Balkon mit Blick auf die Crack-Szene
Das Schild der Kindertagesstätte Globe-Garden weist den Weg. Noch ein paar Meter, links, dann offenbart sich Luzerns neue Antwort auf sein Crack-Problem: ein schmaler Hinterhof hinter einer leerstehenden Notschlafstelle. Hohe graue Wände auf drei Seiten, dahinter Wohnungen mit Balkonen. Christian Wandeler, Sicherheitsbeauftragter der Stadt, nennt das «ideal», zumindest im Vergleich zu allem anderen. Die Anwohnenden verwenden ein anderes Vokabular.
Ich hatte kürzlich über Luzern und sein Crack-Problem geschrieben. Die Stadt hatte einen Sechzehn-Punkte-Plan vorgestellt: pragmatisch, datenbasiert, menschlich. Statt Moral Infrastruktur. Statt Symbolpolitik Koordination. Dann kam der Crack-Platz.
Natürlich ist das ein aufgelegter Elfmeter. Man käme fast in Versuchung, die Wegbeschreibung einfach abzudrucken und den Rest dem Publikum zu überlassen: Kita, dann noch ein paar Meter, und da sind wir. Das Bild schreibt sich ja praktisch selbst. Unschuldige Kinder gegen Monster-Süchtige, sauberes Luzern gegen Horrordroge, Tourismus-Idylle gegen soziale Realität. Natürlich kommen die Abhängigen erst um 17 Uhr, wenn die Kita sich langsam leert, so sieht es das Konzept vor. Und natürlich wäre es billig, das gegeneinander auszuspielen. Und selbstverständlich ist es das, was in Luzern gerade passiert. Schliesslich steht der Konsumplatz mitten in einem Wohnquartier.
Die Nachbarn
Elena Szirmai und Othmar Kramis leben seit 26 Jahren an der Gibraltarstrasse. Sie sind die direkten Anwohner des geplanten Konsumplatzes. Beide Musiker. Menschen, die nicht zwingend geschniegelt um sieben Uhr aus dem Haus müssen, was inzwischen aber ohnehin irrelevant ist, denn um sieben Uhr erwacht verlässlich der Tiefenbohrer. Direkt hinter ihrem Haus wird gerade auf vier Stockwerken der Berg ausgehöhlt. Dahinter liegt das Schlösschen Schönegg, das den Muff-Brüdern gehört, die mit digitalen Karten reich wurden, die heute Google-Maps heissen. Eigentlich ein beschauliches Quartier, abgesehen vom Dauerlärm.
Die Toleranzkurve sinkt proportional zur Lärmkurve. Frühmorgens die Tiefenbohrung, abends dann die Aussicht auf einen Crack-Platz. Szirmai hat ihren Leserbrief in der Lokalzeitung «Balkon mit Blick auf die Crack-Szene» genannt. Eine fast literarische Formulierung. Der Inhalt ist deutlich weniger poetisch: Einbrüche, Diebstähle, Unsicherheitsgefühl, vor allem aber noch mehr Lärm.

Die Szene ist schon da, wegen der Heroinabgabestelle, die ebenfalls im Quartier liegt. Umso grösser die Angst, dass sie mit einem offiziellen Platz endgültig allgegenwärtig wird. Einige Anwohnende sagen, sie hätten schon jetzt Angst, abends allein durchs Quartier zu laufen. Auch Elena Szirmai sagt, sie gehe abends den anliegenden Gütschweg direkt vor dem Haus seit einer unangenehmen Begegnung mit einem Dealer nicht mehr allein hoch.
Szirmai sagt Sätze, die man mit ein bisschen Bosheit sofort als bürgerliche Härte lesen könnte, die aber im Gespräch anders klingen. «Sie sind abhängig, sie haben ein Problem. Ich muss es nicht lösen. Ich muss es nicht ausbaden.» Dann sagt sie, fast im gleichen Atemzug: «Manchmal finde ich sie unheimlich, wenn sie so aufgeladen sind. Aber ich habe kein Problem mit den Menschen. Sie sind getrieben von der Sucht.»
In diesem Satz steckt viel: keine romantische Verklärung, keine Verachtung, kein Aktivistenpathos, keine Verdrängung. Nur dieser ziemlich nüchterne Gedanke: Ja, sie sind Menschen. Und nein, ich will sie trotzdem nicht direkt neben meinem Garten.
Zu nah, zu eng
«Das Hauptkriterium ist der Lärm», sagt Othmar Kramis. «Die Notschlafstelle, die früher schon hier war, hat nicht gestört. Die Leute waren drinnen. Aber das hier ist etwas anderes: Die Abhängigen dürfen das Haus nicht benutzen. Nur den Platz davor, direkt vor unserem Haus. Wie soll ein solches Nebeneinander funktionieren?»
Es ist das, was Menschen zermürbt. Nicht die grossen Debatten über den Rand der Gesellschaft, sondern Geschrei, Türen, Schritte, Streit, Bewegung, Unruhe. Der Soundtrack einer Existenz ohne wirklichen Rückzugsort.
«Wir hören und sehen alles, was passiert», sagt Elena Szirmai. «Von 17 bis 21 Uhr sollen die Abhängigen hier Crack von ihren Dealern kaufen und dann konsumieren dürfen. Danach, sagt die Stadt, gehen sie dann allenfalls zurück an den Bahnhof.»
Kramis sagt, der Platz sei zu klein, zu eng, nicht grosszügig. An die Ecke gedrängt. Aus den Augen, aus dem Sinn. «Und geschützt ist der Ort ja auch nicht. Es ist einfach ein Platz.» Viel gebaut werden soll dort nicht: eine Zeltkonstruktion, Gitter mit Sichtschutz, ein Segeltuch, ein Toitoi. Mehr ist für den kontrollierten Konsum vorerst nicht vorgesehen.
Das ist vielleicht der wichtigste Einwand. Und zwar nicht einmal aus Sicht der Anwohnenden, sondern aus Sicht derjenigen, um die es hier auch geht. Denn wenn man schon einen Ort schafft, an dem Menschen in Ruhe gelassen werden sollen, dann ist ein enger Hinterhof zwischen Betonwand und Balkonen vielleicht nicht gerade die überzeugendste Form der Schadensminderung.
Hinzu kommt: In zwei Jahren soll das Gebäude ohnehin zu gemeinnützigem Wohnraum umgenutzt werden. Alles also nur temporär. Und bis dahin wollen die Anwohnenden notfalls bis vor Bundesgericht ziehen, um die Umnutzung des Platzes zu verhindern.
Die Informationsveranstaltung der Stadt, als das Projekt vorgestellt wurde: offenbar sorgfältig vorbereitet. Nur die direkten Anwohner hatte man vergessen. Szirmai erfuhr es von einer Nachbarin: «Du kommst doch auch heute Abend?»
«Warum nicht im Regierungsgebäude?»
«Warum plant man den Crack-Platz nicht im Innenhof des Regierungsgebäudes?», sagt Elena Szirmai. «Der würde sich wunderbar eignen. Um 17 Uhr ist da ja Feierabend. Da würden die Süchtigen niemanden stören. Das Gebäude liegt zentral, drei, vier Minuten vom Bahnhof. Das wäre doch mal ein Zeichen.»
Es sind Sätze, die die soziale Geometrie der Debatte ziemlich präzise offenlegen: Wer darf von sozialem Elend belästigt werden? Wer gilt als zumutbarer menschlicher Puffer? Wer hat genug symbolisches Kapital, um als Standort gar nicht erst in Frage zu kommen?
Der Sicherheitsbeauftragte
Ich treffe den Luzerner Sicherheitsbeauftragten Christian Wandeler morgens um acht im Tibits. Wir trinken Hafermilchcappuccino im geputzten Vegetarier-Restaurant im Bahnhof.
Wandeler ist kein kalter Wegschieber. Er wirkt eher wie jemand, der seit Monaten versucht, ein Problem zu lösen, von dem er weiss, dass es derzeit keine wirklich saubere Lösung gibt. Er erscheint ohne Kommunikationsstab, ohne Sprachregelung, ohne das übliche Verwaltungsdeutsch, das einem erklärt, man nehme die Anliegen aller Stakeholder ernst und prüfe verschiedene Optionen im Rahmen eines integralen Prozesses.
Sondern er sagt einfach:
«Ja, natürlich finden die Leute das im Quartier nicht cool.»
«Ja, natürlich ist das nicht ideal.»
«Und nein, lösen tut es das Problem nicht.»
Das ist erst einmal erfrischend.
Der Platz an der Gibraltarstrasse, sagt Wandeler, sei deshalb geeignet, weil das Drop-In, also die Heroinabgabe, sowieso schon im Quartier sei. Gegen 16 Uhr verlagere sich die Szene wegen der Abgabe bereits in die Nähe des Crack-Platzes. «Wir bringen den Leuten nicht die Konsumierenden ins Quartier», sagt er. «Die haben wir schon, aber unkontrolliert.»
Die Zumutung verwalten
Die Stadt will also nicht einfach ein Problem von A nach B verlagern. Sie versucht, etwas zu kanalisieren, das längst da ist und bisher eher diffus durchs Quartier driftet. Einzelne Plätze hätten sich die Crack-Konsumenten ohnehin schon angeeignet, sagt Wandeler, und das führe zu vielen Reklamationen. Denn jetzt seien sie unbeaufsichtigt, unkanalisiert, ohne die Sozialarbeitenden der städtischen Fachstelle SIP (Sicherheit, Intervention, Prävention), ohne einen Rahmen. Das werde sich an der Gibraltarstrasse durch SIP-Präsenz ändern. Die Polizei, sagt Wandeler, sei in Luzern eher zurückhaltend, das öffentlich so zu formulieren, aber natürlich gehe es am Ende auch darum, auf einem solchen Platz den Kleindeal nicht zu eskalieren. Nicht ständig filzen, nicht dauernd verjagen, nicht jede Bewegung sofort kriminalisieren.
Anders gesagt: Man weiss, dass die Leute nicht plötzlich nüchtern, versorgt und sozial integriert auf diesem Platz erscheinen werden. Man weiss, dass Dealer mitkommen. Man weiss, dass man damit einen halblegalen, halbduldenden Zwischenraum schafft. Und trotzdem macht man es. Nicht, weil das gut ist. Sondern weil das Dauer-Hamsterrad zwischen Bahnhof, Wegweisung, Quartier, Rückverlagerung und nächster Eskalation eben auch nichts löst. «Druck wegnehmen», nennt Wandeler das.
Das ist die Stärke der Luzerner Idee, und gleichzeitig ihre Schwäche – eine Schwäche, die kein Christian Wandeler lösen kann, sondern, wie in Genf geschehen, nur die Politik, wenn sie denn will: Die Menschen bekommen zwar einen Ort, an dem sie eher in Ruhe gelassen werden. Aber sie bekommen – anders als in Genf, wo ab diesem Sommer eine therapeutische Crack-Abgabe eingeführt wird – keinen Stoff. Also bleibt der Suchtdruck. Und wo Suchtdruck bleibt, sind Dealer. Und wo Dealer sind, bleibt auch die Beschaffungskriminalität nicht einfach höflich draussen vor der Gartentür.
Die Anwohnenden haben mit ihrer Skepsis also nicht unrecht. Die Stadt mit ihrem Angebot auch nicht. Niemand liegt hier ganz falsch.

Wem gehört der öffentliche Raum?
Wandeler sagt: «Grundsätzlich haben alle Menschen das Recht, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten. Auch Menschen, die abhängig sind. Sofern der öffentliche Raum nicht übermässig beansprucht wird.»
Dann beschreibt er die Situation am Bahnhof, bei der Kante B, Feierabendzeit, 20 bis 40 Crack-Abhängige im Hamsterrad, Menschen mit Angst, Pendler mit Ausweichbewegungen, dazu Beschaffungskriminalität, vor allem Diebstahl, und öffentlicher Konsum, sichtbarer als je zuvor, weil Crack die Hemmschwellen pulverisiert.
Ich frage ihn, was «übermässige Nutzung des öffentlichen Raums» bedeutet.
«Wenn man nicht mehr an ihnen vorbeikommt, wenn andere Leute berechtigte Angst haben», sagt Wandeler.
Aber wie viel Not hält eine Stadt aus, bevor sie sie wegräumt? Und wer entscheidet, wann aus Anwesenheit Störung wird?
Wandeler sagt schliesslich etwas, das über Luzern hinausweist. Immer mehr Menschen würden urban leben wollen. Die Sonne, die lebendige Stadt. Aber bitte ohne den Schatten. Ohne das, was auch dazugehört. Ohne die Zumutungen, ohne das, was sich nicht in Stadtmarketing übersetzen lässt.
Ein Crack-Platz direkt neben Balkonen, Gärten und Kindergärten ist nicht automatisch Ausdruck einer besonders progressiven Stadt, würde man ihm an der Gibraltarstrasse antworten. Man könne soziale Realität nicht einfach dadurch humanisieren, dass man sie irgendwo abstelle und dann so tue, als sei das schon Pragmatismus.
Aber die Gegenposition ist natürlich auch nicht besonders anspruchsvoll. Nicht hier, nicht dort, nicht beim Bahnhof, nicht im Quartier, nicht neben Kindern, nicht neben Pendlern, nicht neben Balkonen, nicht neben uns. Irgendwo sollen sie also sein. Nur eben nicht sichtbar.
Die Grenze des Modells
Crack stellt die Soziale Arbeit vor neue Herausforderungen. Die Luzerner Gassenküche habe ihr Animations- und Aktivierungsprogramm faktisch eingestellt, sagt Wandeler, weil man mit vielen Crack-Abhängigen nicht mehr arbeiten könne wie früher. Tagesstrukturen, Beschäftigung, soziale Einbindung – alles Dinge, die unter diesem Stoff schnell ins Leere laufen. «Man macht nur noch Schadensminderung», sagt Wandeler. Essen, trinken, nicht sterben.
Darin liegt auch die Begrenzung des Luzerner Modells: Es schafft einen Ort, aber keine Lösung. Die Leute sollen weniger gejagt, besser erreicht, vielleicht etwas stabilisiert werden. Aber sie bekommen dort keinen Stoff, keine Therapie, keine echte Stabilisierung. Man schaue sehr genau nach Genf, sagt Wandeler: «Wir müssen zwingend versuchen, in diese Richtung zu gehen.»
Und vielleicht ist das der Punkt, an dem der geplante Crack-Platz in Luzern am fairsten beschrieben wäre: nicht als Lösung, nicht einmal als besonders überzeugende Zwischenlösung, sondern als das, was übrig bleibt, wenn die eigentliche medizinisch-therapeutische und sozialpolitische Antwort noch nicht existiert.
Ohne politische Reformen in der Drogenpolitik lässt sich schon jetzt prognostizieren, dass hier vermutlich niemand wirklich glücklich wird: Die Anwohnenden kriegen einen Crack-Platz, der weder grosszügig noch geschützt ist. Die Abhängigen kriegen einen Ort, an dem sie eher in Ruhe gelassen werden. Die Polizei schaut eher weg, weil Verhaftungen die Lage nicht entschärfen, sondern meist nur verlagern.
Manchmal, sagt Wandeler, stehe man vor einer Massnahme, die vielleicht nicht ideal, aber am idealsten sei, und kriege die Chance nicht, weil man mit Einsprachen überzogen werde. Das sei frustrierend. «Ehrlich gesagt blicken wir uns schon nach Alternativen um.»
Auch das ist ein ehrlicher Satz. Und vielleicht ist dies das Beste, was man über Luzern im Moment sagen kann: Dass dort in der Verwaltung Leute sitzen, die wissen, dass ihr Vorschlag keine ideale Lösung ist.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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