Sperberauge

Das sagt Ai Weiwei zum Krieg in der Ukraine

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

Urs P. Gasche /  Für Kritik an China wird der Künstler Ai Weiwei häufig zitiert. Nun befragte ihn der «Standard» zum Krieg in der Ukraine.

In Westen gilt der in China totgeschwiegene Ai Weiwei als unermüdlicher Kämpfer für Aufklärung und Meinungsfreiheit. Hier die Quintessenz eines Interviews mit dem Künstler, das der österreichische «Standard» am 20. März veröffentlichte:

Trotz des «brutalen Angriffskriegs mit Bombardierungen von Wohngegenden» sollte der Westen die eigenen Scheinheiligkeiten nicht unter den Tisch wischen. In einer einzigen Woche hätten die westlichen Medien mengenmässig mehr über die Ukraine informiert als sie dies während dreissig Jahren über den Krieg in Afghanistan taten. Auch über den Krieg in Jemen werde nur spärlich informiert. Die Medien wüssten zwar von allen diesen Konflikten, «aber es kümmert uns nicht».

Man werde sich «die Rolle der Nato, der EU, der USA und von Russland in den vergangenen Jahrzehnten ganz genau anschauen müssen», um die Ursachen des Krieges in der Ukraine zu ergründen, meint Ai Weiwei. Man müsse «sich jetzt gemeinsam hinsetzen und das Problem realistisch und rational lösen».

Ai Weiwei. Mitteldeutscher Rundfdunkd
Ai Weiwei

China hat das Problem mit Taiwan

Zur Haltung Chinas sagte der chinesische Dissident: «Für China ist es strategisch gesehen wichtig, in Bezug auf Russland vorsichtig zu agieren. China hat Probleme mit Taiwan – eines der erklärten Ziele ist, die Insel China einzugliedern. Man wird also den Einmarsch Russlands in die Ukraine sehr vorsichtig beurteilen. Russland wiederum braucht die Unterstützung Chinas.»

Gegen den Krieg in der Ukraine dürfe in Russland immerhin noch demonstriert werden, was in China vollkommen unmöglich sei.*

Menschenrechte vertragen keine Scheinheiligkeit

Auch im Westen stehe es mit der Freiheit der Presse nicht zum Besten, meint Ai Weiwei abschliessend. Wenn Interessen grosser Unternehmen im Spiel sind, müssten auch die westlichen Mainstream-Medien aufpassen, die Demokratie nicht zu verspielen. Als Beispiel nannte er Julian Assange: «Würde er an die USA ausgeliefert, hätte er mit sehr ernsten Konsequenzen zu rechnen.» Dieser Fall zeige die Scheinheiligkeit des Westens. Zwar müsse man im Westen nicht um Freiheit kämpfen. Aber es gebe auch hier Fälle, wo Menschenrechte nicht eingehalten und durch Scheinheiligkeit verdeckt würden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

*In diesem Satz waren anfänglich Russland und China vertauscht.

Zum Infosperber-Dossier:

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10 Meinungen

  • am 29.03.2022 um 11:16 Uhr
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    Ai Weiwei irrt sich dahingehend, dass wir auch im Westen um Freiheit kämpfen müssen.
    Seine Sichtweise zum Stellvertreterkrieg in der Ukraine sowie der Berichterstattung der Medien über andere Kriege, teile ich.

    3
    • am 30.03.2022 um 00:16 Uhr
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      Mit Freiheit meint Ai Weiwei Konflikte mit dem Maßstab der Menschenrechte zu beurteilen, völlig unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Interessen. Das Problem ist, daß sich niemand diesen Interessen entziehen kann, es ist nur bedingt möglich wenn er sich als Einsiedler zurückzieht oder superreich wird, dann kann er die Regeln des Zusammenlebens oder Nichtzusammenlebens selbst schreiben …

      0
    • am 31.03.2022 um 10:09 Uhr
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      Und wenn er es so gemeint hat, inwiefern widerspricht dies meinem Kommentar? Nicht wenige Menschen kämpfen in der gesamten westlichen Welt um das Menschenrecht der körperlichen Unversehrtheit.

      Freiheit bedeutet, dass ein Mensch nicht tun muss was er nicht will, bzw nicht tun muss, was ein anderer Mensch will, dass er es tut. Davon sind wir weit entfernt, Sie nannten ein paar Argumente. Genau aus dem Grund leben wir in einer sehr unfreien Welt. Wir sind diversen, systemisch Bedingten Zwängen ausgeliefert. Der stärkste Zwang ist klar der monetäre Zwang dem wir unterworfen sind. Sowohl Geld, als ins besonders das heutige Geldsystem, sind nicht zufällig gewachsen sondern aus Machtintressen entwickelt und eingeführt worden. Durch propagandistische Beeinflussung sind wir jedoch kaum noch in der Lage, Freiheit zu erkennen und verwechseln sie mit materieller Sicherheit und Vielfalt. Der goldene Käfig mag schön und angenehm sein, aber in als die grosse Freiheit zu bezeichnen ist Selbstbetrug.

      0
  • am 29.03.2022 um 14:53 Uhr
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    Hand aufs Herz: Welche «eigenen Scheinheiligkeiten» hat der Westen je unter den Tisch gewischt? Der Westen ist eine offene, pluralistische Gesellschaft. Da kommt alles kritisch zur Sprache. Manches erhält weniger Aufmerksamkeit als anderes – ich wüsste allerdings nicht, wie man diese Dynamik «gerecht» beeinflussen könnte. Die vergleichsweise niedrige Aufmerksamkeit im Vergleich zu Afghanistan und Jemen ist nachvollziehbar. Diese Länder sind dem Westen weitaus fremder als die Ukraine, sie werden von ewigen internen Konflikten geschüttelt. Man weiss dort nie so recht, wer wann was von wem will. Die Ukraine profitiert seit Kriegsbeginn auch von einem ausserordentlich guten «Marketing», das wirklich ein Eigengewächs zu sein schient, nicht ein «Import aus dem Westen». Und: An den Tisch sitzen, ja. Aber sicher nicht mehr mit Waldimir Putin und seinem Gefolge.

    13
  • am 29.03.2022 um 15:26 Uhr
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    Wo er recht hat, hat er recht. Dem Meienberg hat man auch Schreibverbot gegeben damals. Und heute will man von rechts das SRF kaputt sparen. Damit niemand mehr den Zuger Finanzdirektor (Ja, lömmer die Krise jez amal Krise sii) befragen kann.

    2
    • am 30.03.2022 um 10:15 Uhr
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      Meienberg hat hart ausgeteilt und er musste aber auch hart einstecken.
      Daran war er zu Grunde gegangen.
      Zudem hat er bisweilen gelogen.
      Zum Beispiel behauptete er, Papst Paul II. hätte anl. des Papstbesuches 1984 nach Freiburg ein Double geschickt…

      Ai Weiwei ist ein vernünftiger und intelligenter Mensch.
      Ich empfehle sein Buch «1000 Jahre Freud und Leid» über die Geschichte seines Grossvaters und über sich selbst.

      0
  • am 29.03.2022 um 18:00 Uhr
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    Ich begrüße, dass Sie das Standard-Interview mit ai Weiwei hier vorstellen, es hat m.E. alle Aufmerksamkeit verdient.
    Neben den von Ihnen zitierten Aussagen gibt es noch etliche andere Einschätzungen Ai Weiweis, die durchaus den aktuellen westlichen Narrativen widersprechen. So meint er zur angeblichen Einigkeit des Westens: «… Europa wird nicht von einem gemeinsamen Wertefundament zusammengehalten, sondern von einer schlichten Notwendigkeit.»
    Und zu Zensur : «alle Regierungen üben Zensur aus, damit eine Gesellschaft funktioniert. Das ist auch im Westen so …So funktioniert Macht, so funktionieren die Interessen großer Unternehmen.»
    Es lohnt sich, das ganze Interview zu lesen!

    1
  • am 29.03.2022 um 21:05 Uhr
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    «Gegen den Krieg in der Ukraine dürfe in Russland demonstriert werden»? Was ich gehört und gelesen habe, widerspricht dieser Aussage diametral: Wer die Dinge beim Namen nennt, riskiert lange Gefängnisstrafen, zaghafte Versuche zu demonstrieren wurden im Keim erstickt, und auch einzelne, die sich mit einem (sogar leeren) Schild auf die Strasse stellten, wurden verhaftet. Ausser RT behauptet meines Wissens niemand, das alles seien Falschmeldungen.

    5
    • am 1.04.2022 um 09:44 Uhr
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      Dochdoch, Hanspeter, hie und da die Weltwoche. Die hat doch für Putins Historie-Theorie immer wieder Verständnis.

      Es würde mich übrigens nicht wundern, wenn Köppel seine Zeitung dereinst an RT zum Verkauf anbieten würde (Das ist natürlich ironisch gemeint).

      0
  • am 31.03.2022 um 22:22 Uhr
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    Ai Weiwei ist Chinese im besten Sinne. Er liebt sein Land und wird sich hüten ins westliche Getröte einzustimmen. Er weiss genau, dass die geopolitischen Ziele der Amis die Vernichtung Chinas sind.

    3

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