Das Baby mit den Bauchkoliken
Das sechs Monate alte Baby litt an epileptischen Anfällen. Eine Woche zuvor hatte es nicht mehr so recht trinken mögen, hatte erbrochen und unzufrieden, gereizt gewirkt. Nun kam es zur Abklärung ins Queensland Children’s Hospital im australischen South Brisbane.
Die Laboruntersuchung ergab: Blutarmut und zu niedriger Calciumwert im Blut. Um herauszufinden, ob mit dem Calcium-Stoffwechsel – der eng mit den sehr calciumhaltigen Knochen zusammenhängt – etwas nicht stimmt, wurde eine Hand des Kindes geröntgt. An diversen Knochen fielen den Radiologen linienförmige Akzentuierungen auf. Sie hegten den Verdacht, dass es sich dabei um Bleiablagerungen handeln könnte.
Deshalb liessen die Ärzte nun den Bleigehalt im Blut des Babys bestimmen: 97 Mikrogramm Blei pro Deziliter! Normal sind Werte unter 3,5 Mikrogramm. Damit war die Diagnose Bleivergiftung bestätigt. Das Erbrechen, die Reizbarkeit, die epileptischen Anfälle und die Blutarmut passten dazu. Es sind typische Anzeichen einer Bleivergiftung.
Ein weiteres Anzeichen für eine Bleivergiftung sind Verdauungsstörungen mit starken Bauchkrämpfen, den «Bleikoliken». Nicht typisch ist hingegen ein zu niedriger Calciumwert im Blut.
Kolumne «Dr. Kurios»

Choleraausbruch mitten in Paris, Explosion des Patienten bei der Darmspiegelung, Halluzinationen durch Hirsebällchen – in der Medizin passieren unglaubliche Dinge. Glücklicherweise aber nur sehr selten. Seit über 20 Jahren sammelt die Autorin – sie ist Ärztin und Journalistin – solche höchst ungewöhnlichen Krankengeschichten. Ihre Kolumnen sind bisher in zwei Büchern erschienen: «Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen» und «Der Junge, der immer in Ohnmacht fiel».
Blei ist für Kinder besonders schädlich
Nun war die Frage: Wer hatte diesen Säugling vergiftet und womit? Blei kann über die Haut, über die Lungen oder über den Darm aufgenommen werden. Verglichen mit Erwachsenen, nehmen Kinder mehr Blei über den Darm auf.
Mit dem Blutstrom erreicht dieses Schwermetall die Organe. Es schädigt unter anderem das Nervensystem, den Darm, das Knochenmark sowie die Nieren und wird in Knochen sowie Zähnen abgelagert. Blei bewirkt unter anderem, dass das Knochenmark weniger roten Blutfarbstoff bildet. Das führt zur Blutarmut.
Für Kinder ist Blei besonders schädlich, weil es ihr noch reifendes Gehirn beeinträchtigt und ihre geistige Entfaltung behindert. Die betroffenen Kinder können sich nur schlecht konzentrieren und büssen an Intelligenz ein. Je höher der Bleiwert im Blut, desto niedriger ist der durchschnittliche Intelligenzquotient.
Mögliche Quellen für eine Bleivergiftung sind zum Beispiel alte, bleihaltige Farbanstriche, Rostschutzmittel, Wasserleitungen oder auch Schrotkugeln, die nach dem Essen von Wildbret im Darm verbleiben.
Nichts davon traf bei diesem Kind zu.
Fragwürdiges «Heilmittel» gegen Koliken
Die Ursache seiner Bleivergiftung war ein ayurvedisches Medikament. Seit dem frühen Babyalter hatte das Kind dieses Mittel erhalten, das sich nun als bleihaltig herausstellte. Es hätte ihm gegen Babykoliken helfen sollen – und verursachte Bleikoliken. Zwei Ärzte vom Queensland Children’s Hospital berichteten kürzlich im «New England Journal of Medicine» von dem tragischen Fall.
Um das bereits in seinem Körper abgelagerte Blei wieder herauszubekommen, gaben sie dem Baby ein Medikament, das Blei – aber auch Elemente wie Eisen, Kupfer und Zink – bindet. Diese langdauernde Behandlung muss deshalb gut überwacht werden, damit es nicht zu einem Mangel an lebenswichtigen Mineralstoffen kommt.
Die Vergiftung des Babys illustriert auch einen weitverbreiteten Irrtum. «Natürliche» oder «sanfte» Mittel können nicht schaden, glauben viele. Ärztinnen, die ihre Patienten bitten, zur ersten Konsultation alles, wirklich alles, mitzubringen, was diese einnehmen, staunen immer wieder: Manche Patienten kommen mit einem ganzen Sack voller frei verkäuflicher Pülverchen, Kapseln, Tabletten …
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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