Der veruunfallte Bus der Leukerbader Verkehrsbetriebe LLB.

Der verunfallte Bus der Leukerbader Verkehrsbetriebe LLB. © zVg/Canal 9

«KI» veröffentlicht eine Flut von Nachrichten-Unsinn

Esther Diener-Morscher /  «We-News» erzeugt KI-Nachrichten am laufenden Band. Es droht ein Berg Informations-Müll, in dem echte Nachrichten untergehen.

Kürzlich zeigte Infosperber, wie das neue Nachrichtenportal «We-News» mit Bildern die Wirklichkeit verfälscht. Doch auch die Texte sind voller Fehler. Wieder berichtete das Portal über einen Unfall, dieses Mal einen Bus-Unfall im Wallis. Der Einstieg in die Meldung tönt seriös: «Auf der steilen Strecke von Leuk nach Leukerbad ist am Samstagabend ein Bus der Leuk–Leukerbad Busbetriebe (LLB) den Hang hinuntergestürzt. Das Fahrzeug kam nach Angaben lokaler Einsatzkräfte rund 45 bis 50 Meter unterhalb der Strasse zum Stillstand. Ersten Informationen zufolge wurden bei dem Unfall keine Personen verletzt.»

Was Auswärtigen nicht auffällt, aber Ortskundige bereits im ersten Satz stutzig werden lässt: Die Strecke zwischen Leuk und Leukerbad ist nicht besonders steil, aber besonders eng. Da muss jemand die Strasse mit dem Gelände neben der Strasse verwechselt haben: Dort ist der Hang tatsächlich sehr steil. Darum stürzte der Bus 45 bis 50 Meter in die Tiefe. Das ist auf «We-News» auch akribisch in der anschliessenden Faktentabelle vermerkt.

Die Tabelle macht einen professionellen Eindruck – auch wenn sie etwas übertrieben scheint.

Die Walliser Korrespondentin Céline Bonvin, die den Bericht angeblich geschrieben haben soll, dürfte also nicht sehr vertraut sein mit den Gegebenheiten. Kein Wunder: Céline Bonvin gibt es gar nicht. Sowohl der Name als auch das Bild der «Journalistin» ist von KI erstellt. Beim Schreiben des Artikels war kein Mensch am Werk. Die Informationen hat sich «Céline» von der Website der «Walliser Zeitung» geholt und zusammengebastelt.

Céline Bonvin, die Walliser KI-Korrespondentin gibt es nicht.
Céline Bonvin, die Walliser KI-Korrespondentin, gibt es nicht.

Aus dem seriösen Bericht fantasierte «Céline» etwas zusammen: etwa, dass die Buslinie nach Leukerbad gesperrt sei. Doch die war gar nicht betroffen, sondern die Strecke nach Albinen. Gelogen hat «Céline» auch mit dem Bild zum Unfall: Dort ist ein gelbes Postauto abgebildet. Es ist aber gar kein Postauto abgestürzt, sondern – wie erwähnt – ein Bus des Verkehrsbetriebs Leuk-Leukerbad (LLB). Und der ist blau. Am Bild des verbeulten Busses dürfte Postauto keine Freude haben.

Ein gelbes Postauto statt des blauen Lininenbusses. Genauso falsch ist alles andere auf dem Bild.
Ein gelbes Postauto statt des blauen Linienbusses wird geborgen. Genauso falsch ist alles andere auf dem Bild.

Falscher Betonblock, falsche Haltestelle

Auch die anderen Bilder auf «We-News» sind von einer KI aus Textteilen zusammengeschustert und nicht echte Fotos, obwohl sie so aussehen. Etwa dieses Bild von einem Unfall auf der Autobahn A1 bei Nyon. Der Betonblock: falsch. Das Unfallauto: falsch. Die Rettungsleute und die Rettungsfahrzeuge: alles falsch.

So hat es angeblich nach dem Autounfall auf der A1 bei Nyon ausgesehen.

Das Portal deklariert jeweils ganz am Schluss der Beiträge: «Die Illustration wurde von KI erzeugt: Sie stellt den Kontext des Beitrags dar und ist keine Fotografie des Ereignisses.»

Doch wer liest das schon? Und wer käme darauf, dass nicht einmal das Bild zum Umbau einer Bushaltestelle in Köniz echt ist? Ortsunkundige können nicht beurteilen, ob das Bild stimmt. Sie werden mit vermeintlich seriösen Informationen hinters Licht geführt.

Die angebliche Haltestelle Eichmatt in Schliern …
… sieht eigentlich so aus.

Wer durchschaut, dass die KI-Texte und -Bilder nicht stimmen, mag sich über solche unbedarften Billig-Nachrichten amüsieren. Doch wenn das neue Geschäftsmodell nicht mangels Lesern schnell wieder vom Markt verschwindet, wird es in hoher Geschwindigkeit – viel schneller als menschliche Journalisten – noch sehr viel mehr falsche Nachrichten erzeugen. Die Leser und Leserinnen müssen dann die echten Informationen aus den Fluten von zusammenfantasierten Artikeln aussortieren. Das wird mühsam und zeitraubend – wie das weiland schon Aschenputtel mit den Linsen in der Asche erfahren musste.

Die «Journalisten» haben alle typisch regionale Namen

Die Namen der «KI-Regionalkorrespondenten», die «We-News» als Urheber der Nachrichtentexte anzeigt, sind sorgfältig ausgewählt. Es sind Namen, die in der jeweiligen Region verbreitet sind – wie die erwähnte Walliser Korrespondentin Céline Bonvin. Damit täuscht das Portal eine lokale Verbundenheit vor: So auch mit dem Tessiner Korrespondenten Marco Bernasconi, dem St. Galler Lukas Fässler, dem Freiburger Bruno Vonlanthen und der Bündner «Journalistin» Seraina Cadonau.

In Wahrheit hat «We-News» mit der Schweiz wenig zu tun. Herausgeber ist eine Firma mit Sitz in Hongkong. Der verantwortliche Redaktionsleiter, der gleichzeitig auch der Verleger ist, heisst David Dragesco. Er ist ein französischer Digital-Marketing-Experte.

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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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