In einem von der Uhrenfirma Longines gesponserten Film erzählt William L. Laurence vom ersten Atombomben-Test im Juli 1945 in den USA, bei dem er als Journalist dabei gewesenwar (Prelinger Archive).

Das zwielichtige Werk des «Atombomben-Bill»

Rainer Stadler /  Als Journalist der «New York Times» war William L. Laurence exklusiv dabei bei der Erfindung der Atombombe. Es war ein Doppelspiel.

Er trug den Übernamen «Atomic Bill» – weil er als einziger Augenzeuge dabei war, als die USA im Zweiten Weltkrieg die Atombombe entwickelten und damit Hiroshima und Nagasaki auf einen Schlag auslöschten. Das so zerstörerische wie umwälzende Kriegsereignis prägte die Karriere von Laurence. Er konnte auch den Abwurf der Bomben über den beiden japanischen Städten im Juli 1945 direkt mitverfolgen. Seine Artikel darüber trugen ihm einen Pulitzer-Preis ein, machten ihn berühmt, und er genoss seine Bekanntheit später auch als Salonlöwe. Die Texte schrieb er als Wissenschaftsjournalist für die «New York Times». 34 Jahre lang arbeitete der 1888 in Litauen geborene Mann für das Blatt. Aber nicht nur für dieses, wie nun zwei neue Bücher darlegen. Die Zeitung seines ehemaligen Arbeitgebers hat dieser Tage darüber berichtet.

Laurence liess sich bewusst in die Regierungspropaganda einspannen. In der blutigen Auseinandersetzung mit Japan war dies für viele Zeitgenossen und Journalisten auch eine bürgerliche Pflicht. Journalistische Unparteilichkeit gerät in Kriegszeiten ohnehin unter Generalverdacht. Ein Kadermitglied der «Times»-Redaktion meinte denn auch rückblickend: Man habe einen Kampf ums Überleben geführt. Entsprechend habe Laurence als Held gegolten.

Der Verleger wusste es

Doch dieser liess sich auch von verschiedenen Regierungsvertretern bezahlen. Vincent Kiernan, einer der Buchautoren, sagte der «New York Times»: Laurence entschied nicht gemäss dem öffentlichen Interesse, sondern gemäss dem, was ihm selbst am besten diente. Laurence meinte später einmal, man habe ohne Kompensationsmöglichkeiten 70 Stunden pro Woche gearbeitet. Zeitungsjournalisten seien ausgebeutet worden. Seine Doppelrolle scheint überdies dem Verleger, Arthur Hays Sulzberger, bekannt gewesen zu sein. Eine autorisierte Zeitungsbiographie (1851 bis 1951) bekräftigt dies. Sulzberger sei gar stolz darüber gewesen, dass das Militär einen seiner Mitarbeiter für die exklusive Berichterstattung ausgewählt hatte.

Als Regierungsmitarbeiter schrieb Laurence unter anderem einen 17-seitigen Entwurf für eine Rede von Präsident Truman, in dem mit Bezug auf die Atombombe von kosmischem Feuer, amerikanischer Genialität und Weitsichtigkeit die Rede war. Das Papier wies man allerdings als zu blumig zurück. Nach den Bombenabwürfen wurden aber seine wissenschaftlicheren Texte unter der amerikanischen Presse verteilt, so dass Laurence mit seinen exklusiven, von oben abgesegneten Informationen die nationale Berichterstattung über die Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki prägen konnte. In einem im September 1945 für die «New York Times» publizierten Leitartikel bezeichnete er es als japanische Propaganda, dass die radioaktive Strahlung nach der Bombenexplosion Tausende von Opfern verursacht habe. Vernichtend sei vielmehr die riesige Detonation gewesen. Getreu der Regierungsmeinung sollte die Öffentlichkeit nicht mit der Vorstellung von Opfern in Todesqualen konfrontiert werden.

Lange eine verbreitete Praxis

Doppelrollen nahm Laurence aber auch nach dem Ende des Weltkriegs wahr. So liess er sich für die Weltausstellung von 1964 in New York engagieren. Für entsprechende Arbeiten bezogen er und sein Team 30’000 Dollar – gemäss der «New York Times» entspricht dies einem heutigen Wert von 275’000 Dollar. Ferner war er zu dieser Zeit an einer Projektgruppe zur Errichtung eines Wissenschaftsmuseums beteiligt. Im April 1963 schrieb er einen Kommentar zugunsten eines solchen Baus, und am folgenden Tag vertrat er das Projekt erfolgreich vor dem zuständigen behördlichen Ausschuss. Dies war dann der Chefetage seiner Zeitung zu viel. Sie untersagte ihm eine Fortsetzung dieses Doppelspiels. Derartige Grenzüberschreitungen waren damals allerdings eine weitverbreitete Praxis. Auch hierzulande. «Keuschheit» als publizistische Norm ist eine vergleichsweise neue Zeiterscheinung.


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