Spillmann

Chefredaktor Markus Spillmann vom NZZ-VR gefeuert © NZZ

NZZ-Chefredaktor gefeuert – es verheisst Übles

Christian Müller /  Die NZZ vermeldet den Rücktritt von Markus Spillmann. Die ehrliche Version heisst: Sie hat ihren Chefredaktor entlassen.

Das ist der Anfang vom Ende, ist man geneigt zu sagen, wenn man die Horror-Nachricht von der Zürcher Falkenstrasse liest: «Ein Konsens (zwischen Verwaltungsrat und Markus Spillmann) konnte nicht gefunden werden, weshalb man sich nun darauf geeinigt hat, dass Markus Spillmann per Ende Jahr von seinen Funktionen zurücktritt.» Das ist die schöngeschriebene Version der Realität: der Verwaltungsrat hat Spillmann entlassen.

Eine Überraschung?

Zur Zeit haben alle Verlagshäuser wirtschaftliche Probleme, nicht nur in der Schweiz. Die Werbeeinnahmen, von denen die Tageszeitungen in der Vergangenheit zu zwei Dritteln gelebt haben, sind in hohem Ausmasse weggebrochen, die Abo-Auflagen sind generell fallend, die Online-Ausgaben bringen (noch) zu wenig Geld. Es wird gespart an allen Ecken und Enden, aber die Sparmöglichkeiten sind begrenzt. Guter Journalismus ist aufwändig und kann nicht durch Automaten kostengünstiger gemacht werden. Es ist deshalb keine Überraschung, wenn da und dort Manager von Verlagshäusern gefeuert werden, weil die Zahlen nicht mehr stimmen.

Was aber, wenn der Chefredaktor gefeuert wird? Dann gibt es nur drei mögliche Ursachen:

a) Die Auflage sinkt und man glaubt zu wissen, dass dafür der Chefredaktor verantwortlich ist.
b) Der Chefredaktor vertritt eine politische Linie, die von den Eigentümern, bei der NZZ also vom Verwaltungsrat, nicht (mehr) goutiert wird.
c) Der Chefredaktor wehrt sich gegen zu massive Sparmassnahmen im publizistischen Bereich, weil er die journalistische Qualität hochhalten will.

Welche Variante trifft nun aber bei der NZZ zu?

Die Variante a) kann man abhaken. Auch die Auflage der NZZ ist zwar rückläufig, aber nicht überproportional im Vergleich mit anderen Schweizer Tageszeitungen.

Die Variante b) kommt schon eher in Frage. Wenn, wie das seit Tagen umgehende Branchengerücht es besagt, tatsächlich der heutige Chefredaktor der Basler Zeitung, Markus Somm, Spillmanns Nachfolger werden sollte, wäre das der untrügliche Beweis für diese Variante. Markus Somm ist ein bekennender Blocher-Anbeter und ist daran, mit seiner jetzigen Zeitung die tendenziell linksliberal wählende Stadt Basel in Richtung rechtsaussen umzutrimmen, koste es, was es wolle.

Denkbar und wahrscheinlich ist aber vor allem die Variante c). Ein echter Journalist und verantwortungsvoller Chefredaktor wehrt sich gegen die Ausdünnung der journalistischen Leistung seines Blattes und ist nicht bereit, dem Profit des Unternehmens zuliebe auf beliebig viele Mitarbeitende im journalistischen Bereich zu verzichten. Vor allem dann nicht, wenn er seinen eigenen Job angetreten hat mit dem Auftrag, eine gute Zeitung zu machen. (Anders natürlich war es beim TagesAnzeiger, als Peter Hartmeier Chefredaktor wurde mit genau dem Auftrag, die Redaktionskosten um einen Drittel zu senken. Für diese Drecksarbeit wurde er ja dann auch belohnt: man hat ihn der UBS als Informationschef weitergereicht…)

Die Indizien lassen Schlimmes befürchten

Dass nach Matthias Saxers zu frühem Tod René Zeller Leiter des NZZ- Ressorts Inland wurde, hat nichts Gutes verheissen. Gefragt war offensichtlich wieder ein gehorsamer FDP-Mann. Dass nach dem zu frühen Abgang von Martin Woker als Leiter des Ressorts International Eric Gujer als Ressortleiter folgte, war ein weiterer Hinweis darauf, dass ein Kurswechsel nach rechts bevorstand – der im Bereich International, man sehe etwa die Berichterstattung zu Israel, jetzt auch sichtbar wird. Und dass man vor Wochenfrist beschlossen und bekanntgegeben hat, die eigene Zeitungsdruckerei zu schliessen, ist ein Hinweis darauf, dass der Glaube an die Tageszeitung auf der Führungsetage nicht mehr wirklich stabil ist. Das zu erwartende finanzielle Resultat des Unternehmens am Ende des Jahres scheint die publizistischen Ziele des Verlagshauses zusehends in den Hintergrund zu verdrängen.

Das alles sind keine guten Nachrichten. Ob nun Variante b) oder c) oder eine Mischung aus den beiden zutrifft: die Aussicht, auch in zwei Jahren noch eine lesenswerte NZZ im Briefkasten zu haben, ist kaum mehr realistisch. Dass einzelne NZZ-Journalisten, trotz all den unerfreulichen Entscheidungen in den oberen Etagen, immer noch eine hervorragende Arbeit leisten, sei hier ausdrücklich nicht in Abrede gestellt.

Kleiner Nachtrag vom 10. Dezember 2014:

In der heutigen Ausgabe der NZZ wird nicht nur wiederholt, was gestern Seitens NZZ bereits gesagt worden ist. Es steht auch ein ellenlanges Curriculum Vitae von Markus Spillmann im Blatt. Rhetorische Frage: Will man einen Mann wirklich im Unternehmen behalten, dem man bei seiner «Rücktritts»-Erklärung einen solchen vorzeitigen Nekrolog nachwirft? (Siehe unten unter «Weiterführende Informationen»)
(cm)


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Keine

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5 Meinungen

  • am 9.12.2014 um 19:07 Uhr
    Permalink

    "Ruhe und Ordnung in der Schweiz» ist der Titel eines Buches von René Zeller. Dann doch lieber Markus Somm, der wenigstens zu seinen SVP-Positionen steht.

    0
  • am 10.12.2014 um 08:21 Uhr
    Permalink

    Sehr interessante Analyse. Wenn es um Szenario B geht, also die politische Ausrichtung, dann garantiert nicht in der Innenpolitik, sondern in der Aussen- bzw. Geopolitik. Die NZZ ist hier in den vergangenen Monaten teilweise aggressiver aufgetreten als das NATO Review Magazine (http://www.nato.int/docu/review/index_EN.htm). Das hat der NZZ vor allem online enorme Kritik eingebracht (teilweise wurde die Kommentarfunktion aus Angst gar nicht mehr geöffnet) und garantiert Leser bzw. Abonnenten gekostet.

    Neben dem Nachfolger des Chefredakteurs wird deshalb vor allem die Zukunft von Aussenpolitik-Chef Eric Gujer interessant sein, den Spillmann im Juli 2013 geholt hat, drei Monate nachdem Konrad Hummler aus dem VR ausschied, u.a. um seine «publizistische Unabhängigkeit» sicherzustellen (Gujer musste vom VR bestätigt werden). Eric Gujer hat bekanntlich ein Buch geschrieben zusammen mit dem ehemaligen Executive Director des Project for a New American Century. Und Konrad Hummler hat mit dem Amerikanischen Jahrhundert bislang nicht so gute Erfahrungen gemacht.

    Es ist aber auch möglich, dass es nicht um redaktionelle, sondern um publizistische Fragen geht, also Szenario C. Jedoch will gerade die NZZ den Fokus auf «hochwertige Publizistik» legen (vgl. den Kommentar von E. Jornod vom September: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/fokussierung-auf-hochwertige-publizistik-1.18378064). Warum sollte Spillmann das nicht gewollt haben?

    0
  • am 10.12.2014 um 08:34 Uhr
    Permalink

    2/2 Die Schliessung des Druckzentrums ist ja nicht primär eine publizistische Frage, sondern eher eine betriebliche/logistische.

    Zudem wollte/will der NZZ VR publizistisch stärker ins «deutschsprachige Europa» expandieren (siehe Kommentar Jornod). Da gibt es natürlich viel Raum für strategische Meinungsverschiedenheiten zwischen VR und Spillmann. Zumal diese Strategie ohnehin zum Scheitern verurteilt ist, wenn man sich etwa die Auflagenzahl von deutschen Hardcore-Transatlantik-Blättern wie der FAZ anschaut, die sich seit 2013 nahezu im freien Fall befindet (http://meedia.de/datacenter/analyzer/meedia-data/print-01827/).

    Ich glaube daher eher an eine Kombination aus Szenario A & B, oder an strategische Entscheidungen im publizistischen Bereich, aber eigentlich nicht bezüglich Einsparungen.

    0
  • am 10.12.2014 um 09:03 Uhr
    Permalink

    In der NZZ wurde das Coming-Out des Konzernchefs von Apple als Machtmissbrauch bezeichnet. Markus Spillmann ist diesem absurden Vorwurf entgegengetreten und hat festgehalten: «Die Publikation war ein Fehler, genauso wie der
    Text ein Fehlgriff ist.» (www.nzz.ch/meinung/reflexe/-1.18415219)

    Sechs Wochen später wird Spillmann von Jornod gefeuert. Jornod hat an der gleichen Uni studiert wie die schwulenfeindliche Autorin: an der HEC Lausanne.

    Etienne Jornod hat an der HEC Lausanne studiert.

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  • am 10.12.2014 um 11:32 Uhr
    Permalink

    @Muschg: Ja, aber Frau Henkel studierte dort 15 Jahre später… Im Uebrigen würde sich Jornod mit einem solchen Move (das wäre dann wirklich «Machtmissbrauch") eher selbst abservieren. Da stecken ernsthaftere Dinge dahinter.

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