HTR-PM China

Der chinesische Forschungsreaktor in Shidaowan in der Provinz Shandong © cnnc

Schweizer Hilfe für Chinas neustes AKW-Projekt

Kurt Marti /  Die ETH und die Schweizer Strombranche finanzierten von 2015 bis 2019 Forschungen für einen chinesischen Hochtemperatur-Reaktor.

Ende Oktober 2014. Universität Tsinghua im chinesischen Weihai. An einem Kongress über künftige Hochtemperatur-Reaktoren (HTR) tritt auch der ETH-Atomphysiker Horst-Michael Prasser auf und dient sich der chinesischen Atom-Industrie an.

In seinem Vortrag ist der ETH-Professor voll des Lobes über Chinas neustes AKW-Projekt: Ein gasgekühlter Hochtemperatur-Kugelhaufen-Forschungs-Reaktor (HTR-PM; High Temperature Reactor – Pebble-Bed Module). China sei «weltweit führend auf diesem Gebiet», was in der Schweiz «in hohem Mass anerkannt» werde.

Vor kurzem habe die ETH-Anstalt «Paul-Scherrer-Institut» (PSI) finanzielle Mittel für die Erforschung solcher Reaktoren erhalten. Es sei «eine enge Kooperation» mit dem «Institut für nukleare und neue Energietechnologie» (INET) der chinesischen Universität Tsinghua geplant. Und: «Wir freuen uns sehr auf zukünftige gemeinsame Forschungsaktivitäten bezüglich der Weiterentwicklung und der Sicherheitsbewertung des HTR-PM mit dieser weltweit führenden Institution in der Welt.»

Spielwiesen im Ausland

Konkret geht es um die beiden Blöcke des Reaktors HTR-PM in Shidaowan in der chinesischen Provinz Shandong (siehe Foto oben), die in den letzten Jahren gebaut wurden. Der Forschungsreaktor Shidaowan ist ein Joint Venture der beiden staatlichen Stromkonzerne «China Huaneng Group» und «China National Nuclear Corporation» sowie dem «Institut für nukleare und neue Energietechnologie» (INET) der Universität Tsinghua.

Trotz beschlossenem Atomausstieg in der Schweiz wird am PSI und an den beiden ETH fleissig an zukünftigen Atom-Reaktoren weitergeforscht, wie Infosperber schon mehrmals berichtete. Und weil die Praxis in der Schweiz fehlt, suchen die Schweizer Atomforscher ihre Spielwiesen im Ausland, neben China auch in Frankreich (siehe Infosperber: Trotz Atom-Ausstieg: Subventionen für Frankreichs Flop-Reaktor).

Mit dem Goodwill des Bundesrat

Prassers Kooperations-Angebot an Chinas Atom-Forschung wird in einem Bericht des Bundesamtes für Energie (2017; Seite 606) bestätigt. Dort heisst es in Bezug auf das HTR-PM-Projekt, das PSI habe «ein aktuelles, laufendes Projekt mit chinesischen Partnern», namentlich mit dem Atomforschungs-Institut (INET) der Universität Tsinghua. Der BFE-Bericht hat – wen wundert’s? – das PSI im Auftrag des BFE verfasst. Auch Prasser gehört zu den Autoren.

Ebenfalls auf den Goodwill des Bundesrats kann die schweizerisch-chinesische Atom-Partnerschaft zählen, wie dessen Antwort auf eine Interpellation des SVP-Nationalrats Jean-Luc Addor aus dem Jahr 2016 zeigt: «Ausserdem unterhält das PSI intensive Kontakte zu chinesischen Partnerorganisationen, die in der HTR-Entwicklung und an Konzepten für schnelle Reaktoren arbeiten, und verfügt selber über erhebliches eigenes Know-how in diesen Gebieten.»

Kommerzieller Reaktor realistischerweise erst 2040 – 2045

In der Vergangenheit gab es zahlreiche HTR-Forschungs-Projekte, die jedoch alle wegen technischen und finanziellen Problemen abgebrochen wurden, beispielsweise in Deutschland. Einzig das chinesische HTR-PM-Projekt überlebte, weil die Kommunistische Partei Chinas bereit ist, dafür Milliarden-Summen locker zu machen.

Laut einer Studie des deutschen Öko-Instituts im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) ist davon auszugehen, «dass im besten Fall erst 2035 mit einem kommerziellen Reaktor gerechnet werden könnte». Realistischer sei «eher 2040 – 2045 angesichts des massiven Forschungs- und Entwicklungsbedarfs».

Schweizer Forschung für den chinesischen Reaktor

Doch wie sehen diese «gemeinsamen Forschungsaktivitäten bezüglich der Weiterentwicklung und der Sicherheitsbewertung des HTR-PM» und diese «intensiven Kontakte zu chinesischen Partnerorganisationen» konkret aus?

Auf der Internetseite des PSI findet man unter der Rubrik «Wissenschaftliche Highlights» einen Artikel mit dem Titel «Bewertung innovativer Reaktordesigns im PSI». Dort wird auf ein Projekt verwiesen, das «zwischen den Jahren 2015 und 2019 vom PSI koordiniert wurde» und das «verschiedene Gruppen aus dem Bereich der ETH umfasste».

Dieses PSI-ETH-Projekt betrifft diverse wissenschaftliche Untersuchungen zum chinesischen HTR-PM-Reaktor (hier und hier und hier), beispielsweise zur Optimierung des Brennstoff-Kreislaufs, zu den Unfall-Szenarios, zur Reduktion des radioaktiven Abfalls und zur Wirtschaftlichkeit.

Federführend war die PSI-Abteilung «Nukleare Energie und Sicherheit» (NES; siehe Kasten unten). Finanziert wurden die Studien laut Deklaration im Rahmen eines Projekts der ETH Zürich und der Strombranche, also von den SteuerzahlerInnen und StromkonsumentInnen.

Know-how für die Entscheidungsträger

Das HTR-PM-Projekt der ETH und des PSI stellt also AKW-Know-how für die chinesische Atom-Forschung und -Industrie bereit. Doch der Hauptzweck des Projekts liegt offenbar laut ETH-PSI-Studie darin, das spezifische Know-how in der Schweiz aufzubauen, «das erforderlich ist, um Entscheidungsträgern detaillierte Informationen zur Verfügung zu stellen und den Forschungsbedarf für die Zukunft zu ermitteln». Im Klartext: Der politische Boden für den Absatzmarkt zukünftiger Hochtemperatur-Reaktoren aus China soll vorbereitet werden.

Frage: Ist es wirklich die Aufgabe der Schweiz, sich wissenschaftlich und marketingmässig in den Dienst der chinesischen AKW-Lobby zu stellen? Diese Frage müsste das eidgenössische Parlament einmal klären und die entsprechenden forschungspolitischen Konsequenzen ziehen.

Euratom-Subventionen morgen Mittwoch im Nationalrat

Die Atomforschung der PSI-Abteilung NES wird direkt und indirekt aus der Bundeskasse finanziert. Direkt über die jährlichen Zahlungen des Bundes an das PSI in der Höhe von rund 300 Millionen Franken, wovon die Abteilung NES elf Prozent oder 33 Millionen erhält, und indirekt über die Bundesbeiträge an das europäische Atomprogramm Euratom, die im Bereich der Kernspaltung hauptsächlich ans PSI zurückfliessen.

Die Schweizer Euratom-Subventionen sind Teil des Horizon-Pakets 2021 – 2027, das morgen Mittwoch im Nationalrat diskutiert wird. Laut der Botschaft des Bundesrats soll die Schweiz das Programm in den nächsten sieben Jahren mit rund 410 Millionen Franken aus der Bundeskasse subventionieren. Der Ständerat hat dem Paket bereits zugestimmt. Opposition kommt von der SP, welche kürzlich mit einer Motion vom Bundesrat fordert, einen Ausstiegsplan aus dem Euratom-Programm vorzulegen.


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Beirat (bis Januar 2012), Geschäftsleiter (bis 1996) und Redaktor (bis 2003) der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES).

Zum Infosperber-Dossier:

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

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Hochschulen zwischen Geist und Geld

ETH, Universitäten und Hochschulen lassen sich Lehrstühle, Institute und Forschung von Privaten mitfinanzieren.

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