaufen Wasser in Flaschen.
«Gospić ist unser Zuhause»
16 Personen aus der Stadt gründeten schliesslich die Bürgerinitiative «Gospić je naš dom» («Gospić ist unser Zuhause»). Sie wurden auf Social Media aktiv und wandten sich an die Medien. Die Öffentlichkeit reagierte, als ob sie nur darauf gewartet hätte. Fast täglich hätten sich Menschen aus anderen kroatischen Orten mit dem gleichen Problem gemeldet, berichteten die Aktivisten dem «Guardian».
«Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte», sagt Ivana Rukavina Sarić, ebenfalls Mitglied der Gruppe. «Es geht um ein nationales, wenn nicht globales Problem.» Ein kleiner Ort hatte eine Lawine ausgelöst. Oder besser: einen nationalen Unmut sichtbar gemacht.
Im August bestätigte die Staatsanwaltschaft in einem Bericht die Verunreinigung des Bodens in Gospić. Sie habe sich über das Gelände hinaus ausgebreitet und stelle ein «erhebliches Risiko für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen» dar. Die Antikorruptionsbehörde USKOK hält fest: Ohne Sanierung bleibe das Gelände eine anhaltende Verschmutzungsquelle, deren Auswirkungen sich verstärken könnten.
Grösste Demonstration seit Jahrzehnten
Ob es die PFAS-Analyse war oder der sich steigernde Unmut: Am 5. September strömten rund 40’000 Personen aus allen Landesteilen in die 200 Kilometer entfernte Hauptstadt Zagreb. Sie forderten die Regierung auf, gegen illegale Müllentsorgung vorzugehen. Die «Taz» schrieb von der «wahrscheinlich grössten regierungskritischen Demonstration seit 1991».
Die Demonstrierenden verlangten neben der Räumung des Mülls in Gospić und aller anderen illegalen Deponien, eine nationale Abfallstrategie für alle bekannten Hotspots und einen vorübergehenden Einfuhrstopp für Abfälle. Für die Ausarbeitung der Strategie und die Räumung setzten sie der Regierung eine Frist von 20 Tagen. Zahlreiche Prominente unterstützen die Forderungen.
Aktivisten wollen nach Brüssel
Ministerpräsident Andrej Plenković versprach, die Säcke mit giftigem Müll in Gospić bis Mitte Oktober wenigstens abzudecken. Die Regierung hat zudem zwei öffentliche Ausschreibungen für die Entfernung des Abfalls eröffnet. Die Räumung in Gospić kostet laut «Voice of Croatia» schätzungsweise 50 Millionen Euro. Passiert ist bisher weiter nichts.
Die Aktivistinnen und Aktivisten wollen ihr Anliegen nun nach Brüssel tragen und vor dem EU-Parlament demonstrieren. Denn ein Teil des Giftmülls in Gospić stammt aus EU-Ländern. Wer ihn verursacht hat und wer ihn verschiebt, ist damit auch eine europäische, wenn nicht globale, Frage.
Die Vereinten Nationen schätzen, dass 15 bis 30 Prozent der Abfälle in der EU illegal transportiert werden. Müllschmuggel ist mittlerweile ein Big Business in den Händen der organisierten Kriminalität,
«Infosperber» berichtete darüber.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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