Kommentar

kontertext: Das Übersetzen, die KI und das Fremde

Felix Schneider © zvg

Felix Schneider /  Wenn die sogenannte KI das Übersetzen «erledigt» …

Der Übersetzer und Essayist Marc Ulrich hat im Infosperber einen wohltuend ruhigen und dennoch kritischen Blick auf die Kunst des Übersetzens im Zeitalter der sogenannten KI geworfen. Er zählt diese zu den unzähligen Kräften, die Sprache ständig beeinflussen, formen und verändern, spricht aber auch von der Gefahr, dass das Übersetzen selbst verschwinden könnte. Automatisierung sei gerade dabei, «das menschliche, das heisst von Frauen und Männern betriebene Übersetzen» zu ersetzen. Das bringt ihn zu der Frage, was denn verschwinde, wenn das Übersetzen von Maschinen übernommen wird. 

Es verschwinde, so antwortet er, die Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Fremden. «Die Übersetzungsgeste setzt eine Gegenüberstellung voraus, die Spuren hinterlässt. Anders gesagt: Eine gute Übersetzung weist etwas Fremdes auf.» Ausdrücklich bezieht sich Ulrich auf Übersetzungen von Proust, die etwas Französisches ins Deutsche brächten. 

Eine schöne Theorie

Dass die Übersetzung etwas von der Quellsprache enthalten muss, ist eine schöne alte Idee, die sich aber praktisch schwer umsetzen lässt. Davon kann Jürgen Ritte ein Lied singen, denn er ist einerseits als emeritierter Professor der Sorbonne für die Theorie zuständig und gleichzeitig hat er eine halbe Bibliothek französischer Texte ins Deutsche gebracht. Obendrein ist er renommierter Proust-Kenner. Fragen wir also ihn. 

«Eine Übersetzungstheorie ist immer auch politisch», sagt Ritte. In der Renaissance übersetzten die Franzosen aus dem Italienischen, um ihre Sprache zu modernisieren und zu humanisieren. Durch Übersetzung aus dem Französischen und Italienischen wurde im Barock versucht, aus dem Deutschen eine Literatursprache zu machen. Der Philosoph Schleiermacher und der Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voss wollten eine Art griechisches Deutsch entwickeln. Politisch ist daran, dass sich diese Deutschen in der napoleonischen Zeit als Griechen verstanden: als Kulturvolk, das den kriegerischen Römern, beziehungsweise ihren Nachfolgern, den Franzosen, zwar militärisch unterlegen, aber geistig überlegen sei. 

Wertschätzende Sensibilität für das Andere und das Fremde ist heute bekanntlich ein grosses Thema. Nicht zufällig betont auch Marc Ulrich, die Übersetzungssprache sei mit der Sprache des Dichters, des Kindes, des Ausländers und des Verrückten verwandt, mit Menschen also, die «in sich das Versprechen einer anderen Sprache» tragen und «die Grenzen der Normalität» «verwischen». 

Und die Praxis?

Ja, doch, es gibt die Integration des Fremden bei Übersetzungen schon, aber nur in sehr begrenztem Ausmass. Jürgen Ritte erklärt es anhand eines Beispiels. Vor wenigen Jahrzehnten hätte man Ortsnamen noch übersetzt und geschrieben: Er ging in Paris über die Neue Brücke zum Lyoner Bahnhof. 

Nun hört man zwar im «Zug mit grosser Geschwindigkeit» aus Lautsprecherdurchsagen bis heute vom «Lyoner Bahnhof» reden. Im Allgemeinen aber und im Bereich der Literatur sowieso übersetzte man wenige Jahre später obigen Satz schon so: Er ging über die Pont Neuf zum Gare de Lyon. 

Und auch das würde heute wahrscheinlich niemand mehr so übersetzen. Man würde Eigennamen und Genus mit ins Deutsche nehmen: Er ging über den Pont Neuf zur Gare de Lyon. Und auf Speisekarten würde fast niemand den Begriff Salade niçoise eindeutschen wollen.

Vieles, vor allem die Eigennamen, bleibt also in der Originalsprache – jedenfalls wenn‘s ums Französische geht. Würden wir ebenso verfahren, wenn die Originalsprache Italienisch oder Spanisch wäre? Wir wären wahrscheinlich zurückhaltender. Viele tschechische Namen würden die Lesbarkeit des Textes beeinträchtigen. Und erst, wenn es um kyrillische Buchstaben oder chinesische Zeichen geht …

Ritte sagt: Im Wesentlichen kann nur die «allgemein akzeptierte Fremdheit» in eine Übersetzung integriert werden. Dabei muss man offen zugeben, dass Lesbarkeit auch vom Markt verlangt wird, wo Übersetzungen es ohnehin schwer haben. Natürlich verändert sich ständig, was allgemein akzeptierte Fremdheit ist. Tourismus, politische Entwicklungen, Medien beeinflussen das ebenso wie die Textsorte selbst: Unterhaltungsliteratur und Kinderliteratur vertragen wahrscheinlich weniger Fremdes als hochliterarische Texte. Unsere Alltagssprache ist heute dicht mit Importiertem durchsetzt: Die Jugend spricht von «creepy», bildungsbürgerlich erscheint der «acte gratuit» und wir zücken, zumindest in der Schweiz, unser Portemonnaie oder unser Portefeuille. In Deutschland ist es schon eher die Brieftasche. 

Grundsätzlich gilt: die Integration von Fremdem in übersetzte Texte hat enge Grenzen. Und wo sie überschritten wurden, wie in bestimmten Proust-Übersetzungen, auf die Marc Ulrich anspielt, da werde der Geist des Originals verfehlt. Statt dass der Satz wie bei Proust fliesse, stocke er vor gewollter syntaktischer Komplexität. So jedenfalls Jürgen Ritte. 

Fast Food

Dementsprechend liegt es nahe anzunehmen, dass vom Verlust der direkten Auseinandersetzung mit dem Fremden vor allem die Übersetzer und Übersetzerinnen selbst betroffen sind und weniger die Leser und Leserinnen. Allerdings: Das Übersetzen wird nicht nur von Profis im Literaturbetrieb, in Gerichtssälen und Konferenzräumen betrieben. Wir alle übersetzen immer und immer wieder, erst recht in der globalisierten Welt von heute: auf Reisen, im Beruf, im Zug, im Alltag. Und dabei macht es nun allerdings einen grossen Unterschied, ob wir uns an einer Fremdsprache abmühen, stotternd, unsicher, lernend, stolz (wenn Kommunikation gelingt) – oder ob wir uns einen Handheld-Übersetzer vor den Mund halten. Der kennt weder Triumph noch Trauer noch Entdeckungslust. Er ist die Blackbox, die Sprache auf ihren instrumentellen Charakter reduziert, schnell und funktional. Das erinnert an Fast Food, welches sättigt, aber die Kochkunst verdrängt. 

Fortschritt

Eine Kritik, welche das kulturlose Fast Food gegen die gute alte Kochkunst stellt, hat etwas bildungsbürgerlich Elitäres. Sie erinnert an das Naserümpfen von Reaktionären, die über lange Zeit nicht sehen wollten, dass der technische Fortschritt für viele Menschen Erleichterungen und vielerlei Vorteile brachte.  

Ein Rückblick auf die Technikgeschichte zeigt überdies, dass sich die Entwicklung nicht aufhalten liess. Wir werden auch mit den Übersetzungsmaschinen umgehen und sie in unsere Kommunikation einbauen müssen. Übersetzen und Kommunizieren werden komplizierte Techniken bleiben, die sich nur teilweise automatisieren lassen. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.

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