Die US-Bevölkerung dürfte dieses Jahr zum ersten Mal abnehmen
Bald wissen wir es genau: Zu ihrem 250. Geburtstag könnten die die Vereinigten Staaten erstmals seit vielen Jahren schrumpfen. Die Bevölkerungsstatistik, die jeweils zum 1. Juli verglichen wird, zeigt bis zum 1. Dezember 2025 kaum noch Wachstum.
Eine der Ursachen: Migration. Nach einer im Januar veröffentlichten Studie der Denkfabrik Brookings Institution verliessen 2025 erstmals seit wenigstens 50 Jahren mehr Menschen die USA als zuwanderten. Dieser Trend werde sich 2026 sehr wahrscheinlich fortsetzen.

Der Wanderungssaldo lag demnach bei minus 10’000 bis minus 295’000 Personen. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, weil die USA keine Meldepflicht kennen. Einige Medien verwendeten den Mittelwert und berichteten von 150’000 Personen.
Mexiko, Kanada, Grossbritannien: Wohin die US-Auswanderer gehen
Wenigstens 180’000 US-Amerikaner:innen hätten 2025 das Land verlassen, meldete das «Wall Street Journal» (WSJ) im Februar und titelte «Amerikaner verlassen die USA in Rekordzahl». Der Artikel basierte auf Einwanderungsdaten von 15 Ländern. Demnach strömten so viele US-Amerikaner:innen die in die EU-Länder wie seit Langem nicht mehr. In Irland habe sich die Zahl der Einwander:innen aus den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr verdoppelt.
Eine grosse Gruppe verlässt das Land wegen des oft gewaltsamen Vorgehens gegen Migranten. Das US-Innenministerium führt laut dem «Guardian» 675’000 Menschen auf, die 2025 deportiert wurden und 2,2 Millionen, die die USA im vergangenen Jahr freiwillig verliessen – darunter vermutlich auch US-Bürger:innen, die Angehörige begleiteten.
Allein 50’000 US-Amerikaner:innen sind nach mexikanischen Angaben in das beliebteste Auswanderungsland Mexiko eingewandert. Weitere bevorzugte Zielländer sind Kanada und Grossbritannien – vermutlich wegen der räumlichen Nähe, aus sprachlichen, aber auch aus familiären Gründen: Viele US-Amerikaner haben europäische Wurzeln, was eine Einbürgerung erleichtert.
Attraktivität der USA nimmt ab
Gleichzeitig wurden die USA als Zuwanderungsland unattraktiver. Im November 2025 meldete das Statistische Bundesamt in Deutschland beispielsweise, dass bis Ende September mehr US-Bürger:innen nach Deutschland eingewandert seien als Deutsche in die USA auswanderten.
Laut Destatis lebten Ende 2025 insgesamt 118’130 US-Amerikaner:innen in Deutschland, rund 2000 weniger als Ende 2024 und etwa 4000 weniger als 2023. Im vergangenen Jahr wanderten aber weniger deutsche Staatsbürger:innen in die USA aus als in den Jahren davor.

Zwei von fünf jungen Frauen würden gehen
In den USA leben 343 Millionen Menschen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind das also kleine Zahlen. Nach Umfragen würde aber jeder Fünfte das Land dauerhaft verlassen, wenn er könnte.
Bei den Frauen sind es sogar noch mehr: Nach einer Gallup-Umfrage würden zwei Fünftel (40 Prozent) der jungen Frauen von 15 bis 44 Jahren auswandern, wenn sich eine Gelegenheit böte, aber nur halb so viele Männer (19 Prozent). Ein solcher Gender-Gap sei selten, schreibt Gallup. In vergleichbaren OECD-Ländern sei der Anteil junger Frauen nur halb so hoch.
Einer der Gründe sind die in den USA in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Lebenshaltungskosten und die vergleichsweise hohe Inflation. Europa, so die Wahrnehmung, sei günstiger (was nicht immer stimmt) und die Lebensqualität höher. Dazu kommt laut WSJ die wachsende Verbreitung des Arbeitens von zu Hause aus, was den Umzug erleichtere.
Dienstleistungsunternehmen, die US-Bürger:innen dabei helfen, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung oder Staatsbürgerschaft in einem anderen Land zu erlangen, bekommen so viele Anfragen wie nie. Der grösste Teil der auswanderungswilligen Reichen führe «politische Gründe» an, schreibt «CNBC», das sich bei einer Agentur namens Expatsi erkundigt hatte. Dort bemühten sich vor allem eher wohlhabende Einzelpersonen oder Paare um den Umzug ins Ausland und gäben dafür «hunderte Dollar» aus.
Die wirklich Reichen gehen einen anderen Weg: In wenigstens der Hälfte aller Länder weltweit kann die Einbürgerung sehr schnell gehen, wenn der Zuwanderer dort Geld investiert. Oder die Staatsbürgerschaft lässt sich direkt kaufen. Nach Daten der UBS hätten von 87 Milliardärskunden im vergangenen Jahr 31 wenigstens einmal ihren Wohnsitz verlegt, schreibt der «Guardian»
Erleben die USA einen «Democracy Drain»?
Potenzielle Auswanderer:innen seien nach allem, was die Wissenschaft über sie wisse, in der Regel aufgeschlossener, unternehmungslustiger und jünger als die Durchschnittsbevölkerung, schreibt der Migrationswissenschaftler Justin Gest in einem «Guardian»-Kommentar. Gest ist mehrfach ausgezeichneter Autor mehrerer Bücher zum Thema. Er lehrte und lehrt an mehreren grossen Hochschulen.
Migrant:innen seien meist besser ausgebildet und wohlhabender, führt er auf. Viele der US-Auswanderer seien Wissenschaftler:innen. Bei einigen erregte der Umzug grössere Aufmerksamkeit. Der Historiker Timothy Snyder und seine Frau, die ebenfalls Historikerin ist, lehren beispielsweise inzwischen im kanadischen Toronto.
Die Frage sei daher nicht so sehr, wie viele gehen, sondern wer geht, schreibt Gest und formuliert eine interessante These: Neben einem «Brain Drain» drohe den Vereinigten Staaten der Verlust eher liberaler, demokratisch gesinnter und engagierter junger Menschen – ein «Democracy Drain» sozusagen. Oder «Democratic Drain» – der Titel von Gests jüngstem Buch.
Kreislauf aus Emigration und autoritärer Regierungsführung
Nach Gests Beobachtungen «ordnen» sich Migranten demokratischeren Länder zu. Sie seien häufiger liberal oder politisch eher links eingestellt. Das erscheint nachvollziehbar – wer ins zumindest teilweise Unbekannte aufbricht, legt häufig Wert auf funktionierende Institutionen und demokratische Strukturen.
US-Auswanderern liege eine lebendige Demokratie mehr am Herzen als jenen, die blieben, folgert Gest. Seine Forschung lege nahe, dass sich Auswander:innen stärker für die Integrität liberal-demokratischer Institutionen einsetzten. Gerade diese Menschen würden dem Land künftig schmerzlich fehlen. Je mehr junge, liberale Menschen gingen, desto konservativer, wenn nicht autoritärer, könnte das Land werden.
Ein paar hunderttausend Menschen sind gemessen an der Gesamtbevölkerung der USA keine riesige Zahl. Bedenke man, dass in manchen Wahlkreisen bereits einige tausend Stimmen über den Ausgang einer Wahl entscheiden können, sei diese Entwicklung keineswegs bedeutungslos, argumentiert Gest. Die USA könnten sich im schlimmsten Fall in eine Gruppe von Ländern einreihen, in denen sich Emigration und autoritäre Regierungsführung gegenseitig verstärken. Als Beispiele nennt er Ungarn, Indien, Israel und die Türkei.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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