Der (schiefe) Hitler-Putin-Vergleich boomt: hier "The Sunday Times"

Kriegstreiberei in der NZZ

Christian Müller / 25. Apr 2014 - Alt-NZZ-Redaktor Jürg Dedial empfiehlt der NZZ, den «Pfad einer insgesamt ausgewogenen Berichterstattung» zu verlassen.

Eine volle Seite wurde dem Thema gewidmet: Putin folge, so stand da geschrieben, seinem «braunen Lehrmeister» Hitler. Die Annexion der Krim durch Russland sei eine perfekte Parallele zu Hitlers Vorgehen gegenüber der Tschechoslowakei 1938/39. Und damals wie heute sei die Haltung des Westens «feige» (siehe NZZ vom 22.4.2014).

Man mag diesen Vergleich passend oder eher unpassend beurteilen, schon Hillary Clinton hat ihn gemacht und auch Wolfgang Schäuble (der Autor dieser Zeilen, seines Zeichens promovierter Historiker, kann dem Vergleich wenig abgewinnen; siehe unten das PS). Interessant auf dieser ganzen NZZ-Seite sind aber die Schlussfolgerungen unter dem Artikel, die dessen Autor, alt-NZZ-Redaktor Jürg Dedial, zu ziehen wagt, und eine danebenstehende – sogenannt kontextuelle – Box, in der an die Kommentierung der NZZ in den Jahren 1938/39 erinnert wird.

Zuerst also Dedials Schlussfolgerung. Wörtlich heisst es da: «Wenn es eine Lehre aus der Katastrophe von 1938 und dem Scheitern der damaligen Vermittler Chamberlain und Daladier gibt, dann jene, dass es gegenüber den Anmassungen von Despoten und Kriegstreibern nichts zu vermitteln gibt. Das Völkerrecht ist nicht verhandelbar, Rechtsstaatlichkeit und freiheitliche Demokratie dulden keine Konzessionen. Man fragt sich deshalb, was die OSZE unter ihrem Schweizer Vorsitz angesichts des flagranten Bruchs ihrer Satzungen durch das OSZE-Mitglied Russland bei dem Kremlchef noch vermitteln will. Nur eine kompromisslose Haltung wird längerfristig wirksam sein und den Frieden garantieren. Wenn diese Frage aber beiseitegeschoben würde, hätte die Geschichte wirklich ihren Sinn verloren.» (Auszeichnungen durch cm)

In der Box daneben stehen, vom gleichen Autor, am Schluss die folgenden Sätze: «In den letzten Monaten vor Hitlers Überfall auf Polen Anfang September 1939, welcher den Zweiten Weltkrieg auslöste, verliess die NZZ mit viel Mut den Pfad einer insgesamt ausgewogenen Berichterstattung. Sie hatte erkennen müssen, dass sie im Schatten Hitlerdeutschlands kein Forum internationalen Dialogs mehr bieten konnte. Für eine falsch verstandene Neutralität war, wie der spätere Chefredaktor Fred Luchsinger in einem Rückblick festhielt, in der Zeitung kein Platz mehr.» (Auszeichnungen durch cm)

Und was ergibt die Kombination aus diesen zwei nebeneinanderstehenden Aussagen?

Erstens: Putin folgt seinem braunen Lehrmeister, er geht genau gleich vor wie damals Hitler. Darum gibt es nichts zu vermitteln, es gibt nur die «kompromisslose Haltung». Das kann man, mit Verlaub, nur so verstehen: sofort eingreifen und schiessen.

Zweitens: Die NZZ hat damals «mit Mut den Pfad einer insgesamt ausgewogenen Berichterstattung» verlassen. Für «Neutralität» war da «kein Platz mehr».

Das Fazit daraus kann nur dieses sein: Auch jetzt ist es Zeit, dass die NZZ von einer «insgesamt ausgewogenen Berichterstattung» abrückt.

Wollen wir das?

Der NZZ-Leser und -Abonnent muss zweimal leer schlucken. Will er eine Zeitung, in der die Journalisten nicht mehr versuchen, möglichst objektiv zu berichten und unter Abwägung der unterschiedlichen Positionen möglichst sachlich zu kommentieren, sondern «mit Mut diesen Pfad verlassen» – sprich: nur noch gegen Russland hetzen?

Die NZZ-Auslandredaktion scheint diesem Ratschlag zugetan zu sein, sonst hätte sie ihn nicht abdrucken müssen. Ob auch die Chefredaktion und der richtunggebende VR der NZZ das so sehen?

PS:

Die Aussage, nur Putin sei der Kriegstreiber, dies sei hier immerhin beigefügt, ist schlicht falsch. Nicht zuletzt die USA haben im Vorfeld der aktuellen Krise massiv provoziert, erlaubte sich doch selbst der republikanische US-Senator und ehemalige Präsidentschaftskandidat McCain auf die Rednerbühne der Demonstranten in Kiev zu gehen und gegen die (tendenziell russlandfreundliche, aber demokratisch gewählte) Regierung zu hetzen. Und die neuen, per Putsch und nicht demokratisch legitimiert an die Macht gekommenen Führungsleute wussten nichts Gescheiteres, als schon in den ersten Tagen der russischen Sprache den Status als regionale zweite ukrainische Amtssprache zu entziehen – und dies bei 30 bis 50, auf der Krim sogar über 80 Prozent russischsprechenden Staatsbürgern. Dass der Staatspräsident das neue Gesetz dann nicht unterzeichnete, kann die Provokation des Vorgehens nicht ungeschehen machen. Auch dass in der neuen Regierung und Verwaltung an zentralen Stellen erklärte Faschisten sitzen, interessiert Jürg Dedial nicht. Und zu erwähnen, dass auch die USA in den letzten Jahren wiederholt gegen das Völkerrecht verstossen haben (Intervention in Serbien, Angriff auf Irak, u. v. a.), findet Dedial schon gar nicht für nötig. Seine Einäugigkeit erlaubt ihm nur, einen Bösewicht zu erkennen, und das kann, wen wundert’s, nur Putin sein. – Dedials Analyse ist ein ziemlich übler Vorgeschmack dessen, was uns erwartet, wenn die NZZ «mit Mut den Pfad der ausgewogenen Berichterstattung» verlässt.

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Siehe

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Die NZZ rückt sichtbar nach rechts (auf Infosperber)
Die NZZ geht auf Stabilitätskurs (auf Infosperber)
McCain in der Ukraine (auf Infosperber)
Riskante Koalition in der Ukraine (auf Infosperber)
Zur Doppelmoral des Westens (auf Infosperber)

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8 Meinungen

Dieser vorzügliche Beitrag von Christian Müller hätte es verdient und würde es verdienen, in einem Printmedium von Bedeutung, wenn es das noch gibt, als Leitartikel platziert zu werden.

Die Bedeutung der NZZ hat jedoch im Vergleich zur Zeit des 2. Weltkrieges und zumal zur Zeit des Kalten Krieges massiv abgenommen. Im Bären Reinach, dem Stammlokal des derzeitigen FDP-Präsidenten, bin ich fast der einzige, der das sogenannte Weltblatt noch liest. Der mutmasslich künftige Ständerat des Kantons Aargau liest primär den «Blick", erfährt damit meines Erachtens das für ihn Wichtige durchaus. An der Kantonsschule, wo ich 33 Jahre lang unterrichtete, wurde die NZZ praktisch nur von Lehrpersonen, aber fast so gut wie nie von Schülerinnen und Schülern gelesen. Letzterers ist indessen kein politischer, sondern ein bildungshistorischer Befund. 1967 beim Sechstagekrieg Israels gegen seine Nachbarn und 1968, bei der Besetzung der Tschechoslowakei, las ich, wie gewiss auch Christian Müller oder NZZ-Kritiker Max Frisch, diese Zeitung mit massgebendem Orientierungswert drei mal täglich. Von einem vergleichbaren Orientierungswert kann heute nicht mehr gesprochen werden.

Pressehistorisch interessant ist die Funktion der NZZ als Hetzblatt. Vordergründig scheinen Blick, Weltwoche und Tagesanzeiger hier Vorrang zu geniessen, aber wirklich fertig gemacht ist man erst , wenn die NZZ einen, wie Heinrich Federer (1902), Konrad Farner (1956) und Niklaus Meienberg (1993) in die Pfanne gehauen hat.
Pirmin Meier, am 25. April 2014 um 12:21 Uhr
Wie fiktiv die Objektivität von Qualitätsjournalismus manchmal sein kann, zeigt die folgende Analyse:
http://www.andreasmaurer.ch/index.php?page=die-gleichmacher--innen
Alexandra Heeb, am 25. April 2014 um 20:25 Uhr
Wie der Westen hier mit billigster Propaganda, die wohl jeder normal denkende Mensch schnell entlarven sollte, aufwartet und mit altbekannter Manipulation aufwartet, ist schon bezeichnend. Krieg ist eben neben geostrategischem Machtgewinn auch bestes Konjunkturwerkzeug (der verschuldete Westen hats nötig).

Zum oben aufgeführen Propagandaplakat der Sunday Times gibt es zu sagen, daß nicht nur Nationalisten sich gegen das Versailler Diktat wandten, sondern die gesamte Gesellschaft jedweder couleur und von links bis rechts.
Magnus Kern, am 26. April 2014 um 10:29 Uhr
@Kern. Es kommen da sehr viele sehr lange nicht mehr geführte Diskussionen zum Vorschein. Vorsicht trotzdem. Eine US-kritische Sicht der Dinge führt leicht dazu, im einen Auge den Splitter zu sehen, im anderen aber den Balken nicht mehr. Die nüchternen Diskussionen finden auf geostrategischer Ebene statt. Ich glaube, dass dort Verständnis möglich ist für Putin, Iran, China usw. - das aber bitte nicht mit innenpolitischen Persilscheinen verwechseln.
Pirmin Meier, am 26. April 2014 um 11:39 Uhr
Es ist schon richtig, an die nationalistischen Provokationen seitens der neuen Führung in der Ukraine zu erinnern. Auch die Propagandabesuche Mc Cains und zu vieler Prominenz aus Westeuropa bei den Kiewer Platzbesetzungen waren naiv oder bewusst provokant. Dennoch: Völkerrechtsverletzungen, wie sie Putins Regime systematisch betreibt, sind effektiv nicht verhandelbar. Dagegen braucht es taugliche Antworten (OSZE, UNO) und eine klare Sprache gegen über allen Nationalisten in Ost und West. Notabene auch in der Schweiz gegenüber Blocher, der seit Jahren Völkerrecht und Menschenrechte infragestellt. Nicht erstaunlich deshalb, wie Putin und neuerdings auch Nationalisten im Iran (!) bei der SVP auf viel «Verständnis» stossen.
Rolf Zimmermann, am 26. April 2014 um 11:51 Uhr
Bei R.Z.s Feindbildbekenntnissen fehlen elementarste Zusammenhänge. Die geostrategischen Interessen des Iran, von Russland und China sind das eine; die menschenrechtliche Lage in den betreffenden Ländern das andere.

Dass die durch einen Willkürakt an die Ukraine verschenkte Krim zu Russland zurückkam ist nicht illegitimer als die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten oder von Kosovo, und nicht Blocher, sondern Obama liess 2 Millionen Mexikaner ohne Diskussion ausschaffen; auch das Problem Bin Laden hat er effizienter gelöst als wir in der Schweiz den Justizstaat füttern, wo ein Peruaner, der seine Frau geköpft hat, die Schweiz erfolgreich beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagen kann. Die Tötung Bin Ladens war indes wohl mindestens so legitim wie die diskussionslose Ausschaffung von Millionen mexikanischer Migranten mit Weihwasser von einem Friedensnobelpreisträger.

Wir leben in einem Land, wo der zwar begabte Verfasser eines literarischen Werkes mit dem Titel «Der Babyficker» den vom Bund gesponserten Schweiz. Literaturpreis bekommt und wundern uns, warum das Volk am 18. Mai wieder mal «falsch stimmen» wird.

Russland und Amerika würden weder ausländischem Frauenköpfer unentgeltlichen Rechtsbeistand leisten noch mit Literaturpreis für «Babyficker"-Autor das Volk für Pädophileninitiative motivieren. Wenn «Menschenrechte» dazu führen, dass Kriminelle monatlich bis Fr. 53 000.- kosten, dürfen Bürger/innen an der Urne mal auf den Tisch hauen!
Pirmin Meier, am 26. April 2014 um 13:18 Uhr
Herrn Putin mit Hitler zu vergleichen ist absolut daneben. Doch die Zeitung will halt «Verkaufszahlen", ihr geht es nur darum. Solange Wirtschaft und Politik nicht getrennt werden, solange werden sich viele Missstände immer wieder widerholen. Auch in der Schweiz. Herr Putin will sich die Ukraine nicht wegnehmen lassen von der EU, welche lediglich auf die erschlossenen Rohstoffe der Ukraine scharf ist. Die EU als Knecht der Bank oft united Kingdom, Mutterhaus von Rockefeller und Rothschild, Freunde der Wallstreet, wittern das grosse Geld. Erschlossen wurden die Rohstoffquellen der Ukraine mit dem Geld der Sowjetunion, abkassieren wollen jetzt die Unfriedens-Stifter der Hochfinanz welchen der Euro und der Dollar gehört. Mit dem Militär der USA im Rücken. Ein Krieg wäre finanziell ein Segen für die Hochfinanz, dazu noch ein Gewinn an Macht. Zum Glück sind wir nicht in der EU. Lieber Putin vor der Türe als Sklave der Plutokraten Bank oft united Kingdom zu sein.
Beatus Gubler, am 26. April 2014 um 16:06 Uhr
Von wegen «Kriegstreiberei":
http://www.counterpunch.org/2014/04/25/unite-against-imperialism/
Andreas Mathys, am 27. April 2014 um 14:23 Uhr

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