Hochhäuser in Berlin

Auch in Berlin können sich inzwischen viele keine eigene Wohnung mehr leisten. © Fotandy / Depositphotos

Geteiltes Wohnen: Die britische Kommunalka

Piotr Biegasiewicz /  In Städten wie London sehen sich immer mehr Menschen zum «shared living» gezwungen. Für die Wohnungskrise ist das keine Lösung.

Red. – Piotr Biegasiewicz ist Essayist, Lyriker und Übersetzer. Er studierte Philosophie sowie Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Sein Artikel erschien am 24. Mai 2026 in der «Berliner Zeitung».

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Am Morgen zischt der Wasserkocher in einer Küche, die allen gehört und niemandem. Eine Etage, fünf Zimmer, sechs Paar Schuhe im Flur. Hinter jeder Tür beginnt ein anderes Leben. Aber kein Zuhause. Wer hier wohnt, besitzt kein Haus. Er besitzt einen Schlüssel.

Das ist Grossbritannien. Aber Berlin sollte genau hinschauen. Denn die Wohnungsfrage beginnt früher als die Obdachlosigkeit. Sie beginnt, wenn aus der Wohnung ein Zimmer wird, aus dem Zuhause eine bezahlbare Zwischenlösung.

In Berlin beginnt diese Zukunft leise. Mit einem möblierten Zimmer in Neukölln. Mit einem befristeten Vertrag in Wedding. Mit einer Anzeige, in der zwölf Quadratmeter als gemütlich beschrieben werden. Mit dreissig Menschen im Treppenhaus.

Grossbritannien zeigt, wohin eine Gesellschaft gerät, wenn Eigentum zur Religion und Miete zur Disziplin wird. Wenn das Zuhause schrumpft, bis nur noch ein abschliessbares Zimmer übrig bleibt.

Margaret Thatchers Versprechen

In Grossbritannien heisst diese Wohnform HMO, House in Multiple Occupation: ein Haus, in dem mehrere Menschen aus mehr als einem Haushalt leben und Küche, Bad oder Toilette teilen. Praktisch ist es oft eine Ansammlung vermietbarer Zimmer.

Für deutsche Ohren klingt geteiltes Wohnen zunächst harmlos. WG, Studium, Küchentisch, billiger Wein. Aber das britische HMO hat mit dieser Erinnerung oft wenig zu tun. Eine WG kann der Versuch sein, anders zu leben. Im HMO geht es darum, überhaupt noch irgendwo zu leben.

Es gibt ein Bett. Einen Schrank. Eine Heizung, die nicht immer warm wird. Einen Schreibtisch, wenn Platz bleibt. Die Küche ist gemeinsam, aber nicht gemeinschaftlich. Das Bad ist geteilt, aber nicht solidarisch. Die Haustür öffnet nicht in ein Zuhause, sondern in einen Markt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das „council house“ ein Stück sozialer Staatsbürgerschaft. Dann kam „Right to Buy“. Margaret Thatcher versprach dem Mieter das Eigentum und der Arbeiterklasse die Aufnahme in die Religion des Privateigentums. Seit 1980 wurden in England mehr als zwei Millionen Sozialwohnungen verkauft. Der öffentliche Bestand schrumpfte, der private Markt wuchs. Thatcher versprach dem Arbeiter das eigene Haus. Der Markt gibt seinem Enkel ein Zimmer mit Schloss.

Das HMO ist kein Betriebsunfall. Es ist eine rationale Form des britischen Mietkapitalismus. Ein Reihenhaus, in dem früher eine Familie lebte, kann in fünf oder sechs Mietverträge zerlegt werden. Wohnzimmer, Esszimmer, Dachraum, alles kann Schlafzimmer werden.

Wo früher eine Familie wohnte, wohnen heute fünf Verträge. Das Haus hört auf, ein Ort des Lebens zu sein. Es wird zu einer Tabelle. Zimmer eins. Zimmer zwei. Zimmer drei. Kaution. Miete. Rendite.

Wer zu wenig verdient, wird aussortiert

Die Sprache dieses Marktes ist weich. Aus Wohnungsnot wird „shared living“. Aus Enge wird flexibility. Aus der Tatsache, dass ein arbeitender Mensch sich keine eigene Wohnung leisten kann, wird „affordable accommodation“. „Shared living“ klingt nach Freiheit. In Wahrheit ist es oft nur Armut mit Wlan.

Auch Berlin kennt diese Sprache. Möbliertes Zimmer. Serviced Apartment. Flexible Wohnlösung. Kleine Fläche, hoher Preis, kurzer Vertrag. Wörter, die nach Zukunft klingen und oft nur bedeuten, dass Wohnen zur Übergangslösung wird.

Wer heute in Berlin eine Wohnung sucht, lernt die Demut des Formulars. Schufa, Gehaltsnachweise, Selbstauskunft, Bewerbungsmappe, Warteschlange im Treppenhaus. Wer zu wenig verdient, wird aussortiert. Wer neu in der Stadt ist, nimmt, was bleibt.

Und was bleibt, ist immer öfter nicht Wohnung, sondern Zimmer, Übergang, Kompromiss. Berlin ist nicht London. Aber die Richtung ist erkennbar: möbliert statt dauerhaft, Zimmer statt Wohnung, Bewerbungsmappe statt Ankommen in der Stadt. Die britische Kommunalka ist keine exotische Abweichung. Sie ist eine Warnung.

Ein Leben hinter nummerierten Türen

Wer im HMO wohnt, ist nicht nur Student. Diese Vorstellung ist bequem, aber falsch. Die britische Kommunalka ist längst auch Wohnform für Menschen, die arbeiten: Lagerarbeiter, Pflegerinnen, junge Angestellte mit Abschluss, Frauen nach einer Scheidung, Menschen mit Verträgen und Lebensläufen.

Das HMO ist die Wohnform jener, die arbeiten, aber aus dem Wohnen herausgepreist wurden. Diese neue britische Arbeiterklasse lebt hinter nummerierten Türen. Sie sieht nicht immer so aus, wie man sich Arbeiter früher vorgestellt hat. Manchmal trägt sie Kopfhörer, Ausweis und Müdigkeit. Sie hat Jobs, Schichten, Bankkarten, Smartphones, manchmal Abschlüsse. Aber sie hat kein Zuhause, das diesen Namen verdient.

Auch darin liegt eine Lektion für Berlin. Die Wohnungsfrage trifft nicht mehr nur die Armen im alten Sinn. Sie trifft jene, die morgens die Stadt öffnen: Pakete tragen, Kinder betreuen, Kranke pflegen, Büros reinigen, Cafés am Leben halten, Daten sortieren. Sie sind nicht ausserhalb der Stadt. Sie sind ihre Infrastruktur. Aber die Stadt behandelt sie zunehmend wie Gäste auf Widerruf.

Ein Markt, der die Krise organisiert

Der britische Mietmarkt hat eine eigene Pädagogik. Er bringt Menschen bei, kleiner zu denken. Der Wohnort wird nicht nach Nähe, Bindung oder Zukunft gewählt, sondern nach dem Restbetrag auf dem Konto. Ein Kind, ein Tisch, Besuch, Krankheit, Ruhe, all das gehört zu einem Leben, das Wohnraum braucht. Der Mietmarkt übersetzt es in Kosten.

Im März 2026 lag die durchschnittliche private Monatsmiete im Vereinigten Königreich bei 1377 Pfund. In London waren es 2280 Pfund. In England wurden für 2023/24 fast eine halbe Million Immobilien dieser Art geschätzt. Das sind Wohnformen eines Marktes, der die Krise nicht löst. Er organisiert sie.

Eine besonders scharfe Ironie

Hier liegt die historische Ironie. Grossbritannien, das Mutterland des privaten Hauseigentums, produziert eine Wohnform, die an die alte Kommunalka erinnert, also an eine in Russland seit Mitte des 19. Jahrhunderts bestehende Wohnform: gemeinsame Küche, gemeinsames Bad, enge Flure, minimale Privatheit. Doch die Ursache ist eine andere.

Die britische Kommunalka ist keine Rückkehr des Sozialismus. Sie ist eine bittere Pointe des Marktes. In der alten Kommunalka teilte man die Küche, weil der Staat Privatheit nicht garantieren konnte. Im heutigen HMO teilt man die Küche, weil der Markt sie unbezahlbar gemacht hat. Damals stand am Anfang Mangelverwaltung. Heute steht am Anfang Rendite. Nur der Name ändert sich. Der heutige Markt nennt das nicht Mangel. Er nennt es Angebot.

Für Berlin ist diese Ironie besonders scharf. Kaum eine Stadt kennt gemeinschaftliche Enge, staatliche Wohnungsversprechen und private Spekulation so gut. Kaum eine Stadt weiss besser, dass Wohnen nie nur Architektur ist. Es ist Ordnung des Alltags. Es ist Macht über Zeit, Nähe, Körper, Schlaf, Zukunft.

Wenn der Wohnungsmarkt versagt, merkt man das nicht zuerst in Diagrammen. Man merkt es morgens in der Küche. Daran, dass niemand mehr richtig zu Hause ist.

Deutschland sollte sich nicht zu sicher fühlen. Auch hier wird Wohnraum zur Anlageklasse. Auch hier wird Wohnen befristet, möbliert, flexibilisiert, verteuert. Auch hier bedeutet ein Arbeitsvertrag noch lange keine Wohnung.

Hinter der Tür beginnt eine andere Müdigkeit

Am Abend geht das Licht in der Küche wieder aus. Die Teller stehen im Abtropfgestell. Im Flur knarren die Dielen. Hinter jeder Tür beginnt eine andere Müdigkeit. Niemand hat hier den Sozialismus gebaut. Niemand hat die Gemeinschaft gewählt. Niemand nennt es Niederlage. Und doch liegt sie in der Luft.

Grossbritannien hat jahrzehntelang vom eigenen Haus geträumt. Vom Garten. Von der Haustür. Vom kleinen Reich der privaten Sicherheit. Nun lernt ein Teil der arbeitenden Bevölkerung, diesen Traum auf zwölf Quadratmeter zu verkleinern.

Berlin sollte das nicht als britische Kuriosität verstehen. Sondern als Warnung. Denn die Zukunft der Wohnungsfrage beginnt nicht erst, wenn Menschen auf der Strasse schlafen. Sie beginnt früher. Wenn eine Stadt ihren Bewohnern nur noch Zimmer anbietet.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Piotr Biegasiewicz ist Essayist, Lyriker und Übersetzer. Er studierte Philosophie sowie Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Uniwersytet Adama Mickiewicza w Poznań und an der The Open University im Vereinigten Königreich.
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