Gamatron Greenland

Die ehemalige US-Basis Gamatron auf der Insel Qasigissat Nunaat vor der Südspitze Grönlands. Während des Zweiten Weltkriegs waren dort 50 Personen stationiert. Sie hinerliessen 180 Tonnen Abfälle. © Politiken

Grönland an USA: Erst mal aufräumen

Daniela Gschweng /  Auf US-Militärbasen in Grönland lagert viel giftiger Müll. Viele Grönländer fordern eine Sanierung bevor neue Basen entstehen.

Die USA wollen zurück nach Grönland. Aufgeräumt haben sie dort allerdings nie. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg liegen auf ehemaligen US-Stützpunkten noch immer Tausende Tonnen Schrott und gefährliche Schadstoffe.

Das US-Interesse an Grönland war in den vergangenen Jahrzehnten mal grösser, mal kleiner. Es geht und ging um Rohstoffe, um Schifffahrtswege durch die Arktis und die strategische Lage. Zuerst gegenüber Nazi-Deutschland, dann gegenüber der Sowjetunion. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg betrieben die USA mindestens 36 Militärbasen in Grönland. Genutzt wird derzeit nur noch eine: Pituffik Space Base, früher Thule Air Base oder Bluie West 6.

Schon der sichtbare Teil des Abfalls ist überwältigend

Die anderen Standorte sind noch gut sichtbar. Vor allem deshalb, weil das US-Militär sie beim Abzug einfach sich selbst überliess , inklusive aller Abfälle, die sich bis heute dort stapeln. Die dänische Zeitung «Politiken» hat 34 Standorte kartiert. Einige besuchten die Journalistinnen und Journalisten persönlich. Die Zeitung hat ihre Recherche in einer sehenswerten Bild-Text-Strecke zum Scrollen in englischer Sprache hier zusammengefasst.

Screenshot Ikkatteq
In der ehemaligen grönländischen US-Basis Ikkatteq oder Bluie West 2 trifft anscheinend unberührte Natur auf ausgedehnte Abfallberge.

Was an den zahlreichen Bildern besonders auffällt, ist der Kontrast zwischen der abgelegenen Arktislandschaft und den Überresten der Militäranlagen. Hinter von Eisschollen gesäumten Buchten erheben sich Berge. Dazwischen verfallen Gebäude und rosten Fahrzeugwracks. Generatoren. Kabel, Leitungen und sonstiger Zivilisationsmüll liegen verstreut. Selbst hunderte Coca-Cola-Flaschen gehören inzwischen zur Landschaft.

Am Standort Bluie West 4 oder Marraq, der 1948 verlassen wurde, rieche es noch immer nach Diesel, berichteten die Reporter:innen. An anderen sei der Boden übersät mit Asbestplatten. Mancherorts türmen sich hunderte Ölfässer. Und das ist nur der sichtbare Teil des Abfalls.

Screenshot ikkateq drums
Ikkatteq erlangte vor allem wegen tausender zurückgelassener Ölfässer traurige Berühmtheit.

Unterlagen, die «Politiken» über Freedom-of-Information-Anfragen erzwungen hat, offenbaren das Ausmass der Verschmutzung: Tausende Tonnen Schrott, Treibstofftanks, Altbatterien, Öl, Asbest, giftige Chemikalien wie PCB, Schwermetalle wie Blei, Quecksilber und Cadmium verschmutzen die grönländische Natur. Es gibt radioaktive Abfälle eines Atomreaktors, den die USA unter dem «ewigen Eis» betrieben. Durch die Eisschmelze drohen sie in die Umwelt zu gelangen. Eine volle Bestandsaufnahme ist es nicht. Viele ehemalige US-Standorte sind bis heute nicht untersucht, einige nur teilweise. Wie viel Abfall ins Meer gelangte, vergraben oder verbrannt wurde, ist nur teilweise bekannt.

Was «Politiken» recherchiert hat, genügt, um von Umweltverschmutzung erheblichen Ausmasses zu sprechen. Es gehe bisher um «einige hunderttausend Liter Dieseltreibstoff, viele tausend Tonnen gefährlichem Müll, Millionen Liter schwach radioaktivem Abwassers, Umweltgifte und Schwermetalle», schreibt «Mediapart», Partner von «Politiken» im Netzwerk European Investigative Collaborations (EIC). An nur einem Standort, Simiutaq, lägen mindestens «10’000 Kubikmeter ölverschmutzten Bodens». Aufgeräumt wurde bisher nur in wenigen Fällen.

Die Gesundheit der Bevölkerung spielte keine Rolle

Die Gesundheit der Bevölkerung in der ehemaligen dänischen Kolonie spielte und spielt eine untergeordnete Rolle. Als 1941 über die US-Militärpräsenz entschieden wurde, befand sich Dänemark unter deutscher Besatzung. Grönland war Kolonie und erhielt erst 1953 eine Vertretung im dänischen Parlament. Weder zur Stationierung noch zum Abzug der US-Armee hatten die Einwohner:innen viel zu sagen.

Die Verwaltung in Dänemark, Grönland und die USA schoben sich gegenseitig die Verantwortung für die Abfallberge zu. Es gebe nicht einmal Warnhinweise in besonders verschmutzten Teilen Grönlands, in denen Menschen leben oder fischen, beobachtete «Politiken». Angesichts der geopolitischen Lage versucht man im Dreieck Grönland-Dänemark-USA partnerschaftlich miteinander umzugehen – trotz der unruhigen Vergangenheit. Es gab Anläufe Dänemarks und Grönlands, wenigstens einen Teil der US-Hinterlassenschaften wegzuräumen. Bei zwei Standorten auf dem grönländischen Eisschild, DYE-2 und DYE-3, steuerten die USA sogar Mittel bei.

Spendenbalken rot

Für manche ehemalige US-Basen gelte im Moment: Besser man lässt sie wie sie sind und konzentriert sich auf wichtigere Orte, schreibt «Mediapart». Aber auch dort geschieht nicht viel. Noch 2019 erwog die Universität Aarhus, keine Studenten mehr zu Feldstudien nach Grönland zu schicken, das zeigen die von «Politiken» erlangten Dokumente. Forschende der Universität hatten zuvor ein Gebiet bei Narsarsuaq untersucht. Sie nahmen dort Proben und untersuchten sie auf Asbest. Die Belastung war so hoch, dass es Überlegungen gab, ob es sicher sei, den Ort weiterhin zu betreten.

Die US-Armee hatte die Basis 1958 aufgegeben. Als Kind habe er zwischen den Asbestplatten gespielt, berichtete ein Einwohner. Asbest in Wasser und Boden ist kaum gefährlich. Wenn es durch Abrieb oder Verdunstung in die Luft gelangt und eingeatmet wird, dagegen sehr. Der Ort Narsarsuaq liegt genau in Windrichtung. Wie belastet sie womöglich sind, wissen die Einwohnenden nicht.

«Erst aufräumen!»

Nun wollen die USA ihre Präsenz in Grönland wieder ausbauen. Wieder Militärbasen errichten, mehr Truppen und Waffen stationieren. Auf dem Nato-Gipfel in Ankara bekräftigte der US-Präsident Anfang Juli wieder einmal den US-Anspruch auf Grönland. Dänemark, unter dessen Verwaltung Grönland lange stand, lehnte einmal mehr ab. Grönland ist inzwischen autonomer Teil des Königreichs.

Nach den Erfahrungen der Insel mit dem US-Militär und seinen Hinterlassenschaften sind ehemalige und amtierende grönländische Politiker davon alles andere als begeistert. Mehrere ehemalige grönländische Politiker:innen fordern laut «Politiken», die Vereinigten Staaten sollten zunächst die Müllhalden aufräumen, die sie beim letzten Besuch auf der Insel hinterlassen hatten.

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Im März 2025 besuchte der US-Vizepräsident James Vance mit seiner Frau die US-Basis Pittufik. Um die nahe gelegenen Abfallberge der USA zu besichtigen, blieb vermutlich keine Zeit.

«Es ist eine Schande. Das kann man sehen. So behandeln sie unser Land» zitiert «Mediapart»Aleqa Hammond, Grönlands ehemalige Regierungschefin. Die Kritik ist nicht neu. Seit mindestens 2010 kritisierten grönländische Politikerinnen und Politiker die Art, wie die USA mit Grönland umgehen. 2017 reichte der grönländische Aussenminister Vittus Qujaukitsoq wegen des Mülls eine Beschwerde bei den Vereinten Nationen ein. Seiner Ansicht nach sollte sich Dänemark kümmern.

«Wir haben versucht, ihnen [den US-Amerikanern] klarzumachen, dass das Zurücklassen von Gegenständen ein Zeichen von Respektlosigkeit ist, mit unterschiedlichem Erfolg … Deshalb finde ich auch, dass man zumindest so viel tun kann, wie hinter sich aufzuräumen», sagt Naaja Nathanielsen, Grönländerin und Mitglied des dänischen Parlaments. Das Verursacherprinzip gelte auch für die USA.

Eine unheilvolle Vertragsklausel

Grönland ist mit dem Problem nicht allein. Auch andere ehemalige Standorte des US-Militärs sind stark verschmutzt. Die USA haben sich bisher stets geweigert, die Verantwortung für Personen- oder Umweltschäden zu übernehmen, die sich aus ihren Stützpunkten oder deren Abfall ergeben, ausser bei ihren eigenen Veteranen. Mit Informationen gehen sie sparsam um. Transparenz über Verschmutzungen gibt es nicht.

Das Verursacherprinzip erkennen die Vereinigten Staaten im Gegensatz zur EU nicht an und haben sich diesen Standpunkt auch vertraglich abgesichert. Der Grund für Grönlands Misere ist ein Abkommen von 1951. Besser gesagt, ein einzelner Satz, der auch anderen US-Stützpunkten Probleme bereitet:

«Es gilt als vereinbart, dass alle Gebiete oder Einrichtungen, die der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika im Rahmen dieses Abkommens zur Verfügung gestellt werden, nicht in dem Zustand belassen werden müssen, in dem sie sich zum Zeitpunkt ihrer Bereitstellung befanden.»

Eine Sprecherin des Pentagons ging 2008 so weit, zu sagen, die USA hätten schliesslich auf Grönland und anderswo die freie Welt verteidigt. Andere könnten beitragen, indem sie den Abfall wegräumten.

Grönland könnte schaffen, was noch niemandem gelungen ist

Jetzt wollen die USA zurück nach Grönland. Unbedingt und bald. Inwieweit sich die USA auf den Vertrag von 1951 berufen können, der ihnen das Recht einräumt, ohne weiteres weitere Stützpunkte auf Grönland zu errichten, ist nicht ganz klar. Die ehemalige grönländische Aussenministerin Vivian Motzfeld denkt, dass das möglich wäre.

Aber Grönland könnte auch bewirken, was noch keinem anderen Land gelungen ist. Die Chancen dafür sind nicht gross, aber vorhanden. Die Vereinigten Staaten könnten sich in Verhandlungen darauf einlassen, ihren Müll aufzuräumen. Was noch dafür spricht: Das Verursacherprinzip (Polluter-Pays-Principle) ist eines der Prinzipien der OECD, der die USA angehören. Und: Die USA haben einer Aufräumaktion 1991 schon einmal zugestimmt, wollten davon zehn Jahre später aber nichts mehr wissen.

Dagegen spricht: Beginnen die Vereinigten Staaten oder das Pentagon mit der Beseitigung von Abfall und Umweltschäden in Grönland, könnten auch andere Länder Bedingungen stellen. Japan beispielsweise, einige Länder im Nahen Osten oder die Philippinen.

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