Wer schlachtet die Schüsse von Aarau für sich aus?
In Aarau ist in der Nacht auf Sonntag eine junge Frau erschossen worden, fünf Menschen wurden verletzt. Die Polizei hat in der Nacht auf Montag einen 43-jährigen Schweizer festgenommen. Die Mitteilung ist knapp gehalten. Über das Motiv ist nichts bekannt. Die Aargauer Kantonspolizei will am Mittwoch informieren, aber der rechtsextreme englische Influencer Tommy Robinson hatte bereits eine Ahnung, lange bevor der Mann festgenommen wurde. «Nach einer Schiesserei auf einer Rave-Party in der Schweiz, bei der eine 22-jährige Frau getötet und fünf weitere Personen verletzt wurden, läuft derzeit eine Fahndung», schrieb er am Sonntag an seine zwei Millionen Follower. «Europa ist am Ende.»
Er meint das natürlich nicht wegen der Gewalt an sich, die Sache mit dem Ende Europas. Wer Tommy Robinson kennt und verfolgt, weiss: Europa ist dann am Ende, wenn Robinson die Tat als Beweis für eine gescheiterte Migrationspolitik verwenden kann. Es ist offensichtlich, dass nicht allein der Schweizer Pass, sondern der Name und die familiäre Herkunft des Tatverdächtigen darüber entscheiden werden, welche Erzählung die nächsten Tage oder Wochen beherrschen wird. Handelt es sich beim Festgenommenen um einen Schweizer ohne Migrationshintergrund oder gar um einen Rechtsextremen, wird Robinson verstummen, und andere Stimmen mit anderen Forderungen werden übernehmen. Das Opfer bliebe dasselbe, aber der politische Nutzen wäre ein anderer.
«Hoffentlich kein Kanake»
Nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) sagte eine linke Rednerin, ihr erster Gedanke sei gewesen, dass der Täter hoffentlich kein «Kanake» sei, sondern ein weisser Christ. Die rechte Bubble auf X reagierte angemessen nüchtern: mit dem Durchbrennen aller Sicherungen. Das Video, versehen mit hetzerischen Kommentaren gegen die junge Frau, verbreitete sich Dutzende Millionen Mal. Der Rednerin wäre der Terror gelegen gekommen, so der kollektive Vorwurf, solange sie diesen gegen rechts hätte instrumentalisieren können. Das ist, wenn man sich die Rede mal anguckt, natürlich totaler Quatsch, denn ihre Worte konnten zuerst einmal als ein in der Tat völlig schräger Versuch verstanden werden, die umgehende politische Vereinnahmung des Anschlags zu kritisieren.
Die rechte Influencerin und «Weltwoche»-Kolumnistin Anabel Schunke teilte zwar die rechte Lesart der Aussage, warf aber der eigenen Bubble genau deswegen Heuchelei vor und liess bei diesem Vorwurf ziemlich tief blicken: «Und genau wie diese Frau jetzt offen und ehrlich ausspricht, dass sie sich einen weissen, christlichen Mann als Täter gewünscht hätte, wünscht ihr euch doch jedes Mal, dass es ein Migrant, ein Moslem, ein Islamist ist. Und ja, mir ist das auch lieber. Sage ich, wie es ist.»
Die Berliner CSD-Rede und Anabel Schunkes Antwort ergeben zusammen ein ziemlich präzises EKG unserer Gegenwart: Noch im Augenblick des Entsetzens denken wir als Erstes an den Informationskrieg. Wer verletzt oder ermordet wurde, ist zweitrangig. Zuerst einmal stellt sich die Frage, wem die Tat nützt.
Schicksal eines Kontinents
Nach den Schüssen von Aarau stehen die rechtsextremen Accounts bereit. «Europa ist am Ende», heisst es nicht nur bei Robinson, sondern auch bei anderen. Aus einem Verbrechen, über das wir zu diesem Zeitpunkt praktisch nichts wissen, wird auf X das Schicksal eines Kontinents. Die «richtige» Herkunft bringt Punkte, die «falsche» Herkunft muss relativiert werden. Mal soll ein Täter für eine Religion, ein Geschlecht, eine Herkunft oder ein ganzes politisches Milieu stehen. Ein anderes Mal darf die Tat unter keinen Umständen über den Einzelfall hinausgehen.
Für die Angehörigen und Betroffenen sind Ereignisse wie in Aarau eine Katastrophe. Für die politischen Lager sind sie Futter, von der ersten Sekunde an.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







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