Chefredaktor Markus Spillmann vom NZZ-VR gefeuert © NZZ

Chefredaktor Markus Spillmann vom NZZ-VR gefeuert

NZZ-Chefredaktor gefeuert – es verheisst Übles

Christian Müller / 09. Dez 2014 - Die NZZ vermeldet den Rücktritt von Markus Spillmann. Die ehrliche Version heisst: Sie hat ihren Chefredaktor entlassen.

Das ist der Anfang vom Ende, ist man geneigt zu sagen, wenn man die Horror-Nachricht von der Zürcher Falkenstrasse liest: «Ein Konsens (zwischen Verwaltungsrat und Markus Spillmann) konnte nicht gefunden werden, weshalb man sich nun darauf geeinigt hat, dass Markus Spillmann per Ende Jahr von seinen Funktionen zurücktritt.» Das ist die schöngeschriebene Version der Realität: der Verwaltungsrat hat Spillmann entlassen.

Eine Überraschung?

Zur Zeit haben alle Verlagshäuser wirtschaftliche Probleme, nicht nur in der Schweiz. Die Werbeeinnahmen, von denen die Tageszeitungen in der Vergangenheit zu zwei Dritteln gelebt haben, sind in hohem Ausmasse weggebrochen, die Abo-Auflagen sind generell fallend, die Online-Ausgaben bringen (noch) zu wenig Geld. Es wird gespart an allen Ecken und Enden, aber die Sparmöglichkeiten sind begrenzt. Guter Journalismus ist aufwändig und kann nicht durch Automaten kostengünstiger gemacht werden. Es ist deshalb keine Überraschung, wenn da und dort Manager von Verlagshäusern gefeuert werden, weil die Zahlen nicht mehr stimmen.

Was aber, wenn der Chefredaktor gefeuert wird? Dann gibt es nur drei mögliche Ursachen:

a) Die Auflage sinkt und man glaubt zu wissen, dass dafür der Chefredaktor verantwortlich ist.

b) Der Chefredaktor vertritt eine politische Linie, die von den Eigentümern, bei der NZZ also vom Verwaltungsrat, nicht (mehr) goutiert wird.

c) Der Chefredaktor wehrt sich gegen zu massive Sparmassnahmen im publizistischen Bereich, weil er die journalistische Qualität hochhalten will.

Welche Variante trifft nun aber bei der NZZ zu?

Die Variante a) kann man abhaken. Auch die Auflage der NZZ ist zwar rückläufig, aber nicht überproportional im Vergleich mit anderen Schweizer Tageszeitungen.

Die Variante b) kommt schon eher in Frage. Wenn, wie das seit Tagen umgehende Branchengerücht es besagt, tatsächlich der heutige Chefredaktor der Basler Zeitung, Markus Somm, Spillmanns Nachfolger werden sollte, wäre das der untrügliche Beweis für diese Variante. Markus Somm ist ein bekennender Blocher-Anbeter und ist daran, mit seiner jetzigen Zeitung die tendenziell linksliberal wählende Stadt Basel in Richtung rechtsaussen umzutrimmen, koste es, was es wolle.

Denkbar und wahrscheinlich ist aber vor allem die Variante c). Ein echter Journalist und verantwortungsvoller Chefredaktor wehrt sich gegen die Ausdünnung der journalistischen Leistung seines Blattes und ist nicht bereit, dem Profit des Unternehmens zuliebe auf beliebig viele Mitarbeitende im journalistischen Bereich zu verzichten. Vor allem dann nicht, wenn er seinen eigenen Job angetreten hat mit dem Auftrag, eine gute Zeitung zu machen. (Anders natürlich war es beim TagesAnzeiger, als Peter Hartmeier Chefredaktor wurde mit genau dem Auftrag, die Redaktionskosten um einen Drittel zu senken. Für diese Drecksarbeit wurde er ja dann auch belohnt: man hat ihn der UBS als Informationschef weitergereicht...)

Die Indizien lassen Schlimmes befürchten

Dass nach Matthias Saxers zu frühem Tod René Zeller Leiter des NZZ- Ressorts Inland wurde, hat nichts Gutes verheissen. Gefragt war offensichtlich wieder ein gehorsamer FDP-Mann. Dass nach dem zu frühen Abgang von Martin Woker als Leiter des Ressorts International Eric Gujer als Ressortleiter folgte, war ein weiterer Hinweis darauf, dass ein Kurswechsel nach rechts bevorstand – der im Bereich International, man sehe etwa die Berichterstattung zu Israel, jetzt auch sichtbar wird. Und dass man vor Wochenfrist beschlossen und bekanntgegeben hat, die eigene Zeitungsdruckerei zu schliessen, ist ein Hinweis darauf, dass der Glaube an die Tageszeitung auf der Führungsetage nicht mehr wirklich stabil ist. Das zu erwartende finanzielle Resultat des Unternehmens am Ende des Jahres scheint die publizistischen Ziele des Verlagshauses zusehends in den Hintergrund zu verdrängen.

Das alles sind keine guten Nachrichten. Ob nun Variante b) oder c) oder eine Mischung aus den beiden zutrifft: die Aussicht, auch in zwei Jahren noch eine lesenswerte NZZ im Briefkasten zu haben, ist kaum mehr realistisch. Dass einzelne NZZ-Journalisten, trotz all den unerfreulichen Entscheidungen in den oberen Etagen, immer noch eine hervorragende Arbeit leisten, sei hier ausdrücklich nicht in Abrede gestellt.

Kleiner Nachtrag vom 10. Dezember 2014:

In der heutigen Ausgabe der NZZ wird nicht nur wiederholt, was gestern Seitens NZZ bereits gesagt worden ist. Es steht auch ein ellenlanges Curriculum Vitae von Markus Spillmann im Blatt. Rhetorische Frage: Will man einen Mann wirklich im Unternehmen behalten, dem man bei seiner «Rücktritts»-Erklärung einen solchen vorzeitigen Nekrolog nachwirft? (Siehe unten unter «Weiterführende Informationen»)

(cm)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Die NZZ rückt sichtbar nach rechts (auf Infosperber)
NZZ-International geht auf Stabilitätskurs (auf Infosperber)
Kriegstreiberei in der NZZ (auf Infosperber)
NZZ holt Menschenrechte-Polemiker von der Weltwoche (auf Infosperber)
Die NZZ verliert juristisches Gewissen (auf Infosperber)
Der Fall UBS/ETH ist auch ein Fall NZZ (auf Infosperber)
Die Originalmeldung in der NZZ
Das "Echo der Zeit" zur Entlassung von Markus Spillmann
Makus Spillmann CV

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2 Meinungen

"Ruhe und Ordnung in der Schweiz» ist der Titel eines Buches von René Zeller. Dann doch lieber Markus Somm, der wenigstens zu seinen SVP-Positionen steht.
Jan Muschg, am 09. Dezember 2014 um 19:07 Uhr
In der NZZ wurde das Coming-Out des Konzernchefs von Apple als Machtmissbrauch bezeichnet. Markus Spillmann ist diesem absurden Vorwurf entgegengetreten und hat festgehalten: «Die Publikation war ein Fehler, genauso wie der
Text ein Fehlgriff ist.» (www.nzz.ch/meinung/reflexe/-1.18415219)

Sechs Wochen später wird Spillmann von Jornod gefeuert. Jornod hat an der gleichen Uni studiert wie die schwulenfeindliche Autorin: an der HEC Lausanne.

Etienne Jornod hat an der HEC Lausanne studiert.
Jan Muschg, am 10. Dezember 2014 um 09:03 Uhr

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