«Mit Velohatz gegen die Sommerflaute»
Es ist Hochsommer und auf den Redaktionen herrscht Saure-Gurken-Zeit. Dennoch brauchen die Nachrichtenportale süffigen Stoff. Das hat auch «Velojournal» zu spüren bekommen. Um was ging es da genau?
Begonnen hatte der Aufreger mit einem Artikel im Infosperber über einen Ende April auf der Newsseite von «Velojournal» erschienenen Artikel. Wir hätten behauptet, «dass wer mit einem Velo ein Rotlicht missachte, sicherer fahre.»
Richtig ist, dass «Velojournal» schrieb, dass viele Velofahrende rote Ampeln nicht aus Leichtsinn, sondern oft aus Sicherheitsüberlegungen überfahren. Dabei wurde auf Studien verweisen, die aufzeigen, dass Infrastruktur, Verkehrsfluss und subjektives Risiko das Verhalten stark prägen. Genau darum ging es im Artikel.
Aufreger, Teil 1
Infosperber hingegen behauptete, der Artikel im Velojournal sei eine «einzige Rechtfertigung des Fehlverhaltens von Velofahrern.» Und argumentiere «ziemlich armselig» und propagiere, «dass sich Velofahrer nur an diejenigen Regeln halten sollen, die ihnen einleuchten».
Das ist alles kreuzfalsch und hochpolemisch. Vielmehr lieferte unser Artikel eine «Erklärung zu diesen Verhaltensweisen», unterlegt mit Studien. Es ging also um eine Einordnung und nicht um eine Anleitung zur Regelverletzung. Natürlich hat meine Kollegin Julie Nielsen dabei die Sicht der Velofahrenden beleuchtet, wie es auch unsere journalistische Pflicht ist, die Velosicht angemessen zu vertreten. Verstehen, einordnen – aber sicher kein Aufruf, sich regelwidrig zu verhalten.
Aufreger, Teil 2
Tags darauf erhielt der Schreibende einen Anruf vom Lokalsender «Tele-Züri», mit dem Angebot, sich zu diesem Thema zu äussern. Immerhin – Infosperber hatte das unterlassen. Lieber wollte der Kollege zuspitzen, zuspitzen, zuspitzen. Klarer Aufhänger auch beim Sender: Velofahrende, die das Rotlicht missachten. Hinweise auf andere Gefährdungsfaktoren, wie seitliches Überholen von Lastwagen, Fahren mit Kopfhörern etc. waren nicht erwünscht.
Vielmehr fragte mich der Journalist mehrmals, ob «ich» denn schon ein Rotlicht missachtet hätte. Das Resultat des Interviews? Eine vierminütige, vorgefertigte Polemik über die ach so undisziplinierten Velofahrer. Der Aufreger war so im Kasten, die teils unflätigen Mails an die Adresse der Redaktion auch. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Velofahrende in globo in Sippenhaft genommen werden dürfen. Zwischentöne? Nein, danke! Über kaum eine Gruppe wird so oft und ungehemmt der Stab gebrochen und geschulmeistert. Ausser bei Autoposern vielleicht noch.
Erwünscht: De-Eskalation
Zwei Tage darauf erschien im «Tages-Anzeiger» ein Artikel zu «Konflikte auf Zürcher Strassen eskalieren immer schneller». Kein Wunder: Solch einseitige, aggressionstreibenden Beiträge tragen ja das Ihrige dazu bei. Nach wie vor. Und ja: undisziplinerte, egogetriebene Velo-Deppen übrigens auch.
Der Schreibende rät deshalb, in dieser Aggressions-Spirale dringend zu De-Eskalation. Wenn es zu Unfällen kommt, ist Blech immer stärker als das filigrane Zweirad mit dem verwundbaren Menschen darauf. Auch wenn wir schnell und agil sind und in vielen Fällen auch Recht haben sollten.
Und nicht zu vergessen: Bei aller Rechthaberei und Rotlicht-Hilfspolizisten-Mentalität ist zu bedenken, dass Verkehr oft auch aus Kommunikation besteht. Wie auch sonst im Leben.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Der Autor ist Chefredaktor der Zeitschrift «Velojournal».
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







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