261026 Bund

Interview mit KPT-Chef Thomas Harnischberg © tamedia

Zu den hohen Kassenprämien noch doppelt so viele Steuerfranken!

Urs P. Gasche /  Wir hätten heute eine quasi steuerfinanzierte Staatsmedizin. Diesen Unsinn haben Tamedia-Zeitungen unwidersprochen verbreitet.


Die Behauptung

Thomas Harnischberg, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Krankenkasse KPT, meinte in einem Interview mit Tamedia, die Krankenkassenprämien würden wohl auch in Zukunft stärker steigen als das Wachstum der Wirtschaft und der Löhne. 

Und wörtlich:

«Wahrscheinlich wird es in Richtung Steuerfinanzierung gehen. Das Gesundheitswesen wird jetzt schon zu zwei Dritteln via Steuern finanziert. Wir können uns das als Gesellschaft leisten, aber es wird natürlich Einschränkungen geben in anderen Bereichen.»

Die Fakten

An die Kosten der Leistungen der Grundversicherung tragen Steuergelder nur rund ein Viertel bei: Spitalbeiträge und Subventionen an Haushalte mit tiefen Einkommen. Drei Viertel der Kosten werden mit Prämien und Selbstzahlungen gedeckt.

Harnischberg sprach von der Finanzierung des «Gesundheitswesens». Würde man die Leistungen der Zusatzversicherungen berücksichtigen, wäre der Anteil der Steuern an den Kosten noch geringer.

Auf Anfrage räumte Harnischberg sofort ein, dass seine Aussage falsch war. Auch die Gegenlesenden bei der KPT hätten den Fehler leider nicht bemerkt.

Das journalistische Versagen

Es dauerte vier Tage, bis wenigstens die Online-Ausgaben der Tamedia-Zeitungen «Bund», «Berner Zeitung», «Berner Oberländer» und «Thuner Tagblatt» die Falschaussage korrigierten.

Auf die unglaubwürdige, jedoch brisant scheinende Aussage des KPT-Chefs, das Gesundheitswesen werde zu zwei Dritteln via Steuern finanziert, konfrontierte ihn der Tamedia-Redaktor nicht mit den Fakten, sondern wechselte ganz einfach das Thema. Er kam auf die Verwaltungskosten zu sprechen.

Offensichtlich hat dieser Tamedia-Redaktor wenig Ahnung von den Grunddaten unseres Gesundheitssystems. Deshalb agierte er im Wesentlichen als Stichwortgeber und stellte im ganzseitigen Interview keine Gegenfragen.

Immerhin stellte er die relevante Frage, ob die Prämien langfristig denn tatsächlich stärker wachsen können als die Wirtschaft und die Löhne. Doch er liess sich mit folgender Antwort abspeisen: 

«Doch, es wird wohl so sein. Wir haben kein gesundheitspolitisches, sondern ein sozialpolitisches Problem. Wahrscheinlich wird es via Steuerfinanzierung gehen.»

Also weiter überproportional steigende Prämien, dafür mehr Steuern, um die sozialpolitischen Folgen zu glätten.

Die Gegenfrage

Die Gegenfrage, sie sich aufdrängte, hat Infosperber dem KPT-Chef Thomas Harnischberg nachgereicht: 

«Warum schlagen Sie keine Reformen vor, welche die Gesundheitskosten auf das Niveau von Holland oder der skandinavischen Länder senken? Der nach Sozialstatus bereinigte Gesundheitszustand der dortigen Bevölkerungen ist mindestens so gut wie derjenige der Schweizer Bevölkerung.»

In den Niederlanden, Finnland, Schweden und Norwegen kosten die medizinischen Leistungen der Grundversicherung (ohne die in der Schweiz nicht vergüteten Zahnarztbehandlungen) 10 bis 25 Prozent weniger als in der Schweiz.

Der KPT-Chef erklärte gegenüber Infosperber nicht, weshalb er bei uns keine entsprechenden Reformen fordert, sondern teilte mit: «Ich werde dies demnächst im Vorstand (des Krankenkassenverbands) prio.swiss traktandieren.»

Vertragszwang in der Schweiz

Ein Problem in der Schweiz: Eine Krankenkasse hat heute wenig Anreiz und keinen Vorteil, wenn sie sich für Kosteneinsparungen einsetzt. Denn alle Kassen müssen in der Grundversicherung die exakt gleichen Leistungen zu den exakt gleichen Preisen vergüten (Vertragszwang). In den Niederlanden verfügen die Kassen über die Vertragsfreiheit.

In Schweden und Finnland können verschiedene Regionen Leistungen und Preise selber aushandeln und stehen damit ebenfalls in einem Qualitätswettbewerb. Denn die Resultate der Behandlungen von Spitälern werden miteinander verglichen und veröffentlicht.


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Gesundheitskosten

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