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Jarmila Kratochvilova, seit 1983 Inhaberin des 800-Meter-Weltrekords. © luvathletics auf instagram.com

Audrey Werro auf den Fersen von Jarmila Kratochvilova

Marco Diener /  1983 stellte die Tschechoslowakin den Weltrekord über 800 Meter auf. Er gilt noch heute. Und sie gibt noch immer Rätsel auf.

In 1:53,28 stellte Jarmila Kratochvilova am 26. Juli 1983 einen neuen Weltrekord auf. Er hält noch immer. Seit bald 43 Jahren. Auch wenn er inzwischen gehörig wankt. Vor drei Wochen lief die 22-jährige Freiburgerin Audrey Werro in Stockholm 1:53,98. Gestern verbesserte sie sich in Paris auf 1:53,80. Damit fehlen ihr zum ältesten Weltrekord der Frauen-Leichtathletik nur noch 52 Hundertstelsekunden. In der «ewigen» Bestenliste belegt sie Platz 3.

Dass Kratochvilovas Weltrekord noch gilt, ist keine Selbstverständlichkeit. Vor bald zehn Jahren wäre er beinahe getilgt worden. Nicht weil eine andere Athletin schneller gewesen wäre, sondern weil der Europäische Leichtathletik-Verband alle Weltrekorde, die vor 2005 aufgestellt worden waren, löschen lassen wollte.

Nicht gelöscht

Der Gedanke dahinter: Seit 2005 werden Blut- und Dopingproben aufbewahrt, und es gibt verbesserte Dopingkontrollen. Der damalige Verbandspräsident, der Norweger Svein Arne Hansen, sagte damals: «Rekorde, welche die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit aufzeigen, sind eine der grossen Stärken unseres Sports, aber sie sind bedeutungslos, wenn die Menschen nicht wirklich daran glauben.»

Der Vorschlag kam nicht durch. Das Hauptargument: Es gibt keinen Beweis dafür, dass jeder Weltrekord vor 2005 mit Hilfe von Doping aufgestellt wurde. Und es gibt ebenso wenig einen Beweis dafür, dass jeder Weltrekord nach 2005 ohne Hilfe von Doping aufgestellt wurde. So blieb der Weltrekord über 800 Meter bestehen. Und das Rätsel um Jarmila Kratochvilova ebenfalls.

«Spezialbehandlung»

32-jährig war die Tschechoslowakin, als sie den Weltrekord aufstellte. Von der zierlichen Athletin der frühen Jahre war nichts mehr übrig geblieben. Sie hatte derartige Muskeln, dass sie ständig unter Dopingverdacht stand. Dazu trug bei, dass sie hinter dem «Eisernen Vorhang» aufgewachsen war und lebte. Dort also, wo – so die landläufige Meinung – systematisch gedopt wurde. Dazu trug aber auch bei, das ihr Name im Zusammenhang mit einem Dopingprogramm in der Tschechoslowakei auftauchte. Dessen Name: «Spezialbehandlung».

Nachgewiesen wurde Jarmila Kratochvilova nie etwas. Auch die demütigenden Sextests bestand sie. Kratochvilova selber, aber auch ihr Umfeld erklärten stets, das harte Leben habe sie geformt. Als Mädchen arbeitete sie auf dem Hof ihres Onkels. Mit zwölf Jahren habe sie mit der Heugabel genau so viel Heu auf den Heuboden geworfen wie ein gestandener Bauer, heisst es.

Später arbeitete sie als Buchhalterin. Vor der Arbeit soll sie um vier Uhr morgens trainiert haben. Um sich von einer Achillessehnen-Operation zu erholen, sprintete sie angeblich mit 10-Kilo-Bleiweste und Gasmaske durch 30 Zentimeter tiefes Wasser. Im Krafttraining soll sie enorme Gewichte gehoben haben. Mal ist von insgesamt 16 Tonnen pro Training die Rede, mal von 25 Tonnen.

In der Garderobe eingesperrt

Ihr Trainier, Miroslav Kvac berichtete einst, er habe sie zwischen zwei Trainingseinheiten in der Garderobe einsperren müssen, damit sie sich ausgeruht habe. Die grossartigen Leistungen, so Kvac, seien das Ergebnis von grosser Entschlossenheit, hartem Training und grossen Mengen Vitaminen gewesen. Doch all diese Erklärungen ändern nichts daran: Die Doping-Gerüchte haften noch immer an Jarmila Kratochvilova.

Die Schweizerin Doriane Lambelet, die seinerzeit beim Weltrekord-Rennen in München mitlief und heute Rechtsprofessorin in den USA ist, sagte einst gegenüber der «New York Times»: «Niemand tut sich so etwas selbst an. Sie tat mir immer leid. Ich ging einfach davon aus, dass sie eine Schachfigur in diesem System war. Sie war eine wirklich nette Person.»

Kratochvilova selber hat sich mit den Doping-Vorwürfen abgefunden. Die mittlerweile 75-Jährige sagt: «Ich habe mich daran gewöhnt. Es ist mir inzwischen egal.» Sie ist immer noch als Trainerin tätig und wundert sich ein bisschen über die heutige Jugend: «Die wollen gar nichts machen. Vielleicht täte ihnen ein bisschen Sozialismus gut.»

Knapp zwei Meter Rückstand

Und nun also Audrey Werro: Ihren eigenen Schweizer Rekord verbesserte sie vor drei Wochen um beinahe zwei Sekunden. Der enorme Leistungssprung hat möglicherweise damit zu tun, dass sie nach bestandener Matura seit letztem Sommer Profi ist.

Screenshot 2026-06-29 at 09-17-07 Audrey Werro breaks DIAMOND LEAGUE RECORD in Paris 800m - Wanda Diamond League 2026 - YouTube
1:53,80: Audrey Werro liegt nur noch 52 Hundertselsekunden über dem Weltrekord.

Jetzt war sie abermals schneller. Wären Kratochvilova und Werro im selben Rennen gelaufen, dann wäre Werro mit einem Rückstand von knapp zwei Metern ins Ziel gekommen. Dem Weltrekord nähert sie sich mit Riesenschritten.


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