Sperberauge
Die Weltwoche-Publizistik hat Methode
Oft haut Chefredaktor und Verleger Köppel Gegenthesen selbst in die Tasten. Kürzlich hat er seinem Medien-Kolumnisten diese Rolle überlassen. Kurt W. Zimmermann, kein Mann der leisen Töne, schlägt am 2. April gewohnt unbescheiden auf die Pauke. Erster Schlag: «Als einziger Journalist in Westeuropa erwarte ich, dass Viktor Orbán die Wahl in Ungarn gewinnt.» Zweiter Schlag: «Denn als einziger Journalist in Westeuropa kann ich rechnen.»

Dann rechnet er los. Er dividiert Wahlprognosen klein: «All die Journalisten, die sich mit ihren Wahlprognosen auf Umfragen stützen, haben indessen keine Ahnung vom ungarischen Wahlsystem». Er jongliert mit den ländlichen Direktmandaten, findet plötzlich Umfragen ganz ok, weil sie seine Rechnung bei den Listenwahlmandaten stützen, und dann folgt die Schluss-Addition: «Meine Rechnung ist damit klar: Viktor Orbán bleibt für vier weitere Jahre Ministerpräsident Ungarns.»
Und wenn es knapp nicht reichen würde, «hat Orbán zudem noch eine zusätzliche Lebensversicherung, um im Amt zu bleiben. Sie heisst Mi Hazank … Falls es für die Fidesz nicht für die alleinige Mehrheit in der Nationalversammlung reichen sollte, dann wird Folgendes passieren. Mi Hazank schliesst mit Viktor Orbán eine Koalition.»
Jetzt ist wieder die Pauke dran: «Ich bin damit der einzige Journalist aus Westeuropa, der bei den Wahlen in Ungarn einen Sieg von Viktor Orbán erwartet.»
Und weil er vielleicht selbst seinen eigenen Rechenkünsten nicht ganz traut, begründet er noch, weshalb gerade er viel von Ungarn versteht: «Ich habe mit meiner ungarischen Frau viele Jahre in Budapest gelebt. Ich bilde mir deshalb ein, ein bisschen etwas von Ungarn zu verstehen. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass die Ungarn gern mit dem Feuer spielen, doch wenn es dann ernst wird, schnell wieder zum Feuerlöscher greifen.»
Seit Sonntagabend wissen wir, die Ungarn haben in diesen Zeiten gar nichts mit dem Feuerlöscher am Hut. Sie zünden lieber Feuerwerke nach dem überwältigenden Wahlsieg von Peter Magyar. Der erreicht mit seiner Tisza sogar die wichtige Zweidrittelmehrheit.
Ungarn tanzt, während Kurt W. Zimmermann Prügel erwartet, die er selbst gerufen hat: «Wenn ich falschliege, dann erdulde ich alle Prügel, die ich zu Recht bekomme.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Ich finde, das ist überhaupt keine Publizistik, die die Weltwoche im Allgemeinen und Herr Köppel im Besonderen betreiben. Dieser «Töippeli» Journalismus ist durch und durch kindisch und das hat mit Information rein gar nichts zu tun. Ausserdem zeigt diese Art des «Arbeitens» eine grosse Faulheit denn nichts ist einfacher, als einen Standpunkt zu suchen und dann einfach das Gegenteil zu behaupten. Was besonders schlimm ist, ist die damit einhergehende Verniedlichung von Unterdrückung und Despotismus, z.B. wenn man verständnisvolle Worte findet für die Art, wie die Taliban mit den Frauen und den Kindern umgehen. Ich finde keine Worte dafür, wie sehr ich diese Art von «Journalismus» verachte!
Richtig. Mit einer Ausnahme: Zu Israel ist auch die Weltwoche ganz auf Linie. Interessant, nicht?
Was hätten sie geschrieben, wenn Herr Zimmermann^s Vorhersage eingetroffen wäre?
Erstaunlich ist, wie oft Köppel in den Medien kommentiert wird. Das macht ihn unverdientermassen grösser, als er ist. Mit seiner notorischen Anti-Mainstream-Haltung trägt er selber zur publizistischen Verzwergung der einst renommierten Weltwoche bei. Sie ist so leider irrelevant geworden.
Ja, leider haben Sie Recht. Auf manchen Friedhöfen, nicht nur in der Schweiz, rumpelt es bei den Gräbern derjenigen, die die Weltwoche seinerzeit erschaffen und geleitet haben: Karl von Schuhmacher, Manuel Gasser und als Journalisten Grössen wie z.B. Hans O. Staub und Heiner Gautschi, mit Ko-Autoren wie Thomas und Golo Mann, Hermann Hesse, Carl Zuckmayer, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch etc. Was das Schlimmste ist: Der Mensch Köppel (-«Herr» mag ich nicht sagen und «Journalist» auch nicht-) sieht sich in der Tradition dieser Grössen und stellt sich mit ihnen quasi auf eine Stufe. Heute ist die WW nur noch ein Sprachrohr der extrem Rechten, von Schwurblern und Impf-Gegnern und sie wird finanziell unterstützt von Kreisen, denen ganz offensitchich nicht gelegen ist an einer weltfoffenen Schweiz mit gebildeten Bürgerinnen und Bürgern.
Na ja, so einfach ist es nicht. Zwar ist Köppel ein klarer Vertreter des Kapitals und der israelischen Politik. Er dürfte es nicht leicht haben in diesen Tagen. Er ist aber auch ein fähiger, kreativer und höchst engagierter Journalist. Sein Blick auf Afghanistan war genial. Die moralisierende Besserwisserei der Mainstream-Presse intressiert nur deren Verleger. Als Besitzer der Weltwoche kann er sich, wie U.P. Gasche, eine eigene Meinung leisten. Auch kann Köppel sehr differenziert urteilen. So ist er in der Regel zu Recht sehr kritisch zu Bundesrat Cassis eingestellt. Er hat ihn aber gelobt, als er sich positiv zur Neutralität stellte. Zudem hat er immer ein Auge auf die Meinungsfreiheit, um die es in EU-Europa immer schlechter bestellt ist.