Ein Wissenschaftsjournalist im Dienst der US-Propaganda
Mehr als 80 Jahre nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki deckt der Dokumentarfilm «Bombshell» auf, wie ein Journalist half, eine für die damalige US-Regierung positive Geschichte zu konstruieren. Der frühere Wissenschaftsjournalist der «New York Times», William L. Lawrence, wusste jahrelang vom geheimen «Manhattan Project» der US-Armee zur Herstellung einer Atombombe – und er bestimmte bis weit über die nukleare Zerstörung der beiden japanischen Städte hinaus das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild.
Der Dokumentarfilm «Bombshell»
«Bombshell» – nicht zu verwechseln mit dem oscargekrönten Spielfilm «Bombshell: Das Ende des Schweigens» von 2019 – erhielt am diesjährigen «Uranium Film Festival» den Preis für den besten investigativen Dokumentarfilm. Er trägt den bezeichnenden Untertitel: «Sie schufen die Bombe, dann schufen sie die Story».
Der Dokumentarfilm handelt nicht direkt von der Herstellung der Atombombe im Zug des Zweiten Weltkrieges und vom Abwurf über Hiroshima und Nagasaki, auch wenn diese Geschichte dauernd präsent ist. Der eigentliche Fokus liegt auf der Art und Weise, wie die US-Regierung und die Verantwortlichen für das Atombombenprogramm («Manhattan Project») die Berichterstattung in den Medien kontrollierten, manipulierten und für ihre Zwecke umformten.
Der Film besteht aus vielen historischen Zeugnissen (Filmsequenzen, Fotos, Interviews), sowie einer Reihe von Kommentaren durch heutige Geschichtswissenschaftlerinnen, Journalisten und anderen Medienschaffenden. Eine Stimme aus dem Off verbindet die Sequenzen zu einem stimmigen Ganzen. «Bombshell» ist eine Produktion des US-amerikanischen Public Broadcasting Service und wurde am 6. Januar 2026 erstmals in den USA gezeigt.
«Hauptdarsteller» in diesem mit viel Aufwand recherchierten dunklen Kapitel der US-Geschichte sind General Leslie R. Groves, Verantwortlicher für das bis zum Atomabwurf 1945 geheim gehaltene Atombombenprogramm «Manhattan Project» der US-Regierung, sowie der Wissenschaftsjournalist William L. Lawrence, der bei der «New York Times» arbeitete, aber gleichzeitig insgeheim von Groves unter Vertrag genommen wurde. Angesichts des Wettrennens mit Nazi-Deutschland um die Herstellung der neuen «Wunderwaffe» wurde das Atombombenprogramm in den USA ab 1939 unter höchster Geheimhaltung und mit einem Budget von über zwei Milliarden US-Dollar vorangetrieben.
Gezielte Manipulation der öffentlichen Meinung
Die Rolle von William Lawrence war es, die Berichterstattung über die «Geheimwaffe» im Sinne der US-Regierung zurechtzurücken und gegenteiligen Medienberichten entschieden entgegenzutreten. Schon bei den ersten Atombombenversuchen in der Wüste von New Mexico, bei denen Lawrence als Beobachter dabei war, galt es, das Thema der radioaktiven Verseuchung zu leugnen oder zumindest herunterzuspielen. Die Bürgerinnen und Bürger der USA sollten den Eindruck bekommen, dass es sich nicht um eine «schmutzige» Waffe wie die deutschen Chemiewaffen (Senfgas) handle, sondern um eine gezielt gegen militärische Ziele einzusetzende Bombe mit hoher Wirkungskraft.
Was Lawrence im Rahmen des «Manhattan Projects» als von der Regierung «gekaufter» Journalist praktisch ohne Widerrede kritischer Journalisten tun konnte, sollte sich schliesslich mit den beiden Abwürfen vom 6. und 9. August 1945 über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki bewahrheiten. Präsident Trumann brach am 7. August 1945 die jahrelang aufrechterhaltene Geheimhaltung mit den Worten: «Vor sechzehn Stunden hat ein amerikanisches Flugzeug eine Bombe auf Hiroshima abgeworfen, einer wichtigen japanischen Militärbasis.» Diese Halbwahrheit sollte in den nächsten Jahren die offizielle Version der US-Regierung zu den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki bilden.
Zensur und versteckter Rassismus
Neben Lawrence wurden auch der Regierung gefügige Ärzte und Physiker herangezogen, welche die relative Ungefährlichkeit der neuen Waffe für den Menschen beweisen sollten. Trotz gegenteiliger Evidenz wurden die Auswirkungen des Atombombentests («Trinity Test») in New Mexico, der ausgerechnet am Tag vor der Potsdam-Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) stattfand, vom medizinischen Berater Stafford L. Warren heruntergespielt. Die US-Regierung unter Präsident Harry S. Truman sprach zunächst von der Explosion eines Munitionslagers, bis sie nach dem Abwurf von Hiroshima den Atombombentest zugab. Die beiden anderen Teilnehmer der Konferenz von Potsdam, Churchill und Stalin, waren ahnungslos.
Der Dokumentarfilm «Bombshell» zeigt eindrücklich, wie die öffentliche Meinung der US-Bevölkerung nach den beiden Abwürfen in Japan manipuliert worden ist. Schon im Vorfeld wurden die Japaner in rassistischer Art und Weise als «Monster» diskreditiert. Der afroamerikanische Journalist Charles Loeb äusserte schon bald die Vermutung, die erste Atombombe sei aus rassistischen Gründen nicht auf die «weissen» Nazi-Deutschen, sondern die «farbigen Japs» abgeworfen worden.
Leugnen und Verdrehen der Wahrheit
Die Berichterstattung aus Hiroshima und Nagasaki wurde einer strengen Zensur unterworfen. Bilder verletzter oder getöteter Menschen durfte die US-Bevölkerung nicht zu Gesicht bekommen. Berichte japanischer Berichterstatter wie jene des US-japanischen Journalisten Leslie Nakashima, dessen Mutter in Hiroshima wohnte, durften nur in Japan selber veröffentlicht werden. In den USA galten sie als «japanische Propaganda».
Die radioaktive Verstrahlung und deren Folgen wurden anfänglich geleugnet, von gesundheitlichen Langzeitfolgen war entgegen besseren Wissens keine Rede. Noch im November 1945 konnte Lawrence schreiben, dass ein Tod durch radioaktive Verstrahlung «relativ angenehm» (pleasant) sei, eine Ungeheuerlichkeit angesichts der Zeugnisse, die damals schon vorlagen. General Groves lud ausgewählte Journalisten zu einem Augenschein ins Testgelände von Los Alamos in New Mexico, um sich selber zu überzeugen, dass es «keine radioaktive Strahlung» gab. Dabei kannten die Farmer im näheren Umfeld bereits die Folgen für Vieh und Menschen. «Für seinen Augenzeugenbericht über den Atombombenabwurf auf Nagasaki und seine darauffolgenden zehn Artikel über die Entwicklung, Herstellung und Bedeutung der Atombombe» wurde Lawrence 1946 ein zweiter Pulitzer-Preis verliehen, den ersten hatte er bereits 1937 erhalten.
Von der Leugnung zum geringeren Übel
Allerdings sickerten aus Japan immer mehr Meldungen von schrecklichen Verletzungen und Tausenden von Toten an die Öffentlichkeit. Verschiedene Journalisten, die nach Hiroshima gereist waren, widersprachen den Aussagen von General Groves und dem Journalisten Lawrence. Es handle sich nicht um irgendeine Waffe mit grosser Wucht und Zerstörungskraft, sondern um eine, die Strahlung freisetze und über Jahre und Jahrzehnte Menschenleben fordere. Der Investigativjournalist John Hersey veröffentlichte 1946 im «The New Yorker» unter dem Titel «Hiroshima» eine ausführliche Reportage aufgrund von Zeugnissen von Betroffenen von Hiroshima. Sie war ein Bestseller.
Die US-Regierung konnte die wahre Art der «Wunderwaffe» nicht länger unter Verschluss halten und ging zum Gegenangriff über. Als Gegendarstellung zu Herseys Augenzeugenbericht veröffentlichte der Kriegssekretär Henry Stimson 1946 den Bericht «Why we dropped the atomic bomb?» (Warum haben wir die Atombombe abgeworfen?). Die Erzählung änderte sich nun insofern, als die radioaktive Strahlung und die menschlichen Opfer nicht länger geleugnet werden konnten. Allerdings wurden die Abwürfe gerechtfertigt mit dem Argument, das kleinere von zwei Übeln gewählt zu haben. Das grössere Übel wäre eine mögliche Verlängerung des Krieges in Fernost um mindestens ein Jahr gewesen, und damit weit mehr Opfer auf US-amerikanischer und japanischer Seite, als die Bomben in Hiroshima und Nagasaki gekostet hätten.
«Kontrollierte Information» hält an
Die «kontrollierte Information» durch Leute wie General Groves und den Wissenschaftsjournalisten Lawrence sollte noch bis zum Ende der US-Besatzung von Japan 1952 andauern. Erst danach wurden fotografische und andere Zeugnisse von den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki publik. Doch die «Geschichte» von der relativen Harmlosigkeit und Alternativlosigkeit der Abwürfe hatte sich in breiten Kreisen der US-Bevölkerung bereits festgesetzt. Der Journalist William L. Lawrence trug mit seinem Doppelspiel nicht unwesentlich zu dieser Deutung bei, die der heutigen US-Regierung entgegenkommen dürfte.
Umso wichtiger ist ein Dokumentarfilm wie «Bombshell».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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