Zwei Titel, zwei Zeitungen, doch im Inhalt Einheitsbrei. © Infosperber mr

Zwei Titel, zwei Zeitungen, doch im Inhalt Einheitsbrei.

Irreführende und verschleiernde Quellenangaben bei Tamedia

Monique Ryser / 01. Feb 2020 - Dem Tamedia-Verlag ist es offensichtlich peinlich, der Leserschaft den verbreiteten Einheitsbrei transparent zu machen.

Elf Zeitungen des Zürcher Tamedia-Verlags verbreiten auf ihren Inland-, Ausland- und Wirtschaftsseiten identische Artikel. Das wird jedoch der Leserschaft der einzelnen Zeitungen vernebelt, indem es in den Artikeln jeweils heisst, Zitate seien «gegenüber dieser Zeitung» gemacht worden. Tamedia verweist auf das Kleingedruckte im Impressum.

Christoph Schütz stört sich daran. Er hat an der Universität Freiburg Medienwissenschaften studiert und ist ein treuer Leser der Freiburger Nachrichten FN. Die FN sind zwar ein eigener, lokaler Verlag, beziehen aber die Inhalte für Inland, Ausland und Wirtschaft, dem sogenannten Mantelteil, ebenfalls von Tamedia. Schütz ist aufgefallen, dass die FN in Interviews behauptet, die Aussagen seien «gegenüber dieser Zeitung» gemacht worden, also gegenüber seinem Leibblatt. «Da der Mantelteil vom Tages-Anzeiger in Zürich angeliefert wird, sollte es korrekterweise heissen, dass die entsprechenden Artikel mit Auskünften gegenüber dem Tages-Anzeiger entstanden sind», meinte Schütz gegenüber Infosperber.

Beschwerde beim Presserat

Er hält die Praxis seiner Zeitung für eine Irreführung und hat deshalb beim Schweizerischen Presserat eine Beschwerde eingereicht. Darin schreibt er wörtlich: «Unter der Prämisse, dass unter dieser Zeitung jene verstanden wird, wie sich diese im Titel und in ihrem Impressum präsentiert, sind diese Verweise faktisch falsch, führen die Leserschaft in die Irre und sollten im Interesse der betroffenen Regionalzeitungen unterbunden werden.»

Die Beschwerde moniert eine Verletzung von Ziffer 1 der Pflichten der Journalistinnen und Journalisten, welche die Wahrheitssuche stipuliert und unter anderem mangelnde Präzision und wahrheitswidrige Verkürzung untersagt. «Dies sollte auch gelten für Hinweise in Artikeln, wer welche Recherchearbeit geleistet hat, wem beweislastige Dokumente vorliegen und mit Journalisten welcher Redaktion eine Auskunftsperson tatsächlich gesprochen hat», heisst es in der Beschwerde. Mit der Formulierung «gegenüber dieser Zeitung» würde Etikettenschwindel betrieben, der zu einem weiteren Verlust der Glaubwürdigkeit der Medien – insbesondere der Regionalmedien – führe.

Als eines der zahlreichen Beispiele führt der Beschwerdeführer einen Artikel über Vorgänge im Bistum Freiburg an, auf den sich ein Leser der Freiburger Nachrichten mit einem Leserbrief gemeldet hat. «Wie reimt sich das mit der journalistischen FN-Ethik? (…)», schreibt der Leser und nimmt damit «seine» Zeitung in die Pflicht.

«Ein pragmatischer Ansatz»

FN-Chefredaktor Christoph Nussbaumer nimmt zur Beschwerde wie folgt Stellung: «Bei der besagten Formulierung [«gegenüber dieser Zeitung», die Red.] handelt es sich um einen pragmatischen Ansatz bei der Verwendung von journalistischen Standardformeln, wenn eine Mantelredaktion verschiedene Titel beliefert.» Die von Tamedia gelieferten Inhalte würden «jederzeit und in allen Belangen die Qualitätsstandards des professionellen Journalismus» erfüllen. Die Leserschaft könne mit einem Blick ins FN-Impressum unschwer erkennen, dass die Autoren/-innen der Berichte im Mantelteil nicht der Lokalredaktion angehören.»

Chefredaktoren antworten via Tamedia

Für die einzeln angeschriebenen Chefredaktoren der Tamedia-Titel, vom Berner Oberländer über die Basler Zeitung bis zum Sihltaler, antwortet Arthur Rutishauser, Chefredaktor Redaktion Tamedia und SonntagsZeitung*. Er erklärt, dass die Journalisten der betroffenen Artikel «für alle angeschlossenen Medientitel arbeiten» und «von allen nach einem gemeinsamen Schlüssel bezahlt» würden. Auf die Frage, ob die Interviewten oder Informationsgeber immer darauf hingewiesen würden, wo überall die entsprechenden Artikel veröffentlicht würden, schreibt er: «Selbstverständlich.»

In der Beschwerde an den Presserat wird auch die Zusammenarbeit des Tages-Anzeigers mit der Süddeutschen Zeitung erwähnt, die ebenfalls nicht transparent kommuniziert werde. Und hier kommt dann von Seiten Tamedia nochmals eine andere Erklärung ins Spiel. Die Quelle «Süddeutsche Zeitung» müsse in den Artikeln, welche die Tamedia-Zeitungen übernehmen, nicht genannt werden. Begründung: «Die Zitate werden gegenüber dem Journalisten geäussert, der den Artikel zeichnet und dieser wiederum ist direkt oder indirekt bezahlt von den Tamedia-Zeitungen.» Warum die Zeitungen nicht schreiben «gegenüber dem Autor» anstatt irreführend «gegenüber dieser Zeitung», bleibt ein Geheimnis des Tamedia-Konzerns.

Nur wenige berichten für ganz viele

Christoph Schütz hat eine Erklärung dafür, warum nicht transparent informiert wird: «Sonst würde den Leserinnen und Lesern ja fast täglich klar, dass in der Schweiz die Tamedia-Mantelredaktion die halbe Schweiz beliefert.

Der zweite grosse Player im Markt der Regionalzeitungen, CH Media, löst die Zuordnung mit dem Beifügen von «CH Media» jeweils nach dem Namen der Autoren und Autorinnen. So wird ersichtlich, dass der betreffende Text von einer gemeinsamen Redaktion der CH Media-Gruppe verfasst wurde. Dabei wird allerdings den wenigsten Leserinnen und Lesern klar sein, wieviele Zeitungen zu CH Media gehören.

*Diese Passage wurde nachträglich geändert. Die Zitate wurden vorher irrtümlich der Mediensprecherin von Tamedia zugeordnet.

Fast alles aus einer Hand

Die vielbeschworene Pressevielfalt beschränkt sich bei Inland-, Wirtschafts- und Auslandthemen in den bezahlten Tageszeitungen auf die zwei grossen zentralen Redaktionen von Tamedia und CH Media.

Zu Tamedia, die neu als Tochter des Konzers TX Group firmiert, gehört der Tages-Anzeiger, der für die Mantelredaktion zuständig ist und damit folgende Regionalzeitungen beliefert:
Berner Zeitung,
Der Bund,
Basler Zeitung,
Der Landbote,
Berner Oberländer, ,
BZ Langenthaler Tagblatt, ,
Sihltaler,
Thalwiler Anzeiger,
Thuner Tagblatt,
Zürcher Unterländer (Neues Bücher Tagblatt),
Zürichsee Zeitung,
und in der Westschweiz
lematin.ch,
Le Matin Dimanche,
24heures
Tribune de Genève

Die zweite grosse Gruppe ist CH Media, einem Zusammenschluss von AZ Medien und NZZ Regionalmedien. Die CH Media Mantelredaktion beliefert folgende Regionalzeitungen:
Aargauer Zeitung,
Appenzeller Zeitung,
Badener Tagblatt,
bz (Basellandschaftliche Zeitung),
Grenchner Tagblatt,
Limmattaler Zeitung,
Luzerner Zeitung,
Nidwaldner Zeitung,
Obwaldner Zeitung,
Oltner Tagblatt,
Solothurner Zeitung,
St.Galler Tagblatt,
Thurgauer Zeitung,
Toggenburger Tagblatt,
Urner Zeitung,
Werdenberger und Obertoggenburger,
Wiler Zeitung,
Zuger Zeitung.

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Keine

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6 Meinungen

Ich bin Abonnent des Tages-Anzeigers und mir ist die blöde Formulierung «in/gegenüber/durch/... diese(r) Zeitung» schon bei der ersten Verwendung aufgefallen. Als klarer Fall von marktwitschaftlichem Pragmatismus: nur so kann man ein und denselben Artikel in mehreren Zeitungen abdrucken, ohne die Leserschaft explizit anzulügen. Alternativ könnte man ja auch einen Code verwenden, den man für jede Zeitung vor dem Satz nach schnell mit dem korrekten Namen der Zeitung ersetzt. Das wäre dann definitiv ein No-Go.

Die Formulierung versaut zwar den Stil - aber bitte: dafür existiert «diese Zeitung» noch. Und der Autor des Artikels sollte in allen Zeitungen der selbe sein - und korrekt benannt, versteht sich.
Peter Oertel, am 01. Februar 2020 um 13:28 Uhr
Besonders störend ist die Zusammenarbeit des Tages-Anzeigers mit der Süddeutschen Zeitung, die nicht transparent kommuniziert wird. Wenn man die pro-Nato Haltung der SZ kennt, kann man nur den Kopf schütteln, dass der Tagi damit seinen Ruf von unabhängiger Berichterstattung zerstört.
Pedro Reiser, am 01. Februar 2020 um 15:47 Uhr
Die Medien lügen nicht offensichtlich. Viel schlimmer ist, sie bringen nur die halbe Wahrheit, sie vertuschen und verheimlichen.
Paul Stolzer, am 02. Februar 2020 um 00:03 Uhr
Das ist doch eine seit Jahrzehnten geübte Praxis in allen Zeitungen mit Kopfblättern. Jetzt ist der Kreis der betroffenen Titel einfach grösser geworden. Ich sehe das Problem nicht. Solange eine unabhängige Redaktion gut recherchierte Beiträge produziert, ist es mir doch egal, in wie vielen Titeln diese erscheinen. Die Hauptsache ist doch, dass es sie noch gibt.
Ueli Custer, am 02. Februar 2020 um 08:23 Uhr
Naja, wenn Sie zuerst NZZ und dann Tagi lesen, kommt es Ihnen auch so vor, als ob sie das meiste schon kennen.

Ziemlich schwach, dass das in diesem Artikel nicht analysiert wurde.
Klaus Marte, am 02. Februar 2020 um 23:45 Uhr
Es gibt kein Verlagshaus in der Schweiz das die Leserschaft mehr über den Tisch zieht als TAmedia. Der journalistische Niedergang begann als Coninx Chefredaktor Schlumpf auf Druck der Automobilimporteure feuerte weil der kritische Artikel über Autos zuliess. De Weck verpasste dem TA noch einige für die Leser interessante Neuerungen. Alle ChefredaktorenInnen unter Supino waren nur noch willige Befehlsempfänger. Als Abonnent des TA, der ZSZ, der SZ habe ich das «Vergnügen» einzelne Artikel 3mal lesen zu können. Kopfblätter dienen nur der Gewinnmaximierung und dem journalistischen Einheitsbrei. Als online-Leser der SZ kann ich Arikel mit Verspätung im TA lesen. Natürlich ohne genaue Quellenangabe. Gesponsorte Arikel im gleichen Layout wie dem Layout der Zeitung. Reiseartikel und Autoartikel geschrieben von JournalistenInnen des TA, bezahlt oder ermöglicht von Firmen, natürlich entsprechend wohlwollend geschrieben. Und immer wieder witzig wenn der «Verleger» Supino gebetsmühlenartig den Qualitätsjournalimus beschwört. Das tragische an der ganzen Sache, wenn JournalstenInnen des TA diese Politik kritisieren wird ihnen ein Maulkorb verpasst. Anmerkung zur Fairness: Abopreise werden bei Mehrfachabonnenten um 25% reduziert! Aber erst auf Intervention!
Victor Brunner, am 08. Februar 2020 um 17:03 Uhr

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