ZahlenLehrermangel

Mit Leuten wie ihr sparen Kantone Geld: Nicht voll ausgebildete Lehrerin bei der Arbeit © SRF eco talk

Zahlen zeigen: Kantone kaschieren Lehrpersonenmangel

Pascal Sigg /  Viele Kantone wollen nicht sagen, wie gross das Problem ist. Infosperber hat eine bisher unbeachtete Statistik ausgewertet.

Wie viele Personen arbeiten an Schweizer Volksschulen ohne die entsprechende Ausbildung? Nachdem die Kantone zu Schuljahresbeginn gemeldet haben, die offenen Stellen seien mehrheitlich besetzt, lassen sich diese Zahlen als Indikatoren für das Ausmass des Lehrpersonenmangels verstehen. Doch um die Zahlen herrscht ein kurioses Ringen.

Denn nicht alle Kantone wollen sie rausrücken. Auf eine SRF-Umfrage antworteten nur zehn Kantone. Und gegenüber dem Tages-Anzeiger konnte nur das Zürcher Volksschulamt Zahlen liefern. Die Behörden der Kantone Bern und Aargau allerdings verwiesen auf die einzelnen Gemeinden. Auch die Tagesschau verbreitete im August, die meisten Kantone wüssten gar nicht, wie gross das Problem ist.

Doch dies stimmt keineswegs. Das Bundesamt für Statistik (BfS) erhebt seit 2010, wie viele Lehrpersonen – in Vollzeitäquivalenten – voll für den Beruf qualifiziert sind und wie viele nicht. «Aus Qualitätsgründen» veröffentlicht es die Statistik (Ausbildungsgrad in Tabelle T9) erst seit Schuljahr 2018/19. Dies geschieht allerdings jeweils nur mit erheblicher Verspätung. Das BfS veröffentlicht die entsprechende Statistik nämlich erst im März nach Ablauf des jeweiligen Schuljahres. Daten zum aktuellen Schuljahr 2022/23 werden also erst im März 2024 verfügbar sein. Die aktuellsten verfügbaren Zahlen stammen also vom Schuljahr 2020/21.

Infosperber-Auswertung zeigt grosse kantonale Unterschiede

Infosperber hat die absoluten Zahlen aus den Kantonen mit Fokus auf die nicht voll qualifizierten Lehrpersonen ausgewertet.

Wichtig dabei: Die vom BfS publizierten Werte beziehen sich nur auf den Regelklassenunterricht. Der Unterricht in Einführungsklassen, Klassen für Fremdsprachige, anderen Sonderklassen und Sonderschulklassen wurde aus der Analyse ausgeschlossen. Zudem unterscheiden sich gemäss BfS die Erhebungsmethoden der Kantone derart, dass die Zahlen keine interkantonalen Vergleiche zulassen. Und in einzelnen Fällen ist die Datenqualität derart schwach, dass das BfS die Daten als nicht verfügbar kennzeichnet.

Sie zeigen immerhin: Die Kantone wissen genau genug, wie viele ihrer Lehrpersonen nicht voll ausgebildet sind. Die Bildungsdirektionen der Kantone sollten das Problem deshalb schon lange kennen. Besonders dort wo es heute am grössten ist – etwa in Kantonen wie Bern, Aargau oder Zürich war schon vor Jahren bekannt, dass viele Lehrpersonen ungenügend ausgebildet sind. Und bei aller Zurückhaltung gegenüber interkantonalen Vergleichen: Es gibt erhebliche kantonale Unterschiede. Einige Kantone konnten das Problem eindämmen. In anderen wiederum hat es sich verschärft.

Bereits auf Kindergartenstufe viele nicht voll Ausgebildete

Im Schuljahr 2020/21 sah es auf den Primarstufen 1 und 2 (typischerweise Kindergarten) am besten aus: Kein Kanton wies mehr als zehn Prozent nicht voll qualifizierter Lehrpersonen aus. Hohe Anteile meldeten die Kantone Aargau, Baselland und Bern. Doch in Kantonen wie Bern oder Genf zeichnete sich auch da bereits ein beunruhigender Trend ab.

Anteil der nicht voll qualifizierten Lehrpersonen in Vollzeitäquivalenten. Differenz: Veränderung zwischen 2018 und 2021 in Prozentpunkten. Daten: BfS, Grafik: Gusmo

Schaffhausen mit Negativtrend – Waadt vermeldete Rückgang

Auf den Primarstufen 3 bis 8 (typischerweise 1. bis 6. Klasse) präsentierte sich die Situation bereits schlechter. Auffällig ist immerhin auch, dass die Kantone Waadt und Neuenburg einen stark positiven Trend aufwiesen.

Anteil der nicht voll qualifizierten Lehrpersonen in Vollzeitäquivalenten. Differenz: Veränderung zwischen 2018 und 2021 in Prozentpunkten. Daten: BfS, Grafik: Gusmo

Mit Abstand am meisten nicht voll Ausgebildete auf Sekundarstufe 1

Mit Abstand am meisten nicht voll ausgebildete Lehrkräfte arbeiteten aber auf Sekundarstufe 1 (Oberstufe) – in einzelnen Kantonen jede vierte Lehrperson. Hier dürfte der Lehrpersonenmangel also auch heute mit Abstand am grössten sein. Auffällig ist hier eher, dass einzelne Kantone wie Appenzell Innerrhoden oder Zug sehr tiefe Zahlen vorweisen.

Anteil der nicht voll qualifizierten Lehrpersonen in Vollzeitäquivalenten. Differenz: Veränderung zwischen 2018 und 2021 in Prozentpunkten. Daten: BfS, Grafik: Gusmo

Keine neue Erscheinung: BfS-Zahlen zeigen wohl nur die Spitze des Eisbergs

Wichtig: Da das BfS die Zahlen in Vollzeitäquivalenten ausweist, dürften die effektiven Zahlen in der Realiät deutlich höher sein. Denn viele unausgebildete Lehrpersonen dürften in Kleinpensen und auch ausserhalb des Regelunterrichts beispielsweise in Sonderklassen arbeiten. Zudem ist nicht zu vergessen, dass diese Zahlen zwei Jahre alt sind.

Pikant ist auch: Obschon diese Zahlen seit Jahren bekannt sind und sie diese selber zur Verfügung stellen, tun einzelne Bildungsdirektionen heute auch so, als wären ungenügend ausgebildete Lehrpersonen eine neue Erscheinung. Der Kanton Zürich etwa verkaufte die Beschäftigung von «Lehrpersonen ohne anerkanntes Diplom» noch Anfang Juni als neue Massnahme gegen den Lehrpersonenmangel. Auch die NZZ übernahm kürzlich diese Darstellung. Dies, obschon der Regierungsrat bereits 2020 auf eine parlamentarische Anfrage antwortete, dass zahlreiche «Lehrpersonen, die nicht über ein von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren anerkanntes Lehrdiplom verfügen» im Kanton Zürich unterrichten.

Auf Infosperber-Anfrage widerspricht die Bildungsdirektion des Kantons Zürich der eigenen Medienmitteilung. Man müsse zwischen Lehrpersonen ohne Diplom und solchen mit unvollständiger Ausbildung unterscheiden. Es handle sich bei letzteren – also zum Beispiel im Schuljahr 2020/21 über 10% der Vollzeiteinheiten auf Sekundarstufe 1 – um Personen, die ihre Ausbildung noch nicht vollständig abgeschlossen haben, oder über ein ausländisches Diplom verfügen. «All diese Personen verfügen über eine pädagogische Ausbildung, gelten aber statistisch als nicht vollständig qualifiziert.»

Kantonal unterschiedliche Interessen

Was kantonale Bildungsdirektionen genau wissen: Nicht voll qualifizierte Lehrpersonen sind günstiger als voll ausgebildete. Doch die Kantone gehen damit unterschiedlich um. In Zeiten des Lehrpersonenmangels können Gemeinden auch unausgebildete Lehrpersonen ähnlich wie diplomierte entlöhnen, um Stellen zu besetzen.

Andererseits ist Infosperber auch ein Kanton bekannt, in welchem nicht voll qualifizierte Lehrpersonen nur befristet angestellt werden dürfen. Dafür muss der Kanton ein Gesuch der Schule bewilligen. Doch die Dauer der Frist ist nicht geregelt. So können auch nicht ausgebildete Lehrpersonen jahrelang gute Arbeit verrichten – zu einem deutlich tieferen Lohn als ihre diplomierten KollegInnen. Der Kanton spart gleich doppelt: Bei der Ausbildung der Person und der tieferen Einstufung in der Lohntabelle.

Klar ist also: Präzise, aktuelle, einheitlich erhobene Zahlen aus allen Kantonen könnten zeigen, wie es aussieht. Doch die gegenwärtigen Zahlen suggerieren auch: Das Interesse der Kantone, solche Zahlen zu veröffentlichen, ist nicht überall gleich gross. Zudem könnten die Zahlen schlafende Hunde wecken, wenn bekannt würde, dass einzelne Kantone nicht voll ausgebildete Lehrpersonen schon jahrelang beschäftigen, um weniger Geld für die Bildung auszugeben.

Die EDK will weiterhin nichts wissen

Abhilfe könnte die EDK schaffen. In der Sendung «SRF eco talk» vom 29. August 2022 bezeichnete Alfred Stricker, Bildungsdirektor Appenzell AR, es als Kernaufgabe der EDK, diese Daten zur Verfügung zu stellen. Er sei überzeugt, die Daten über die Anzahl Lehrpersonen ohne Diplom in der Schweiz würden bis zu den Herbstferien verfügbar sein.

Auch Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz sagte SRF damals: «Die EDK hätte gute Möglichkeiten, die Datenerhebung zu machen».

Doch auf Infosperber-Anfrage nach den Herbstferien erteilt die EDK beiden eine Absage. Sie liess verlauten, die EDK verstehe sich in Bezug auf den Fachkräftemangel als «Austauschgremium». Für die Besetzung der Lehrpersonenstellen seien die Kantone und Gemeinden zuständig. «Die erhobenen Zahlen des BfS geben Auskunft über Anzahl der Lehrpersonen ohne vollständige Qualifikation und erlauben einen langjährigen Überblick. Das Generalsekretariat der EDK führt entsprechend keine parallele Statistik mit schweizweiten Daten und plant auch künftig keine Erhebung dieser Daten.»


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Pascal Sigg

Pascal Sigg ist Redaktor beim Infosperber und freier Reporter.

3 Meinungen

  • am 2.11.2022 um 12:21 Uhr
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    Ich kenne eine Pädagogin welche mir dasselbe erzählt. Die gleichen Probleme spielen sich in Spitälern ab. Ein guter Freund von mir, ehemaliger Ausbilder, Sozialarbeiter, Psychologe und Streetworker, arbeitete seit seiner Pension Ehrenamtlich weiter. Er hatte grosses geleistet in seinem Leben. Er erkrankte an einem behandelbaren Krebs, aber nachdem er mehr als 3 mal bei schweren Schmerzdurchbrüchen im Spital 2 Stunden warten musste, bis ihm geholfen wurde, entschied er sich für Exit. Seine Worte: Unser Gesundheitswesen bricht zusammen, so wie das Schulwesen (Er hat einen Sohn und das miterlebt) und das was jetzt noch kommt, möchte ich nicht mit erleben. Gestern haben wir uns verabschiedet, diese Woche geht er mit Exit nach Hause. Ich bin Mitglied einer Selbsthilfegruppe für ehemalige und noch Krebskranke, welche sich gefunden hatten. Einige haben Kinder, wo 4 verschiedene Lehrer sich in übergroßen Klassen ein Fach teilen.

  • am 2.11.2022 um 17:47 Uhr
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    Auch in Sachen Bildung in der Volksschule ist die Politik überfordert. Zu wenig Lehrerinnen. Sinnlose Reformen. Und wenn die Anstellung von unausgebildeten Lehrern eine Bereicherung sein soll, wie oft moniert wird, dann braucht es die pädagogischen Hochschulen nicht.

    • am 4.11.2022 um 18:12 Uhr
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      Da kann ich mit Ihnen übereinstimmen. Ich denke, dazu kommt noch, das eine echte Demokratie mit dem Bildungsstand steht oder fällt. Korruption ist die grösste Geisel der Schweiz, dafür gibt es zahlreiche Indizien. Vielleicht ist ein guter Bildungsstand ja gar nicht mehr bei allen erwünscht, mit dem Ziel, das die Menschen lediglich noch funktionieren und ansonsten » Magst ruhig sein lieb Vaterland» Das hat nichts mit Verschwörungen zu tun, sondern scheint mir Systemimmanent zu sein.

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