«Sterben ist ein Skandal» – zur Erinnerung an Jean Ziegler
«Sterben ist ein Skandal», klagte mir Jean Ziegler am letzten Telefon, als er schon durch seine Parkinson-Krankheit stark gezeichnet und behindert war. «Non!», soll sein allerletzter Ausruf gelautet haben. Doch Jean Ziegler hatte sich schon vorher in seinem zweitletzten Buch «Chemins d’Espérance» («Der schmale Grat der Hoffnung», 2016) in einer Bilanzierung seines Lebens auseinandergesetzt.
Die Abdankungsfeier in der voll besetzten Reformationskathedrale des Jean Calvin in Genf wird wohl allen, die dabei waren, in tiefer Erinnerung bleiben. Ein Dutzend Würdigungen aus allen Kontinenten wiederholten den Dank: «Merci Jean, tu vas nous manquer.» Es ertönte das erschütternde Dankeslied «Gracias a la vida» einer Lateinamerikanerin. Und nach dem Abschluss der Totenmesse des katholischen Priesters intonierte die Orgel die Internationale, es ertönte tausendstimmig mit teils erhobenen Fäusten: «Débout les damnés de la terre».
Als nationaler Nestbeschmutzer denunziert
Ich hatte den jungen Privatdozenten Jean Ziegler als Student und «Tiers-Mondiste» an der Uni Bern Ende der 1960er Jahre erlebt. Ziegler dozierte mit starkem Bezug zur französischen Ethnosoziologie von Balandier, Lévy-Strauss und Co. Gleichzeitig mobilisierte er unsere Gemüter mit Bezug zum Biafra-Krieg und zu den Kolonialkriegen in Angola, Mozambique und Guinea-Bissau.
Jahre später hatte ich das Privileg, mit zwei andern Ökonomen Zulieferhilfen zu leisten für sein erstes Buch zur Schweiz «La Suisse au-dessus de toute soupçon» («Eine Schweiz über jeden Verdacht erhaben», 1976). Es entfachte einen Aufruhr in den Medien. Noch nie zuvor hat einer so weltweit publikumswirksam Bankgeheimnis, Kapitalflucht, Geldwäscherei und die Doppelmoral der Schweiz vor Augen geführt und mit Beispielen illustriert. Von da an wurde Ziegler von der hiesigen Finanzplatz-Nomenklatura als nationaler Nestbeschmutzer exkommuniziert, denunziert und gemieden.

In der ganzen Welt bekannt
Ich glaube, ohne Jean Zieglers Weckruf von 1976 hätte die SP nach dem Chiasso-Skandal der Schweizerischen Kreditanstalt SKG nicht den Mut gehabt, ab 1978 die Bankeninitiative zu lancieren und bis 1984 (erfolglos) durchzuziehen. (Ich war dabei als Präsident der Vorbereitungsgruppe und später SP Zentralsekretär). SP-Präsident Helmut Hubacher stand immer zu Ziegler; und er spöttelte: «Im Ausland weiss ja niemand, wie unsere Bundesräte heissen, aber Jean Ziegler kennt man in der ganzen Welt.»
Ich war als SP-Zentralsekretär mit Jean Ziegler im April 1983 an der Tagung der Sozialistischen Internationale SI unter Willy Brandt und François Mitterand im portugiesischen Albufeira. Dort begrüsste Ziegler herzlich den gemässigten Palästinenser-Führer Issam Sartawi, den er gut kannte. Am nächsten Tag wurde Sartawi im gleichen Hotel von radikalen PLO-Kämpfern erschossen.
2003 war ich mit Jean Ziegler am World Social Forum in Porto Alegre und erlebte, wie er dort geehrt, applaudiert und vielsprachig als charismatischer Redner gefeiert wurde.
Ich erlebte als Parlamentskollege, wie sich schmalbrüstige politische Wadenbeisser gegen Ziegler zu profilieren suchten, – und meist an seiner freundlichen Nonchalance und Wortmächtigkeit abprallten.

In Details nicht immer sattelfest
Jean Ziegler hat in seinem Leben rund 30 Buchtitel herausgebracht, die weltweit in vielen Sprachen und in Millionenauflagen verbreitet worden sind. Solange er Nationalrat war, prallten die rechtlichen Klagen an seiner parlamentarischen Immunität ab. Doch nach seinem Rücktritt als Nationalrat und dann als Uno-Sonderberichterstatter gegen den Hunger war er nicht mehr geschützt. Er zahlte mit strafrechtlichen Bussen und Entschädigungen hunderttausende Franken.
Gewiss, in Details und Ziffern war Jean nicht immer sattelfest und solid. Wenn man ihn aufmerksam machte, er hätte sich um eine Zehnerpotenz getäuscht, dann antwortete er bekenntnishaft: «C’est une question de témoignage» – es geht um das Bekenntnis.
Kein Kritiker, kein Gelehrter und kein Politiker kann heute behaupten, Jean Ziegler hätte die fundamentalen Trends des Neokolonialismus und des späten Kapitalismus – etwa die Kapitalflucht, Geldwäscherei, Rohstoffkonzern-Macht und Potentatengelder falsch eingeschätzt oder masslos übertrieben. Der im globalen Süden weit Gereiste hatte lange vor den Anderen die Fehlentwicklungen erkannt und mutig benannt.

Zieglers Beziehung zu Diktatoren
Mehrere Nachrufe zu Jean Ziegler erwähnten mit Häme seine frühere Nähe zu Diktatoren wie Muammar al-Gaddafi, Hugo Chavez, Fidel Castro, Che Guevara, die er alle persönlich kannte. Auch ich empfinde, dass sich Jean mit seiner Solidarität hie und da verrannt hat. Aber, angesprochen auf seine Widersprüche, war er in der Lage, deren sozialpsychologische und historische Persönlichkeitsentwicklung vom Befreiungskämpfer und Guerillaführer zum autokratischen Staatschef zu erklären und einsichtig zu machen.
Die letzten Jahre seines Lebens konnte Jean Ziegler, wohl betreut von seiner zweiten Gattin, der bekannten Kunsthistorikerin Erica Deuber, in Russin verbringen und auch häufiger seiner Familie begegnen. Auch mit seiner ersten Frau Wédad Zénie-Ziegler, genannt «Minu», der Mutter seines Sohnes Dominique Ziegler, blieb der Kontakt aufrecht.
Jean Ziegler hatte noch nächste Buchprojekte im Kopf. Doch nun hat der 92-jährige im «Cimetière des Rois», dem Friedhof der historischen Persönlichkeiten der Stadt Genf, seine Ruhestätte gefunden.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Rudolf Strahm ist ehemaliger SP-Nationalrat und eidgenössischer Preisüberwacher. Er war sieben Jahre SP-Zentralsekretär.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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