Helvetiaplatz

Eigentümliches Quartierfest: Beamte der Zürcher Stadtpolizei mit Wasserwerfer am Helvetiaplatz an Halloween. Die Bahnhofstrasse schläft tief und fest. © Screenshot SRF

Die Zürcher «Krawalle» sind ein Erfolg für die Stadtpolizei

Daniel Ryser /  Brennende Container im Kreis 4 gelten als Polizeiversagen. Dabei zeigen sie, wie gut die Eindämmungsstrategie wirkt.

Es ist ein Ritual, das alle paar Monate zelebriert wird: Vermummte versammeln sich im Kreis 4 und zünden ein paar Container an und schmeissen Böller und die Stadtpolizei verschiesst Tränengas und Gummigeschosse, und am nächsten Tag kann man im «Tages-Anzeiger» lesen, dass sich die Sozialdemokraten distanzieren, und die FDP sieht die Demokratie in Gefahr und die SVP fordert, dass die «Chaoten» zur Kasse gebeten werden, und die Polizeivorsteherin (Grüne) sagt, es sei eine schwierige Lage gewesen wegen den Gaffern und nicht umsonst fordere sie mehr Personal und bessere Ausrüstung für die Beamtinnen und Beamten, die ja schon dauerüberbelastet seien, weil der Fussball und so weiter.

Begrenzen statt verhindern

Was niemand sagt, ist, dass diese Rituale ein Erfolg sind einer konsequenten Strategie der Zürcher Stadtpolizei: Krawalle oder Ausschreitungen oder nicht bewilligte Demonstrationen lassen sich nicht verhindern, sofern man nicht in einem Polizeistaat aufwachen will, aber sie lassen sich begrenzen.

Vor dreissig Jahren griffen ein paar Dutzend Autonome im Zürcher Niederdorf die «Pumpi-Bar» an, die Schweizer Neonazigrössen als Treffpunkt galt. Die Linken versammelten sich regelmässig am Bellevue und zogen von dort durch das Niederdorf, um Neonazis anzugreifen. Aber diese Aktionen ausserhalb vom Kreis 4 waren die Ausnahme. Der Revolutionäre Aufbau rief zum 1. Mai zur «revolutionären Nachdemo» an die Bäckerstrasse in ebendiesem Kreis 4, dem einstigen Arbeiterquartier, und schuf sich damit unfreiwillig auch eine Art Gefängnis: Diese «revolutionären Demonstrationen» beschränken sich heute auf die paar immergleichen Quadratmeter und Strassen und Plätze. Denn die Politik und Stadtpolizei fahren seit fast zwanzig Jahren und sehr routiniert dieselbe Taktik: keine solchen Demonstrationen und Umzüge im Kreis 1, an der Bahnhofstrasse und am Paradeplatz, und ganz sicher nicht am Zürichberg, wo die Reichen wohnen, und auch nicht an der prestigeträchtigen Europaallee, wo es vor zehn Jahren einmal und zum letzten Mal zu ziemlich heftigen Ausschreitungen kam.

Gefangen im eigenen Biotop

Heute sind es die Linksradikalen selbst, die schon gar nicht mehr dazu aufrufen, solche Aktionen ausserhalb des eigenen Biotops abzuhalten. Man versammelt sich an der Langstrasse im Kreis 4, und die Stadtpolizei garantiert im Sinne der Schadensbegrenzung, dass die Bahnhofstrasse sauber bleibt, dass sich der Protest oder Krawall oder wie man es nach politischer Ausrichtung auch immer nennen mag, auf die immer gleichen paar Meter konzentriert. Und das ist, bei aller Kritik, die dann vor allem von der SVP auf die linke Polizeivorsteherin Karin Rykart niederprasselt, ein Erfolg der Polizeistrategen.

«Bullen, Bonzen, Banken – alle müssen wanken» ist ein Slogan der Szene, aber in Zürich wankt gar nichts mehr, ausser die immerselben Strassenecken, wo ein paar Container brennen und ein Tramhäuschen am Helvetiaplatz – ein irgendwie deprimierendes Zeugnis der eigenen Hilflosigkeit der Szene in einer immer schneller werdenden Welt, wo der Glaube, mit Protest noch etwas verändern zu können, seit den Anti-WTO-Protesten Ende der Neunziger auf ein Minimum gesunken ist.

Traffic statt Umsturz

Die brennenden Container stören die Banken nicht und Schweiz Tourismus stören sie auch nicht, sie stören die Ruag sowieso nicht und deren Waffengeschäfte und McDonalds und Uber stören sie nicht und die KI-Rechenzentren auch nicht. Sie stören vielleicht die Beamtinnen und Beamten der Stadtpolizei, die noch mehr Überstunden anhäufen, aber sie stören Big Business nicht und Apple und Google und die anderen Milliarden-Tech-Konzerne stören sie auch nicht, im Gegenteil, die Aufrufe und Bilder und Videos von solchen brennenden Containern verschaffen höchstens Traffic auf Instagram und X und Traffic schafft Werbung und Werbung schafft Konsum.

Was wir am Wochenende beobachtet haben, ist nicht wirklich ein Krawall oder ein Protest, der das System erschüttert, es ist ein eigentümliches Zürcher Quartierfest, das zu dieser Stadt und zum Lauf der Dinge gehört wie das Sechseläuten im Frühling.


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